Interview

«Ich habe Pflegende weinen sehen»

Pfarrerin Barbara Oberholzer erlebt als Spitalseelsorgerin am Universitätsspital Zürich zurzeit belastende Szenen. Pflegende sind am Anschlag, Patientinnen verunsichert. Sie fordert nun rasches Handeln.

Frau Oberholzer, wie ist die Lage am Universitätsspital Zürich?
Hektisch und angespannt. Die Pflegenden, Ärztinnen und Ärzte sind extrem unter Druck. Sie eilen von einem Bett zum nächsten, von einer Station zur anderen. Das Spital ist rappelvoll, die Patienten werden auf den Stationen untergebracht, wo es gerade noch geht.

Die reformierte Pfarrerin Barbara Oberholzer arbeitet als Spitalseelsorgerin am Universitätsspital Zürich. (Bild: zVg)

Wie erleben Sie die Menschen vor Ort?
Die Angestellten sind am Anschlag. Was ihnen am meisten zu schaffen macht, ist, dass sie auch mit grösstem Einsatz den Eindruck haben, nicht mehr den eigenen Qualitätsansprüchen gerecht zu werden. Das ist wirklich belastend. Ich habe einige Pflegende weinen sehen. Der Druck ist einfach zu gross.

Wie geht es den Patienten?
Die leiden auch. Das Besuchsrecht ist sehr eingeschränkt. Das macht vielen zu schaffen. Nur noch eine Person darf für maximal eine Stunde pro Tag vorbeikommen. Das stellt gerade Schwerkranke vor schwierige Entscheidungen, weil sie sagen müssen, wer sie besuchen darf. Patienten ohne Covid-19 nehmen die Überlastung des Systems durchaus auch wahr. Sie haben Angst vor Fehlern. Und sie fürchten, sich im Spital anzustecken.

Wie gehen Sie mit der schwierigen Situation um?
Ich führe wenn möglich kurze Gespräche mit dem Personal. Längere liegen gar nicht drin. Das beelendet mich zutiefst. Besonders auch, dass es noch immer keine strengeren Massnahmen der Politik gibt, um die Spitäler wenigstens etwas zu entlasten. Dass nicht klar ist, wie lange dieser Extremzustand, dieser Marathon noch anhält, macht allen hier zusätzlich zu schaffen. Ich bin aber gerührt, wie das Personal sich gegenseitig unterstützt und auch tröstet. Für die Patientinnen und Patienten nehme ich mir dafür umso mehr Zeit.

«Wir stehen kurz vor dem Kollaps des Gesundheitssystems. Es braucht jetzt griffige Massnahmen.»

Der Bund sieht vorerst von strengen Massnahmen ab. Die Skipisten und Läden sind voll. Macht Sie das wütend?
Ich habe dafür wenig Verständnis. Klar muss man immer einen klugen Mittelweg finden. Nun stehen wir aber kurz vor dem Kollaps des Gesundheitssystems. Es braucht jetzt griffige Massnahmen, die die Infektionen senken und die Betriebe, die nicht mehr öffnen dürfen, entschädigt.

Was möchten Sie den Menschen ausserhalb des Spitals sagen?
Bleiben Sie gesund und lassen Sie auch andere gesund bleiben. Jedes Spitalbett zählt. Es hat wirklich kaum noch Platz und es kann aufgrund des strengen Besuchsrechts sehr einsam werden. Es braucht nun die Solidarität der Bevölkerung, wie wir sie im Frühling gespürt hatten. Schuldzuweisungen bringen wenig. Gemeinsam müssen wir die Pandemie in den Griff bekommen. Nur so können wir dazu beitragen, menschliches Leid zu verringern.