Die Träume von Secondos in der Schweiz – und worunter sie leiden

Regisseurin Karin Heberlein hat mit «Sami, Joe und ich» einen Film über Freundschaft, aber auch über strukturellen Rassismus, Ungerechtigkeiten im Bildungssystem und #MeToo geschaffen. Bei der Preisverleihung am Zurich Film Festival provozierte TV-Star Kurt Aeschbacher mit Thesen zur Cancel Culture.

Jetzt kann es endlich losgehen. Sami, Joe und Leyla feiern den letzten Schultag. Es soll der Sommer ihres Lebens werden. Doch statt der grossen Freiheit beginnt das Leben – knallhart. «Sami, Joe und ich» heisst der Film von Karin Heberlein. Sie hat den Filmpreis der Zürcher Kirchen im Rahmen des 16. Zurich Film Festival gewonnen. Der Film zeigt den Alltag dreier Teenager in der Zürcher Agglomeration.

Statt einer Lehre jobbt die Latina Joe in einem Ersatzteil-Lager. Ihre alleinerziehende Mutter kann die Krippen-Rechnung für die zwei kleinen Geschwister nicht mehr bezahlen. Joe muss aushelfen. Ihr Chef nutzt die Abhängigkeit der jungen Frau aus, vergewaltigt sie im Büro.

Von Bosnien in den Dschihad?

Die Schweizerin Leyla macht sich hübsch, zieht das Kleid ihrer verstorbenen Mutter an. Es ist ihr erster Tag als Lehrfrau in einer Grossküche. Leylas Chef ist unfreundlich und laut. Bei der nächstbesten Gelegenheit schmeisst er sie raus. «Behalte immer mehr Träume in der Seele, als die Realität zerstören kann», zitiert Leyla ihre verstorbene Mutter.

Sami, die Dritte im Bund, hat bosnische Wurzeln. Freiheit ist für sie ein Fremdwort. Ihr älterer Bruder führt sich als Macker auf. Ihr Vater Sušić gibt vor, seine Tochter schützen zu wollen. Er sperrt sie ein wie die drei Wellensittiche, die in der Stube lärmen. Die Mutter unterwirft sich dem Diktat des Vaters. Das schmerzt Sami am meisten. Sie büxt aus – und fällt auf einen Dschihadisten rein.

Lauter abgestumpfte Erwachsene

Freundschaft ist das grosse Thema des Gewinner-Filmes. Regisseurin Karin Heberlein war sich im Vorfeld nicht sicher, ob diese Kernbotschaft beim Publikum ankommt. Die Gespräche nach dem Film zeigten: Ja, sie kam an. «Es ist wichtig, dass man Menschen hat, denen man vertrauen kann, die Vorbilder sind», sagte Jana Sekulovska an der Preisverleihung. Die junge Schauspielerin spielt im Film Leyla. Im Film fehlen den Mädchen genau diese Vorbilder. Lauter abgestumpfte und angstgetriebene Erwachsene machen den Teenagern das Leben schwer, nur eine Lehrerin setzt sich für sie ein. Aber den Mädchen fällt es schwer, ihre Hilfe anzunehmen.

Der Film thematisiert den strukturellen Rassismus, mit dem Secondos in der Schweiz zu kämpfen haben. Die Herkunft aus Bosnien, das «ić» am Ende des Nachnamens, die dunkle Hautfarbe, das bildungsferne Elternhaus, das weibliche Geschlecht, das in patriarchalen Systemen weniger wert ist. Die jungen Frauen wissen um ihre Schwierigkeiten. Doch sie wehren sich. Am wenigsten wollen sie Opfer sein.

Neugierig auf Fremdes bleiben

Das ist auch ein Anknüpfungspunkt zur Festrede. TV-Start Kurt Aeschbacher freute sich über die Einladung der Kirchen und hielt eine Predigt, wie er sagte. Er geisselte darin die Auswüchse des strukturellen Rassismus und die Militanz der Antirassismus-Bewegung.

Aeschbachers pointierte Rede sorgte im Anschluss für angeregte Gespräche. Bagatellisierte er den Rassismus? Oder hat Aeschbacher Recht, dass zur Freiheit auch gehört, sich mit unliebsamen Meinungen auseinander zu setzen – und nicht in eine hysterische Cancel Culture zu verfallen? Was ist struktureller Rassismus? Wer ist rassistisch und wer Opfer? Kann ein alter, weisser Schwuler überhaupt eine junge, farbige Frau mit Migrationshintergrund verstehen?

«Sami, Joe und ich» lassen das Publikum eintauchen in die Welt dreier Teenager. Ihre Träume werden greifbar, ihre Ängste spürbar und ihre Probleme offensichtlich. Wer will, kann sie verstehen. Das ist auch Aeschbachers Anliegen: Neugierig aufs Fremde zu sein. Und mit Empathie den Dialog suchen.