Der Leichnam: Müssen wir das ertragen oder kann das weg?

Alle paar Minuten stirbt in der Schweiz ein Mensch. Trotzdem ist der Tod in unserer Kultur kaum sichtbar, alles, was «tötelt», wird schnellstens aus dem Alltag verbannt. Eine neue Ausstellung will das ändern – und macht die Leiche zum Thema.

Im Fernsehen ist sie Alltag, in der Realität wollen wir nichts mit ihr zu tun haben: die Leiche.
Im Fernsehen ist sie Alltag, in der Realität wollen wir nichts mit ihr zu tun haben: die Leiche. (Bild: public domain)

Alle 7 Minuten und 48 Sekunden stirbt in der Schweiz ein Mensch. Im Normalfall im Krankenhaus oder in einem Alters- oder Pflegeheim; in der Stadt Zürich etwa stirbt nur noch jeder fünfte zuhause. Die Toten sind fast ganz aus unserem Alltag verschwunden. Wir bahren unsere verstorbenen Angehörigen nicht mehr bei uns auf, wir waschen sie nicht selber und kleiden sie auch nicht ein. Ein Heer von professionellen Spezialisten hat uns das abgenommen. Wer es wünscht, kann problemlos ganz auf den Anblick eines Leichnams verzichten. Was früher undenkbar war, ist heute ohne weiteres möglich: ein Leben ohne Tote.

Lust am Leichnam

Dass wir heute in einer weitgehend «leichnamsfreien Kultur» leben, wie es die Literaturwissenschaftlerin Corina ­Caduff ausdrückt, hat verschiedene Gründe. Es hängt mit der deutlich höheren Lebenserwartung zusammen, aber auch mit der professionellen Versorgung der Toten und mit dem Siegeszug der Kremation. Die Leiche entzieht sich zunehmend unseren Blicken. Während der Sterbeprozess nicht nur im Zusammenhang mit der viel- diskutierten Sterbehilfe stark in unserem Bewusstsein ist, tun wir uns mit den sterblichen Überresten eines Menschen schwer. Was «tötelt», wird lieber gleich entsorgt.

Christine Süssmann, Leiterin Kultur und Kommunikation im Friedhof Forum der Stadt Zürich, beschäftigt sich von Berufs wegen mit unserem Umgang mit den Toten. In der von ihr kuratierten Ausstellung «Der Leichnam» möchte sie dazu anregen, sich auf das Thema einzulassen. Nicht mit Schockbildern von Leichnamen, sondern mit subtilen Fragen, überraschenden Zahlen und dem Blick auf andere Kulturen. «Auch wenn es ein bisschen absurd klingt», sagt sie, «aber wir wollen mit der Ausstellung Lust machen, sich mit dem Leichnam auseinanderzusetzen.» Die Frage, ob das Verschwinden der Toten aus unserer Kultur eine Entlastung bedeutet oder ob uns damit etwas abgeht, möchte Süssmann bewusst nicht beantworten.

Individuell bis zur Bestattung

Die grossformatigen, in Leinen gebundenen Bücher an den Lesestationen machen tatsächlich Lust, darin zu blättern. Das statistische Zahlenmaterial der Stadt Zürich zeigt anschaulich gesellschaftliche Trends auf, etwa den zur Beisetzung im Gemeinschaftsgrab, oder den Anteil der Angehörigen, die die Asche der Verstorbenen mit nach Hause nehmen. «In Zürich wollen zurzeit etwa elf Prozent der Leute die Asche nach der Kremation mitnehmen», meint Süssmann. «Einige bringen die Urnen dann allerdings wieder zurück, weil sie doch nicht so genau wissen, was sie damit anfangen sollen.»

Wie individuell die Ansprüche geworden sind, zeigt eine Seite mit anonymisierten Zitaten aus Bestattungswünschen, die beim Bevölkerungsamt der Stadt Zürich hinterlegt wurden. «Mit Ausnahme von Unterhosen wünsche ich nackt zu sein», heisst es da etwa. Oder: «Die Kosten für die Bepflanzung des Grabes für weitere 20 Jahre sind meinem Willensvollstrecker und Schwager zu belasten.» Ein anderer meint nachdrücklich: «Auf keinen Fall soll mein Körper nach Zürich überführt werden!»

Filmische Beiträge über aussereuropäische Kulturen zeigen, wie sehr der Umgang mit den Toten kulturell geprägt ist. Der mexikanische Feiertag Día de los Muertos (Tag der Toten) etwa ist ein lautes, schrilles und farbiges Volksfest zu ­Ehren der Toten. Und in Madagaskar besteht noch heute der Brauch, die Toten ungefähr alle zehn Jahre aus ihren Gräbern zu holen und frisch einzukleiden.

Ruhe finden am Grab

Ein besonderes Memento mori sind die an der Wand aufgereihten Totenschädel der Bildhauerin Ruth Gossweiler. Sie können am Ende der Ausstellung käuflich erworben werden. Hinter der ehemaligen Aufbahrungshalle, in der die Ausstellung stattfindet, findet sich zudem ein offenes, mit einer Glasplatte bedecktes Grab. Wer will, kann sich nach den vielen Informationen mit einem Audioguide hierher zurückziehen und ein paar der ausgewählten Musik­stücke anhören.

Insgesamt siebzehn Grabarten gibt es, vom klassischen Erdbestattungsreihengrab über das Mietgrab für Särge oder Urnen bis hin zum Gemeinschafts- oder Baumgrab. Die Bestattung unter einem Baum ist ein relativ neuer Trend. Immer mehr Menschen wünschen sich eine betont schlichte und naturnahe Bestattung. Auch bei der Baumbestattung kann  gewählt werden. Die Stadt Zürich etwa stellt Gemeinschafts- und Familienbäume zur Verfügung.

 

Dieser Artikel erschien in ähnlicher Form erstmals im Bref Nr. 12/2016