26 Jahre VIOZ

«Dialog ist unsere Hauptaufgabe»

Dass es in Zürich islamische Grabfelder gibt, ist ein Verdienst der VIOZ, der Vereinigung der islamischen Organisationen Zürich. Sie engagiert sich seit 26 Jahren für die Anliegen der muslimischen Bevölkerung. Dabei gebe es keinen anderen Weg als Dialog, sagt der Medienverantwortliche Abduselam Halilovic.

Etwa 80 Prozent der Moscheen im Kanton Zürich sind in der VIOZ vertreten. (Bild: Keystone / Alessandro Della Bella)

Wegen der Corona-Pandemie feiert die VIOZ das 25-Jahr-Jubiläum mit einem Jahr Verspätung – Abduselam Halilovic, warum hat man die Organisation damals gegründet?
Angefangen hat es mit der Frage nach Grabfeldern für Musliminnen und Muslime. Die Stadt Zürich hat dann initiiert, dass sich interessierte muslimische Organisationen zusammenschliessen, damit es für die Stadt einen einzigen Gesprächspartner gibt. Deshalb wurde 1995 die VIOZ für den ganzen Kanton gegründet. Sie hat sich drei Grundziele gesetzt: Grabfelder, die öffentlich-rechtliche Anerkennung und eine repräsentative Zentralmoschee.

Wie weit ist man mit diesen Zielen gekommen?
In Zürich und in Winterthur gibt es mittlerweile Grabfelder. In anderen Gemeinden ist der Prozess noch im Gange. Die anderen beiden Ziele sind längerfristig, das geht nicht von heute auf morgen. Im Kanton Zürich wurde 2005 darüber abgestimmt, ob die öffentlich-rechtliche Anerkennung für Muslime überhaupt möglich sein soll. Das wurde abgelehnt, es gab eine Kampagne der SVP dagegen. Aber wir bleiben dran und engagieren uns weiterhin im gesellschaftlich-interreligiösen Dialog und in der Vernetzungsarbeit. Das ist eigentlich unsere Hauptaufgabe. Und dabei gibt es durchaus Erfolge.

Zur Person

Abduselam Halilovic (29) ist Medienverantwortlicher und Vorstandsmitglied der VIOZ. Er studierte Islamwissenschaft an der Universität Zürich und arbeitet als Assistent der Geschäftsführung und muslimischer Seelsorger bei der Muslimischen Seelsorge Zürich.

Welche?
Beispielsweise die Zusammenarbeit mit der Bildungsdirektion bei der Einführung des Fachs Religion und Kultur. Einige Vertreterinnen der VIOZ haben da mitgewirkt, ein neues Lehrmittel wurde erarbeitet. Ausserdem engagieren wir uns in der Seelsorge: In der Notfallseelsorge, im Asylbereich und in öffentlichen Institutionen wie in Spitälern. Das sind wichtige Pilotprojekte und Zeichen der Anerkennung und Integration. Die Zusammenarbeit mit Behörden und Kirchen verläuft insbesondere in diesem Bereich sehr gut. Auch auf ihrer Seite besteht das Bewusstsein, wie wichtig der Dialog ist.

Wie ist es der VIOZ gelungen, dass sie so gut vernetzt ist und der Dialog wirklich funktioniert?
Das hat viel mit dem aufopfernden ehrenamtlichen Engagement früherer VIOZ-Vorstandsmitglieder zu tun. Es war ihnen wichtig, dass sich Muslime nicht abschotten. Diese Ansicht haben sie immer vertreten. Früh haben sie Moscheeführungen organisiert und den Kontakt zu anderen Religionsgemeinschaften und Behörden gesucht. Dabei übernahmen sie eine Vorbildfunktion. So wurde das Bewusstsein für die Wichtigkeit des gesellschaftlichen Dialogs innerhalb der VIOZ-Mitgliedsorganisationen verankert.

Was hat sich innerhalb der VIOZ verändert seit der Gründung?
Sie ist stark gewachsen. Bei der Gründung hatte sie weniger als 10 Mitglieder, mittlerweile sind es 36. Heute sind etwa 80 Prozent der Moscheen im Kanton Zürich in der VIOZ vertreten. Damit hat die Vereinigung eine gewisse Repräsentanz erreicht. Ein wichtiger Meilenstein war auch die Grundsatzerklärung, die wir 2005 herausgegeben haben. Darin bekennen sich die VIOZ und ihre Mitgliedsorganisationen unter anderem zu den Menschenrechten, zur Gleichberechtigung und zur Religionsfreiheit. Und zu guter Letzt natürlich die Projekte im Bereich der Seelsorge, des interreligiösen Dialogs und der Weiterbildung von Imamen und religiösen Betreuungspersonen. Diese sind zukunftsweisend für die VIOZ.

«In der VIOZ besteht eine grosse sprachliche, kulturelle und religiöse Diversität. Deshalb braucht es auch konstant einen innermuslimischen Dialog.»

