Zwei Frauen, zwei Leben
Frau Kaufmann, mit Barbara Steiner arbeitet in Ihrer Gemeinde die wohl jüngste Pfarrerin der Schweiz. Was ging Ihnen durch den Kopf, als Sie sie kennen gelernt haben?
Silvia Kaufmann: Ich fand es von Anfang an super, dass wir so eine junge Pfarrerin haben! Barbara ist klar und dezidiert, das mag ich an ihr. Überhaupt finde ich, dass das Alter keine Rolle spielt – wichtig ist doch, dass man einander Wertschätzung entgegenbringt.
Frau Steiner, wie war es für Sie, mit 25 Jahren Ihr erstes Pfarramt anzutreten?
Barbara Steiner: Es war seit längerem mein Ziel, Pfarrerin zu werden. Ich habe darauf hingearbeitet und mich darauf gefreut. Als es dann tatsächlich so weit war, war ich aber doch etwas unsicher, was das nun bedeutet. Also habe ich einfach mal angefangen, Menschen anzusprechen und Beziehungen aufzubauen.
Das klingt recht unbeschwert.
Steiner: Viele Aufgaben hatte ich ja im Vikariat schon kennengelernt. Ausserdem bin ich ein Mensch, der die Dinge nicht so kompliziert sieht, sondern ausprobiert. Ich neige auch nicht zu Lampenfieber.
Gab es trotzdem Situationen, in denen Sie sich überfordert gefühlt haben?
Steiner: Vor etwa einem Monat habe ich die Beerdigung eines Familienvaters geleitet. Da bin ich an meine Grenzen gekommen. Es war eines der wenigen Male, bei denen ich meinen Vater, der ebenfalls Pfarrer ist, um Rat gefragt habe. Was mich erstaunt hat: Er meinte, dass er in den dreissig Jahren, seit er den Beruf schon ausübt, vielleicht zweimal eine solche Beerdigung hatte. Ich habe das nun gleich in den ersten drei Monaten erlebt.
Hätten Sie sich gewünscht, Sie hätten schon etwas mehr Erfahrung, um mit der Situation umzugehen?
Steiner: Das ist schwierig zu sagen. Ich glaube, dass so etwas jeden mitnimmt, egal wie viel Berufserfahrung er oder sie schon hat. Und wenn es einen nicht mehr mitnimmt, dann läuft etwas schief. Dann ist man abgestumpft. Für mich war es eine gute Erfahrung zu sehen, dass ich auch das durchstehen kann.
Kaufmann: Ich finde, du kannst grundsätzlich sehr gut mit Menschen umgehen. Ich erinnere mich an einen Gottesdienst im Altersheim, an dem eine Bewohnerin teilgenommen hat, die sowohl blind war als auch ganz schlecht gehört hat. Es stellte sich heraus, dass sie genau an diesem Tag ihr Hörgerät nicht dabei hatte. Plötzlich rief sie: «Ich bin ganz alleine, ich will zurück in mein Zimmer!» Es hat mich beeindruckt, wie du auf diese Frau eingegangen bist. Du hast sie am Arm berührt und mit ihr gesprochen.
Wie geht Seelsorge, wenn die Seelsorgerin viel jünger ist als das Gegenüber?
Steiner: Natürlich hilft es, viel Lebenserfahrung zu haben. Situationen schon selbst erlebt zu haben und zu wissen, welche Lösungsansätze es gibt. Ich versuche stattdessen, von der Lebenserfahrung des Gegenübers zu lernen und diese als Referenz für die Seelsorge zu nehmen.
Kaufmann: Wenn ich Unterstützung brauche, ist es relevant, dass ich vom Gegenüber absolut für voll genommen werde und wir auf Augenhöhe kommunizieren. Das hat mit dem Alter der Seelsorgerin nichts zu tun.
Steiner: Das stimmt. Mir ist wichtig, die Würde jedes Menschen zu sehen. Egal ob das ein kleines Kind ist oder ein Rentner – jeder Mensch hat mit seiner Welt, mit seiner Wahrnehmung eine Daseinsberechtigung.
Barbara Steiner (Jahrgang 1998) wuchs in Hüningen bei Basel und in Winterthur auf. Ihr Elternhaus beschreibt sie als «solid reformiert»: Ihr Vater war Pfarrer, das Singen vor dem Essen und ein Gebet vor dem Schlafengehen gehörten dazu. Steiner besuchte als Kind regelmässig den Gottesdienst, nahm an kirchlichen Aktivitäten teil und engagierte sich beim Cevi.
Nach dem Gymnasium studierte sie Theologie in Zürich und Marburg. Es folgten ein Vikariat in Trimmis (GR) sowie die Mithilfe beim Taizé-Jugendtreffen in Rostock. Seit Februar arbeitet Barbara Steiner als Pfarrerin in Adligenswil bei Luzern.
Silvia Kaufmann (Jahrgang 1946) verbrachte ihre Kindheit in der Altstadt von Zofingen, zusammen mit ihrer jüngeren Schwester. Ihre Eltern führten eine Parfümerie. Nach der Schule besuchte sie einen hauswirtschaftlichen Jahreskurs. 1962 flog sie als Aupair in die USA. Nach der Lehre als Parfümerieverkäuferin, Sprachaufenthalte und Ausbildung zur Detailhandels-Kauffrau. 20 Jahre Lehrtätigkeit am KV in Aarau.
