Corona-Mahnwachen

Ein lauter Protest in stiller Form

Simon Gehren und Roman Bolliger haben mehrere Mahnwachen initiiert, um an die Menschen zu erinnern, die am Coronavirus gestorben sind. Sie wollen damit der Trauer Ausdruck geben, aber auch Politik und Gesellschaft aufrütteln.

Für jedes Corona-Opfer wurde auf dem Bundesplatz eine Kerze entzündet. (Bild: zVg /Pascal Fouquet)

Ein Meer aus Kerzen auf dem Bundesplatz – für jeden Corona-Toten, für jede Corona-Tote eine. Damit leisten Roman Bolliger und Simon Gehren zusammen mit mehreren Freiwilligen einen stillen Protest gegen die aktuelle Pandemie-Politik. «Diese Todesfälle hätte man verhindern können», sagt der Jurist Gehren. Doch erwähnt würden die Toten – wenigstens in der Politik – kaum. Im Oktober hat ihn das fertiggemacht, wie er sagt. So kontaktierte er verschiedene Personen und Organisationen, unter anderem auch einen Pfarrer, ob man nicht «etwas machen» könnte. Doch er stiess auf wenig Resonanz.

Über das soziale Netzwerk Twitter fand er aber mit Roman Bolliger zusammen, einem Naturwissenschaftler. Die beiden beschlossen im November spontan, Mahnwachen zu organisieren. So entstanden Kerzenmeere in Zürich, Basel, Bern und Aarau. Seither hat sich die Idee v erselbständigt: In Solothurn gab es nun eine Mahnwache, an der Gehren und Bolliger nur noch am Rande beteiligt waren.

«Grösste Katastrophe der letzten 100 Jahre»

Die Idee hinter den Mahnwachen: Politik und Gesellschaft aufrütteln. Auch Roman Bolliger kritisiert, dass die über 5000 Todesfälle kaum thematisiert würden. Dabei befinde sich die Schweiz in der grössten Katastrophe der letzten 100 Jahre, was den Verlust von Menschenleben angehe. «Das ist umso unverständlicher, als die Schweiz eigentlich genügend Möglichkeiten hätte, die Menschen zu schützen – sie werden einfach ungenügend genutzt.»

Simon Gehren (Bild: zVg)

Gehren pflichtet ihm bei: «Der Schutz des Lebens ist eine der grundlegendsten Funktionen des Staates. Wenn der Staat hier versagt, dann kann man sich fragen, was überhaupt noch sein Zweck ist.»

«Das entspricht nicht unserem Bild von der Schweiz»

Die Politiker hätten denn auch eine Mitverantwortung für die Ausbreitung des Virus, sagt Simon Gehren. Sie hätten zu spät reagiert, verharmlost und zu lasche Massnahmen erlassen. Und genau deshalb würden sie nicht über die vielen Toten sprechen – weil sie dann ihre Mitverantwortung eingestehen müssten. Bolliger fügt hinzu, dass die Reaktion auf diese Krise für viele Schweizerinnen und Schweizer nur schwer mit ihrem Bild von der Schweiz vereinbar sei. «Die Achtung der Menschenrechte und die humanitäre Tradition sind Kernelemente der Schweiz, das hält uns zusammen. Die meisten Menschen in der Schweiz sind zu einem stärkeren Schutz der Menschen vor dem Virus bereit. Doch dazu braucht es eine Regierung, die den Weg zeigt.»

Neben der Kritik wollen Gehren und Bolliger mit den Mahnwachen aber auch einen Raum für die Trauer schaffen. Mit dem Kerzenmeer könne man ansatzweise nachvollziehen, wie viel da verlorengegangen sei, wie viele Schicksalsschläge hinter den nackten Zahlen stehen, so Bolliger. Das Bedürfnis nach Trauern sei sehr gross, bestätigen beide Initianten.

Religiös und politisch neutral

Bei den Mahnwachen hätten verschiedenste Leute zusammengefunden, vom Pfarrer bis zum Freidenker. Die Mahnwachen seien religiös und politisch neutral, das betonen beide Initianten. Gerade dies schätzt der Pfarrer Andri Kober, der auf der Fachstelle Gemeindeleben der evangelisch-reformierten Gesamtkirchgemeinde Bern arbeitet. So würde niemand ausgeschlossen, die Toten seien ja nicht nur Christen, sagt er. Kober hat spontan bei einer Mahnwache mitgeholfen und war beeindruckt von der «starken Symbolkraft» der Aktion.

Roman Bolliger (Bild: zVg)

In den Kirchen werde das Thema nicht ignoriert, sagt Andri Kober. Es passiere viel Trauerarbeit und den Toten werde im kirchlichen Rahmen gedacht – vorwiegend auf lokaler Basis, in den Kirchgemeinden. Kober erwähnt etwa spezielle Gedenkfeiern, Erinnerungsbücher, die in Kirchen aufliegen, oder Seelsorge für die Hinterbliebenen. Aber davon höre man halt weniger, es sei «unspektakulärer». Die private Initiative der Mahnwachen sei da eine gute Ergänzung zum kirchlichen Angebot.

Appell an die ganze Bevölkerung

Auch Roman Bolliger und Simon Gehren finden, dass sich einige ihrer Anliegen mit jenen der Kirche decken: Dem Schutz des Lebens und dem Gedenken an die Toten. Sie appellieren an die Kirchen, sich noch mehr zu engagieren. Aber der Appell gelte eigentlich der ganzen Bevölkerung, so Roman Bolliger. «Es braucht noch mehr Leute, die ihre Stimme erheben. Damit ein Ruck durch die Gesellschaft geht und wir endlich anfangen, Menschenleben wirklich zu schützen.»