Demografie

Die reformierten Kirchen sind überaltert

Immer weniger Junge sind Mitglied in der reformierten Kirche. Die Statistik zeigt, dass rund 35 Prozent der Reformierten über 65 Jahre alt sind.

Die Reformierten haben ein Nachwuchsproblem. Wie Zahlen des Bundesamts für Statistik (BFS) zeigen, ist die Mehrheit der Mitglieder der Landeskirchen eher höheren Alters. Über alle Kantone hinweggesehen, liegt der Anteil der 15- bis 24-jährigen Reformierten im Schnitt gerade mal bei zehn Prozent. Zum Vergleich: Die Reformierten, die über 65 Jahren alt sind, machen im Schnitt 35 Prozent aus. Insgesamt sind deutlich mehr als die Hälfte (65 Prozent) der Reformierten über 45 Jahre alt (siehe Grafik).

Andrea Rota, Religionswissenschaftler an den Universitäten Bern und Oslo, schliesst daraus, dass die Reformierten ein «Sozialisationsproblem» haben. Sie schafften es nicht, die Jungen zu erreichen. «Die Landeskirche und ihre Mitglieder sind in der Schweiz sehr gut integriert, das macht sie praktisch unsichtbar.» Durch ihre historisch zentrale Position habe die Kirche die Werte der Schweiz stark geprägt. Heute sei die Identität der Reformierten kaum mehr zu fassen respektive von einer «Schweizer Identität» zu unterscheiden.

Dies führe dazu, dass andere Angebote attraktiver würden. Laut Rota konkurrenzieren Aktivitäten wie Yoga oder Meditieren die Kirche. Es gebe heute viele säkulare Angebote im Bereich der Freizeit oder der Beratung. So fragten die Menschen heute nicht den Pfarrer um Rat, sondern die Psychologin.

Junge gehen ihren eigenen Weg

Laut Rota verfügen etwa Freikirchen über eine klarere Identität. Ihnen gelingt es eher, jüngere Menschen mit Angeboten anzusprechen, die extra auf sie zugeschnitten sind.

Doch das Problem der Reformierten hat laut dem Wissenschaftler vor allem mit makrosozialen Trends zu tun. Mit der zunehmenden Individualisierung würden tradierte Formen der Gemeinschaft geschwächt. «Die Menschen haben das Interesse an der Zugehörigkeit an traditionellen Gruppen verloren», sagt Rota. Auf dem Land sei dieser Trend etwas schwächer. Die Tradition und somit auch die Kirche sei dort besser verankert.

Laut Rota hat die Abwendung der Jungen von der reformierten Kirche in den 1970er-Jahren begonnen. Bis zu diesem Zeitpunkt waren noch 49 Prozent der Bevölkerung reformiert und 47 Prozent katholisch. In der Gesamtheit gehörten rund 95 Prozent der Bevölkerung einer Landeskirche an.

«Der wirtschaftliche Boom dieser Jahre hat das Leben aber beschleunigt und die Individualisierung gefördert», sagt Rota. Die Menschen erhielten so mehr Freiheit über ihr Leben zu entscheiden. Das gilt auch für den Glauben. Das Resultat: Junge nehmen nicht mehr automatisch die Religionszugehörigkeit der Eltern an, sondern gehen ihren eigenen Weg. Sie finden Alternativen oder haben schlichtweg kein Interesse an der Kirche.

Serie: Generationen

In einer Serie beleuchtet die ref.ch-Redaktion das Thema «Generationen». Am Donnerstag, 15. Juni 2023, erzählt ein Altersforscher, wie wir gut altern und welchen Beitrag die Kirche in diesem Bereich leisten könnte. (red)

Die Überalterung in der Schweiz ist ein allgemeines Phänomen. Dies hat laut BFS mit der abnehmenden Geburtenrate und der steigenden Lebenserwartung zu tun. Noch Anfang des 20. Jahrhunderts bekamen Frauen im Schnitt 3,7 Kinder, heute sind es 1,5. Dies genügt nicht, um die Elterngeneration zu ersetzen. Damit sich die Bevölkerung erneuern kann, müssten 2,1 Kinder pro Frau geboren werden. Zudem hat sich die Lebenserwartung seit den 1880er-Jahren von rund 40 Jahren auf über 80 Jahre im Jahr 2021 verdoppelt.

Andere Religionsgemeinschaften sind jünger

Doch laut Rota ist es nicht so, dass die Überalterung der Reformierten allein auf diesen Trend zurückzuführen ist. Dies zeigt die Altersverteilung anderer Religionen. So waren bei den islamischen Glaubensgemeinschaften im Kanton Zürich im Jahr 2020 rund 65 Prozent der Menschen zwischen 15- und 44-Jahre alt. Der Anteil der über 65-Jährigen macht nur 7 Prozent aus. Zum Vergleich: Bei den Reformierten waren rund 30 Prozent über 65 Jahre alt.  

Dass andere Religionsgemeinschaften anteilsmässig mehr junge Mitglieder haben, hängt mit der Migration zusammen. Laut BFS sind drei Fünftel der Zuwanderinnen zwischen 20-und 39-Jahre alt. Dadurch wird die Bevölkerung dieser Altersklasse ständig erneuert. Migrantinnen gehören meistens jenen Religionen an, die in der Schweiz keine lange Tradition aufweisen. Mit 400'000 Personen sind Muslime die grösste Gruppe von Zuwanderern. Die anderen Menschen mit ausländischer Herkunft sind zu einem grossen Teil christlich-orthodox, hinduistisch oder buddhistisch.