Gibt es auch Schwierigkeiten innerhalb der Organisation?
In der VIOZ besteht eine riesige Diversität. Es sind 36 Organisationen, die Muslime und Musliminnen kommen aus ganz verschiedenen Ländern. Die Menschen aus der ersten Generation sind noch stark geprägt von der Migration. Jetzt rücken viele Jüngere nach, die hier aufgewachsen sind. Sie stellen mittlerweile mehr als die Hälfte des Vorstands. Aufgrund der sprachlichen, kulturellen und religiösen Diversität braucht es auch konstant einen innermuslimischen Dialog.

Warum engagieren sich gerade jüngere Leute für die VIOZ?
Viele junge Musliminnen und Muslime spüren eine gewisse Islamfeindlichkeit, etwa in den Medien oder bei politischen Entscheiden. Dagegen wollen sie sich einsetzen und ihren Beitrag leisten. Gleichzeitig befassen sie sich intensiv mit Fragen von Glauben, Identität und Zugehörigkeit und nehmen in ihrem Alltag oft die Funktion von Vermittlerinnen und Brückenbauern ein. Die VIOZ ist eine gute Plattform, sich für diese Anliegen in einem positiven und kreativen Sinne zu engagieren.

Kann die angesprochene Islamfeindlichkeit nicht auch demotivierend sein?
Natürlich gibt es einzelne Momente, wo man frustriert ist. So etwa bei der Abstimmung über das Burkaverbot. Obwohl viele Muslime nichts mit der Burka zu tun haben, nahmen sie die Abstimmung als Ausgrenzung wahr. Aber für mich und viele engagierte Musliminnen, die ich kenne, bleibt nichts anders übrig, als am eingeschlagenen Weg des Dialogs und der Integration festzuhalten. Es gibt ja auch positive Signale. So haben sich viele Kirchenvertreterinnen und Politiker gegen das Verhüllungsverbot ausgesprochen. Ausserdem funktioniert das Zusammenleben im Alltag meist sehr gut. Zwar werden regelmässig antimuslimische Anfeindungen dokumentiert, vor allem gegen Menschen, die sichtbar muslimisch sind. Gleichzeitig gehört es mittlerweile aber auch zur Normalität, dass man Schweizer oder Schweizerin und gleichzeitig muslimisch sein kann. Es gibt keinen Widerspruch darin.

«Es ist nachgewiesen, dass es bei uns keine radikale Beeinflussung gibt. Aber je nach Gegenüber kommt das gar nicht an. Einige halten einfach weiterhin an den Vorwürfen fest.»

Es gab aber Vorwürfe, dass die VIOZ von der radikalen Muslimbruderschaft beeinflusst sei…
Das ist ein Beispiel der negativen Berichterstattung. Der Vorwurf geht zurück auf einen Artikel aus einer ägyptischen Zeitung. Darin wurden einige Organisationen aufgelistet, die angeblich von den Muslimbrüdern beeinflusst seien. Es gab aber keinerlei Belege dazu, der Vorwurf ist aus der Luft gegriffen. Schweizer Medien haben ihn trotzdem ungeprüft übernommen. Als Vorstandsmitglied habe ich Einblick in alle Dokumente, Konten und Berichte. Da gibt es einfach keine Finanzströme der Muslimbrüder und keine unserer Mitgliedsorganisationen hat Verbindungen zu ihnen. Schliesslich haben diejenigen Leute, die etwa bei staatlichen Projekten mitmachen, auch erfolgreich eine Sicherheitsüberprüfung überstanden.

Warum diese Überprüfung?
Beim Projekt für die Seelsorge in öffentlichen Institutionen hat der Staat abgeklärt, ob die Seelsorgenden irgendeinen problematischen oder radikalen Hintergrund haben. Das war bei niemandem der Fall. Sonst wäre das ein Ausschlussgrund gewesen und hätte Auswirkungen auf die weitere Zusammenarbeit gehabt. Es ist nachgewiesen, dass es bei uns keine radikale Beeinflussung gibt. Aber je nach Gegenüber kommt das gar nicht an. Einige halten einfach weiterhin an den Vorwürfen fest.

Trotz negativer Erfahrungen berichten Sie von vielen erfolgreichen Projekten, vom guten Dialog mit Behörden und anderen Akteuren – wie geht es weiter mit der VIOZ?
Hoffentlich weiter so positiv! Der interreligiöse und gesellschaftliche Dialog liegt uns wirklich am Herzen. Aber das hängt vom Engagement unserer Vertreter ab. Die meisten machen das ehrenamtlich, neben Arbeit, Familie, Privatleben. Im Moment ist die Motivation trotz der ausgrenzenden Kampagne rund um die Burkaverbotsinitiative sehr gross, auch weil positive Signale von der Gesamtgesellschaft kommen. Ich hoffe, das bleibt so, denn wir gehören dazu.