Ausblick

Diese Themen beschäftigen die Reformierten 2023

Finanzielle Fragen, aber auch politische Herausforderungen stellen sich den reformierten Kirchen in diesem Jahr. Ein Überblick über das, was wichtig wird.

Wohin führt das neue Jahr die Reformierten? Sicher ist: Es gibt einige Herausforderungen zu meistern. Im Bild: Die reformierte Kirche in Tenna im bündnerischen Safiental. (Bild: René Ruis/ Keystone)

Wie gehen die reformierten Kirchen damit um, weniger Gelder zur Verfügung zu haben? Und wie bewältigen sie die Umsetzung der «Ehe für alle»? Mit diesen und anderen Fragen werden sich Kirchenrätinnen und Synodale auch im neuen Jahr beschäftigen. Unsere Übersicht listet Themen auf, die 2023 zu reden geben werden.

Nach dem Ja der Schweizer Stimmbevölkerung zur «Ehe für alle» haben gleichgeschlechtliche Paare die Möglichkeit, sich trauen zu lassen. Auch die meisten Kantonalkirchen haben den Weg dafür frei gemacht und ihre Kirchenordnungen angepasst. Grundsätzlich dürfen Pfarrpersonen zwar eine gleichgeschlechtliche Trauung ablehnen, falls sie diese aus Gewissensgründen nicht durchführen können. Sie müssen aber für Ersatz sorgen und dem Paar eine andere Pfarrperson vermitteln, welche die Trauung übernimmt.

Das «Schlusslicht» in diesem Prozess bilden die Reformierten Kirchen Bern-Jura-Solothurn. Lesbische oder schwule Paare können dort erst ab dem 1. Juni 2023 heiraten. Ein schweizweites Unikum zeichnet sich im Thurgau ab: Kirchgemeinden dürfen Trauungen in ihren eigenen Räumlichkeiten untersagen.

Auch die Energiekrise kann sich auf die Reformierten auswirken. Die steigenden Strompreise spüren die Kirchgemeinden. Einige, wie etwa die Teilkirchgemeinde Rigi Südseite im Kanton Luzern, haben in den Kirchen die Temperaturen auf bis zu 12 Grad gesenkt, geheizt wird nur noch, wenn der Raum benutzt wird. Falls sich die Strommangellage zuspitzt, könnten auf die Kirchgemeinden noch einmal höhere Kosten zukommen.

Generell dürften Finanzierungsfragen die Reformierten beschäftigen. An vielen Herbstsynoden budgetierten die Kantonalkirchen einen Aufwandüberschuss. Wie es scheint, hängt das Budget in einzelnen Kantonalkirchen mit dem Teuerungsausgleich zusammen, der den Mitarbeitenden gewährt wird (St. Gallen, Thurgau).

In der Vergangenheit zeigten allerdings die Rechnungen, dass die Prognosen zu konservativ waren und unter dem Strich doch noch ein Plus resultierte.

Dennoch gibt es – vor allem in städtischeren Gebieten – Kantonalkirchen, die sparen müssen und bereits Angebote streichen. In Basel etwa hat die Synode bei der Kirchenarbeit am Münster den Rotstift angesetzt: Sie hat Gelder gestrichen, mit denen Veranstaltungen für Touristen finanziert worden waren.

Der Krieg in der Ukraine dauert an, am 24. Februar 2023 ist ein Jahr vergangen seit Beginn der russischen Invasion. Eine tragende Rolle spielt dabei der Moskauer Patriarch Kyrill I., der als enger Vertrauter des russischen Präsidenten Wladimir Putin gilt.

Für Spannungen sorgte in diesem Zusammenhang in reformierten Kreisen der Ökumenische Rat der Kirchen (ÖRK). Zum ÖRK gehört auch die russisch-orthodoxe Kirche. Der Rat der Evangelisch-reformierten Kirche Schweiz (EKS) musste sich beim ÖRK dafür einsetzen, dass dieser eine Suspendierung der russisch-orthodoxen Kirche prüfte. Das hatten die EKS-Synodalen im Sommer 2022 an ihrer Synode in Sion entschieden. Der ÖRK wies die Forderung aber zurück.

Im Herbst kritisierte EKS-Präsidentin Rita Famos in einem Facebook-Beitrag den ÖRK-Generalsekretär Ioan Sauca. Dieser hatte sich in Moskau mit Kyrill I. getroffen. Famos schrieb in diesem Zusammenhang, sie sei «entsetzt ob der Mutlosigkeit» der ÖRK-Delegation. Das Verhalten Saucas sei eine «Respektlosigkeit». Famos und die EKS adressierten nach dem Treffen verschiedene Fragen an den ÖRK. Unter anderem wollen sie wissen, ob sich die ÖRK-Delegation des Missbrauchspotenzials durch das Patriarchat bewusst gewesen sei und die Haltung klar kommuniziert habe, dass der ÖRK den Angriffskrieg verurteile.

Steht wie kein zweiter an Vladimir Putins Seite: Der russische Patriarch Kyrill I. (Bild: Walter Bieri / Keystone)

Die Personalprobleme der Kirchen verschärfen sich. Bereits gibt es Gemeinden, die keine Pfarrerin mehr finden und die stattdessen Pensionierte einsetzen. In der Evangelisch-reformierten Kirche des Kantons Schaffhausen werden in den kommenden fünf Jahren 17 von 28 Pfarrpersonen pensioniert. Gefragt sind frische Ideen, um diese Problematik zu entschärfen. Die Universitäten Basel, Bern und Zürich denken darüber nach, das Theologie-Studium zu reformieren: Das Latein-Obligatorium soll fallen.

Die Reformierte Landeskirche Zürich zählt zu den grössten und finanzstärksten Kirchen des Landes. In der Synode der Evangelisch-reformierten Kirche Schweiz (EKS) sind die Zürcher mit 9 Synodalen die zweitstärkste Fraktion (nach den Reformierten Bern-Jura-Solothurn). Sie beeinflussen die nationale Kirchenpolitik. Im Herbst wählen die Zürcher einen neuen Kirchenrat. Für Spannung sorgt die Frage, ob der amtierende Kirchenratspräsident Michel Müller eine vierte Amtszeit anhängt oder ob er sich zurückzieht. Noch hat sich Müller nicht in die Karten blicken lassen. Bei der letzten Kirchenratswahl in Zürich im Herbst 2019 blieben Gegenkandidaturen chancenlos.

Welche Zukunft hat die reformierte Kirche, und wie sehen Mitglieder ihre Rolle? Darüber will die Luzerner Kantonalkirche eine Debatte anstossen. Sie lädt im Februar zur öffentlichen Diskussion in einer digitalen Gruppenkonferenz. Bereits haben sich über 130 Teilnehmerinnen angemeldet, unter ihnen Rita Famos, Präsidentin der Evangelisch-reformierten Kirche Schweiz (EKS), Lilian Bachmann, Synodalratspräsidentin der Reformierten Kirche Kanton Luzern, aber auch Politikerinnen wie SP-Regierungsratskandidatin Ylfete Fanaj. Ein Beispiel, das Schule machen und den Reformierten Denkanstösse geben könnte, was sich wie verändern liesse.