«Die Bezeichnung ‹Kirche für Kovi› ist übergriffig»

Die Konzernverantwortungsinitiative erhält grosse Unterstützung aus kirchlichen Kreisen. Doch nun macht ein Ethik-Komitee Konkurrenz, das von der Agentur furrerhugi beraten wird. Der Glarner Kirchenratspräsident Ulrich Knoepfel erklärt, warum er Mitglied geworden ist.

Erst am 29. November entscheidet das Volk über die Konzernverantwortungsinitiative. Schon jetzt ist der Abstimmungskampf jedoch in vollem Gange. (Bild: Keystone / Steffen Schmidt)

Das neue «Ethik-Komitee gegen die KVI» (Konzernverantwortungsinitiative) befürwortet den Gegenvorschlag des Parlaments. Sein Webauftritt wird von der Agentur furrerhugi betreut. Zu deren Kunden gehört unter anderem der Glencore-Konzern – ein Feindbild der KVI-Befürworter. Auch der ehemalige Präsident der Evangelisch-reformierten Kirche (EKS) Gottfried Locher liess sich von furrerhugi beraten.

Mitglied im Komitee ist der Kirchenratspräsident der Evangelisch-Reformierten Landeskirche des Kantons Glarus, Ulrich Knoepfel. Er sagt, das Komitee sei im Umfeld von liberal denkenden Kirchenleuten entstanden. Man sei zudem «von Vertretern der Wirtschaft ermutigt worden, die Bedenken gegen die Initiative aus ethisch-moralischer Optik sichtbar zu machen».

Knoepfel ergänzt: «Wir sind aber nicht auf Befehl der Wirtschaft entstanden. Ich selber habe mich mit dem Wirtschaftsdachverband Economiesuisse in Verbindung gesetzt, um dessen Argumentation und Position kennenzulernen.» Daraus sei eine Zusammenarbeit entstanden.

Herr Knoepfel, warum braucht es das Ethik-Komitee gegen die Konzernverantwortungsinitiative?
Aus unserer Sicht sprechen nicht nur wirtschaftliche Gründe gegen die Initiative, sondern auch ethische. Auf diese wollen wir uns konzentrieren, wobei man die Abgrenzung nicht so scharf machen kann.

Ethische Gründe gegen die Initiative?
Davon sind wir absolut überzeugt. Wir finden zum Beispiel, die Initiative schade den Menschen, denen sie helfen will. Denn bei einem Ja an der Urne werden sich Schweizer Unternehmen aus den Risikoländern zurückziehen. Ihren Platz einnehmen werden Unternehmen aus China, Brasilien oder Südafrika, die nicht nach unseren Standards arbeiten. Mir persönlich ist zudem die Haltung hinter der Initiative nicht sympathisch.

Inwiefern?
Die Konzernverantwortungsinitiative ist Ausdruck eines Kontrollgeistes, eines Wächtergeistes. Sie ist nicht etwas, das vorwärts gerichtet ist.

Man stelle sich vor, die Kirchen nähmen zugunsten von Kampfflugzeugen Stellung. Ein solches Statement würde grosse Empörung auslösen.

Warum stört es Sie, dass die Kirchen das Volksbegehren unterstützen?
Wir sind Volkskirchen, sieht man einmal von den Freikirchen ab. Das heisst: Unsere Kirchen repräsentieren ein breites Spektrum der Bevölkerung und damit verschiedene Meinungen. Stellungnahmen dieser Art brüskieren Kirchenmitglieder, die anders denken. Man stelle sich vor, die Kirchen nähmen zugunsten von Kampfflugzeugen Stellung. Dies liesse sich mit dem Argument begründen, Kampfflugzeuge seien ein Instrument der Friedenssicherung. Ein solches Statement würde grosse Empörung auslösen. Ich bin der Meinung, Volkskirchen sollten eine gewisse Zurückhaltung üben bei Themen, die nicht direkt christliche Grundwerte oder die Kirchen selber betreffen.

Ich kann doch als Kirchenmitglied die Position meiner Kirche einfach zur Kenntnis nehmen oder sogar gutheissen, dass sie Stellung bezieht, und trotzdem eine andere Meinung haben.
Ja. Aber wenn die Kirche offiziell eine Position bezieht, spricht sie im Namen aller Kirchenangehörigen. Ich empfinde nur schon die Bezeichnung «Kirche für Kovi» übergriffig. Das verletzt mich. Ich fühle mich übergangen und vereinnahmt.

Was ist so schlecht daran, wenn Schweizer Konzerne für Menschenrechtsverletzungen und Umweltschäden haftbar gemacht werden, die ihre Tochterfirmen und Lieferanten im Ausland begehen?
Hier handelt es sich um die Ziele der Initiative. Diese teilen wir. Unternehmen sollen für den Schaden, den sie anrichten, Verantwortung übernehmen. Aber die Haftungsmechanismen, die die Initiative vorsieht, sind uferlos. Dass ein Unternehmen auch für seine Lieferanten haften muss, geht zu weit. Da wird eine Haftung errichtet, die abgekoppelt ist von der eigentlichen Verantwortung.

Wie sollten Ihrer Ansicht nach die Haftungsregeln gestaltet werden?
Im Prinzip sind die Unternehmen bereits heute haftbar. Dafür gibt es auch in den Ländern der Dritten Welt Gesetze. Das Problem ist, dass diese häufig nicht durchgesetzt werden, etwa wegen Korruption.

Welche christlichen Argumente sprechen gegen die Initiative?
Was heisst christlich? Mit diesem Wort kann man vieles begründen. Aber man kann aus christlicher Perspektive einwenden: Die Initiative setzt auf Konfrontation statt auf Dialog und Kooperation. Auseinandersetzungen werden vom Verhandlungstisch in die Gerichtssäle verlegt. Die Kampagne der Befürworter suggeriert zudem, dass Menschenrechtsverletzungen zum Geschäftsmodell von Unternehmen gehören. Und sie unterschlägt, dass viele internationale Unternehmen für Länder im Süden auch sehr segensreich sein können. Wenn man etwa will, dass die Korruption überwunden wird oder Prinzipien der guten Unternehmensführung in solchen Ländern Fortschritte machen, ist man gerade auf diese Unternehmen angewiesen.

Wir würden Spenden von Wirtschaftsverbänden nicht ablehnen. Aber bislang wurde diesbezüglich nichts abgemacht.

Ist es schwierig, Kirchenleute für Ihr Komitee zu gewinnen?
Etliche angefragte Personen haben uns gesagt, sie fänden, die Kirche solle sich zu solchen Themen nicht äussern und sie als kirchliche Funktionäre eben auch nicht. Aus diesem Grund blieben sie zurückhaltend und wollten lieber nicht in unserem Komitee mitmachen. Diese Zurückhaltung ist bei vielen verbreitet, die unsere Meinung teilen. Nicht aber bei den Kirchenleuten, die für die Initiative sind. Die haben diese Skrupel offenbar viel weniger.

Wie gross ist das Budget, das Ihnen zur Verfügung steht?
Das weiss ich nicht. Wir haben gerade erst damit begonnen, unser Budget zu äufnen. Ich selber werde mich ebenfalls finanziell beteiligen und hoffe, andere werden es mir gleichtun.

Bekommen Sie Spenden von Wirtschaftsverbänden, etwa von Economiesuisse?
Das ist denkbar. Wir würden solche Spenden nicht ablehnen. Aber bislang wurde diesbezüglich nichts abgemacht.

 

 

 

 

 

Ulrich Knoepfel.

Dieser leicht gekürzte Beitrag erschien erstmals auf kath.ch.