Gewalt gegen Obdachlose

«Diese Menschen passen nicht in unsere Vorstellung von Normalität»

Der Mord an einem Obdachlosen in Zürich hat auch Eva Gammenthaler von der Kirchlichen Gassenarbeit Bern erschüttert. Im Interview berichtet sie davon, welche Formen von Gewalt gegen Randständige sie erlebt und wie man diese immer mehr aus dem öffentlichen Raum verdrängt.

Für Frauen ist das Leben auf der Strasse besonders gefährlich. Im Bild eine Obdachlose mit ihrem Hab und Gut. (Bild: Keystone/ Salvatore Di Nolfi)

Frau Gammenthaler, vor rund zwei Wochen wurde in Zürich ein obdachloser Mann von einem jungen Erwachsenen ermordet. Was ist Ihnen durch den Kopf gegangen, als Sie davon erfuhren?
Wir von der Kirchlichen Gassenarbeit waren schockiert. Was da passiert ist, ist unglaublich traurig für das Opfer und sein ganzes Umfeld. In Bern hatten wir in den letzten Jahren zum Glück keinen vergleichbaren Vorfall. Trotzdem hat mich die Tat nicht völlig überrascht.

Warum?
Der Mord war ohne Frage eine extreme Form von Gewalt gegen einen obdachlosen Menschen. Verfolgt man aber mit, was in anderen Ländern passiert, so ist die Tat nicht mehr so aussergewöhnlich. In Deutschland zum Beispiel hat es solche Vorfälle in den vergangenen Jahren immer wieder gegeben. Das ist leider eine schreckliche Realität.

Zur Person

Eva Gammenthaler arbeitet seit 2017 als Gassenarbeiterin. Daneben setzt sich die ausgebildete Politikwissenschaftlerin ehrenamtlich für Geflüchtete und Menschen ohne geregelten Aufenthalt ein. Ausserdem sitzt sie für die Alternative Linke im Berner Stadtrat.

Als Gassenarbeiterin haben Sie direkten Kontakt zu den Obdachlosen. Wie erleben Sie Gewalt gegen diese Menschen?
Gewalt hat ein breites Spektrum. Es muss nicht immer physische Gewalt sein, es fängt bei kleinen Dingen an. Es kommt zum Beispiel immer wieder vor, dass Menschen, die auf der Strasse betteln, von Passanten beschimpft und angepöbelt werden. Es heisst dann, sie sollten sich lieber eine Arbeit suchen. Ich weiss auch von mehreren Fällen, wo Bettelnde von Ladenbesitzern vertrieben wurden. Man drohte mit der Polizei und behauptete, es gebe ein Bettelverbot, was überhaupt nicht stimmt. Ein Übergriff ist in meinen Augen zum Beispiel auch, wenn Menschen auf der Gasse fotografiert oder gefilmt werden.

In Zürch wurde das Opfer nachts getötet. Wie häufig sind Übergriffe gegen schlafende Obdachlose?
Dass Schlafende belästigt werden, ist keine Seltenheit. Ich höre immer wieder, dass Obdachlose mitten in der Nacht geweckt und von ihrem Platz vertrieben werden. Es kommt auch vor, dass ihnen ihre Sachen weggenommen  und entsorgt werden. Für die Betroffenen ist das schlimm, denn oft ist es ist ihr einziges Hab und Gut.

Sie berichten von Aggressionen gegen Wehrlose. Wie erklären Sie sich so etwas?
Was die Täter antreibt, kann ich nur vermuten. Vielleicht hat es damit zu tun, dass Menschen, die auf der Gasse leben, nicht in unsere Vorstellung von Normalität passen. Man will nicht wahrhaben, dass Randständige zu unserer Gesellschaft gehören. Am Bahnhof von Bern wurden kürzlich Sitzbänke demontiert, weil es Beschwerden aus der Bevölkerung gab. Man störte sich daran, dass sich dort Menschen ohne Obdach aufhielten.

Kirchliche Gassenarbeit Bern

Die Mitarbeitenden des Vereins Kirchliche Gassenarbeit Bern kümmern sich um Menschen, die ihren Lebensmittelpunkt auf der Strasse haben. Unter anderem geben sie sauberes Konsummaterial, Hygienartikel und Gutscheine für die Notschlafstelle ab. Im Büro der Gassenarbeit können sich Betroffene zu verschiedenen Themen wie Sucht, Wohnungssuche oder sexualisierte Gewalt beraten lassen. Einmal in der Woche gibt es zudem die Möglichkeit, sich mit Essen und Kleidern zu versorgen und Computer und Telefon des Büros zu nutzen. Getragen wird der Verein zu einem grossen Teil von reformierten und katholischen Kirchgemeinden im Kanton Bern. (no)

Sind Frauen stärker von Gewalt betroffen?
Frauen auf der Gasse sind bestimmten Formen von Gewalt stärker ausgesetzt, zum Beispiel sexualisierter Gewalt. Allerdings sind Frauen im öffentlichen Raum auch weniger sichtbar als Männer. Sie wissen, wie gefährlich es für sie ist, zum Beispiel in einem Park oder irgendwo an der Aare zu übernachten. Darum bemühen sie sich eher darum, nachts bei Freunden oder an einem anderen sicheren Ort unterzukommen.

Haben Übergriffe gegen Randständige in den letzten Jahren zugenommen?
Das ist schwer zu sagen, weil es dafür keine verlässlichen Statistiken gibt. Die meisten Übergriffe kommen ja nie zur Anzeige, da die Betroffenen oft ohnehin kein gutes Verhältnis zur Polizei haben. Was hingegen nachweislich zugenommen hat, ist die strukturelle Gewalt. Seitens der Behörden gibt es immer mehr Massnahmen, um den Betroffenen das Leben schwer zu machen. Diese Menschen werden immer stärker aus dem öffentlichen Raum verdrängt. Es gibt heute kaum noch Plätze, wo sie sich ungestört aufhalten können.

Wo können diese Menschen dann hin?
Verdrängung führt dazu, dass Menschen sich immer neu organisieren müssen. Sie halten sich versteckter auf, versuchen nicht aufzufallen und unsichtbar zu sein. Wer nicht gesehen wird, kann nicht weggeschickt werden. Sie suchen sich Plätze in der Natur, in Wohnungen von anderen Menschen, in Kellern und leerstehenden Häusern.