Mit ihrem Mann Jules Kaufmann gründete sie 1980 eine Familie. Silvia Kaufmann hat zwei Söhne und drei Enkel. Seit 2015 ist sie verwitwet.
Kaufmann: Siehst du, du lässt mich spüren: Ich ticke richtig. (lacht)
Frau Kaufmann, Sie sind 77 Jahre alt und waren Ihr ganzes Leben Mitglied der reformierten Kirche. Wie hat sich diese verändert?
Kaufmann: Ausser dem Gottesdienst gab es früher praktisch keine kirchlichen Anlässe. Heute ist das Leben in der Kirchgemeinde lebendig, partnerschaftlich und unkompliziert. Mir als Seniorin wird viel geboten, zum Beispiel Zmorge, Vorträge, oder Ausflüge.
War Ihre Familie religiös?
Kaufmann: Vor dem Einschlafen haben wir ein Gebet gesprochen oder zusammen ein Lied gesungen. An Weihnachten besuchten wir den Gottesdienst. Unsere Eltern legten Wert darauf, dass wir gegenüber anderen Menschen rücksichtsvoll und achtsam waren. Als religiös würde ich meine Familie aber nicht bezeichnen.
Und trotzdem sind Sie immer noch Mitglied der Kirche.
Kaufmann: Selbstverständlich! Die Kirche erfüllt unzählige soziale Aufgaben. Als Seniorin profitiere ich laufend davon. Der Glaube gibt mir einen gewissen Rahmen, ich bin aber weder fromm noch eine gute Kirchgängerin. Durch meinen Mann, der aus einer streng katholischen Familie kam, hatten wir stets einen Bezug zur Kirche. Er war das Jüngste von neun Kindern, in seiner Familie gab es Priester und Ordensschwestern, aber er war der Einzige, der eine Reformierte geheiratet hat.
War es ein Problem, dass Sie reformiert waren?
Kaufmann: Sie waren nett zu mir, aber man merkte, dass es sie beschäftigte. So bedeutete es zum Beispiel der Schwiegermutter viel, dass die Kinder schnell getauft wurden. Protestantisch notabene.
Frau Steiner, Sie haben erwähnt, Ihr Vater sei Pfarrer. Welche Rolle spielte die Religion in Ihrem Elternhaus?
Steiner: Der Glaube war immer präsent. Wir haben vor dem Essen gesungen und abends ein Gebet gesprochen. Ich ging jeden Sonntag in die Kirche und war auch sonst an vielen kirchlichen Aktivitäten beteiligt. Mit 16 war ich zusammen mit meinem Vater und einer meiner Schwestern in Taizé – das hat mich unglaublich fasziniert.
Was genau hat Sie fasziniert?
Steiner: Zu sehen, dass es noch andere junge Menschen gibt, die in die Kirche gehen – dass ich nicht so eine Exotin bin, wie ich immer dachte. Ausserdem war ich immer sehr schüchtern. In Taizé aber konnte ich auf Menschen zugehen und es ergab sich ein Gespräch, das erst noch schön war. Diese Erfahrung zu machen, war toll. In dieser Zeit reifte in mir der Gedanke Pfarrerin zu werden.
Gibt es etwas, das Sie von der älteren Generation lernen können?
Steiner: Wenn ich im Altersheim zu Besuch bin, fällt mir immer auf, von wie vielen Dingen die Menschen dort Abschied nehmen müssen: Von Freunden, Familienmitgliedern, aber auch von Aspekten, die den eigenen Körper betreffen. Mich beeindruckt, wenn jemand unter diesen Umständen seine Lebensfreude behält. Wenn jemand trotz der vielen Verluste noch das Positive sieht, und sei es auch nur im Kleinen – das ist für mich die hohe Lebenskunst.
Und was können Sie von der jungen Generation lernen, Frau Kaufmann?
Kaufmann: Einerseits die Spontaneität und andererseits die kritische Haltung. Auch das unkomplizierte Miteinander schätze ich sehr. Ich komme aus einer Generation, in der ich meiner Schwiegermutter «Sie» und nicht «Du» sagte. Sie hingegen duzte mich, was für mich sehr befremdend war.
Zum Schluss noch die gegenteilige Frage: Gibt es etwas, was Sie an der jeweils anderen Generation nicht verstehen?
Kaufmann: Ja, ich habe Mühe, wenn Lebensmittel verschwendet werden. Das betrifft aber nicht nur die junge Generation, es ist eine Erscheinung der heutigen Zeit.
Steiner: Die Welt ist ständig im Wandel und es scheint mir wichtig, dass man dafür offen bleibt und nicht einfach sagt: Das haben wir immer so gemacht, das machen wir auch weiterhin so. Wenn man lange gelebt hat, fällt einem das vielleicht etwas schwerer. Auf der anderen Seite gibt es auch viele junge Menschen, die festgefahren sind in ihren Ansichten. Ich möchte da ungern Jüngere und Ältere gegeneinander ausspielen.