Nachgefragt

«Die Begegnung mit dem Fremden ist lohnenswert»

Die Theologie-Professorin Katharina Heyden ist mit dem «Credit Suisse Award for Best Teaching» ausgezeichnet worden. Im Interview erklärt sie, wie sie ihre Studierenden für alte Geschichte begeistert und was sie als Dozentin aus der Corona-Pandemie gelernt hat.

Frau Heyden, Sie unterrichten an der Universität Bern Ältere Geschichte des Christentums und der interreligiösen Begegnungen. Das klingt für viele erst einmal fremd. Warum sollten junge Menschen dieses Fach studieren?
Zunächst einmal umfasst es eine breite Zeitspanne von den Anfängen des Christentums bis zur Reformation. Diese Welt mag uns fremd erscheinen. Gerade die Begegnung mit dem Fremden ist aber lohnenswert, weil sie uns für Vielfalt und ihre Kontexte sensibilisiert. In der Geschichte entdecken wir auch Dinge, die heute verkümmert sind.

Wie meinen Sie das?
Wir erfahren etwa, welche christlichen Meinungen und Lebensformen unterdrückt oder marginalisiert wurden und stellen fest, dass unsere Art zu leben nicht die einzig sinnvolle ist. Zudem schauen wir immer mit heutigen Fragen in die Geschichte: Welche Rolle spielt das Christentum in der vielfältigen Landschaft der Religionen? In welchem Verhältnis stehen Theologie und Lebenspraxis? Für die Behandlung solcher Fragen gibt gerade die alte Zeit viele Anstösse.

Wie begeistern Sie Ihre Studierenden für diese Fragen?
Ich lege Wert darauf, dass wir Texte lesen, die anspruchsvoll und ansprechend sind. Für die Studierenden habe ich eine Methode entwickelt, Quellen aus verschiedenen Perspektiven zu lesen. Wir fragen, was die Autoren selbst sagen oder bewirken wollten, was zwischen den Zeilen steht und welche Wertungen erkennbar werden, wenn man die Texte gegen den Strich liest. Das ist eine gute Übung, die auch dazu befähigt, moderne Texte wie Zeitungsartikel kritisch zu lesen. Darüber hinaus beschäftigen wir uns mit der materiellen Kultur einer Zeit, mit Bildern, Orten und archäologischen Fundstücken. Denn diese haben das Leben mindestens genauso geprägt wie Texte.

Zur Person

Katharina Heyden (43) ist Professorin für Ältere Geschichte des Christentums und der interreligiösen Begegnungen an der Universität Bern. Seit 2018 ist sie zudem Direktorin der Interfakultären Forschungsgruppe «Religious Conflicts and Coping Strategies» an der Uni.

Die gebürtige Ostdeutsche studierte evangelische Theologie in Berlin, Jerusalem und Rom. Nach ihrer Ordination zur evangelisch-lutherischen Pfarrerin war sie neben der Lehre ehrenamtlich als Pfarrerin tätig.

Mit der Vergabe des «Credit Suisse Award for Best Teaching» will die Credit Suisse Foundation Lehre und Ausbildung auf der Tertiärstufe fördern und so den Forschungsplatz Schweiz stärken. (no)

Nun wurden Sie auch für sogenannte innovative Lernformen ausgezeichnet. Was ist damit gemeint?
Mit der Hochschuldidaktik der Uni Bern habe ich ein interaktives Lernvideo produziert, das inzwischen fast 25'000 Aufrufe auf Youtube hat. Darin geht es um religiöse Konflikte und wie wir aus der Geschichte lernen können, damit umzugehen. Wichtig ist mir zudem, dass die Studierenden mit der Welt draussen in Berührung kommen. Deshalb führe ich regelmässig Veranstaltungen ausserhalb der Uni durch, etwa mit dem Haus der Religionen Bern, oder Exkursionen nach Rom und Israel. Mit unserer Internetseite «Theologisch bedeutsame Orte in der Schweiz» wollen wir nicht nur Studierende ermuntern, sich mit dem kulturellen Erbe vor der eigenen Haustür zu befassen. Ausserdem ist mir Co-Teaching mit Kollegen anderer Fächer wichtig.

Eine besondere Herausforderung für den Unterricht war dieses Jahr die Corona-Pandemie. Wie haben Sie die Krise bewältigt?
Ich habe den Unterricht im Herbstsemester so geplant, dass ein möglicher Lockdown nicht als allzu grosser Bruch empfunden würde. Konkret habe ich meinen Grundkurs von Anfang an als Slidecast gestaltet, also als Powerpoint-Präsentation mit Sprachkommentaren. Zur Diskussion haben wir uns dann in kleinen Präsenzgruppen getroffen, wo die Studierenden ihre Fragen und Anmerkungen zum Slidecast einbringen konnten. Als diese Treffen auch nicht mehr möglich waren, war es kein allzu grosser Schritt mehr, die Gesprächsrunden auf Zoom durchzuführen.

Hatte die Corona-Krise für den Unterricht auch positive Aspekte?
Für die Studierenden hatte die neue Unterrichtsform den Vorteil, dass sie ihr eigenes Lerntempo bestimmen und Sprechkommentare jederzeit zurückspulen konnten. Das ist in einer normalen Vorlesung natürlich nicht möglich. Für mich als Dozentin war es eine gute Herausforderung, die Inhalte in kürzerer Zeit zu präsentieren und noch besser auf den Punkt zu bringen. Trotzdem freue ich mich, wenn ich den Studierenden bald wieder im richtigen Leben begegnen kann. (no)