Kommentar

Der Kirche eine starke Stimme geben

Reformierte Kirchen sind diverser geworden. Das ist zu begrüssen. Die Vielfalt noch stärker herauszustreichen, ohne dabei die Gemeinsamkeiten zu verlieren, würde der Kirche guttun.

In welche Richtung soll sich die Kirche entwickeln? Darüber gehen die Meinungen immer wieder auseinander. Die Aufnahme zeigt die evangelisch-reformierte Kirche in Wädenswil am Zürichsee. (Bild: Keystone/ Ennio Leanza)

Die gute Nachricht vorab: In reformierten Kirchenleitungen hat sich die Zahl der Kirchenrats- und Synodalratspräsidentinnen innert zwei Jahren fast verdreifacht. Waren 2019 erst drei Präsidien von Frauen besetzt, sind es nach den Amtsübernahmen bis im nächsten Jahr deren acht. Es verändert sich etwas bei den Reformierten, das ist durchaus erfreulich.

Allein, für Jubel ist es zu früh. Zum Verbund der reformierten Kantonalkirchen auf nationaler Ebene, der Evangelisch-reformierten Kirche Schweiz (EKS), zählen 25 Mitglieder. Der Anteil an Frauen in Präsidien entspricht also praktisch einem Drittel; und in etwa so hoch ist auch der Frauenanteil in der EKS-Synode, dem Kirchenparlament.

Nicht vergessen werden darf, dass Rita Famos die erste Frau an der Spitze der EKS ist, und sie das Amt notabene erst ein knappes Jahr bekleidet. Folglich ist das Geschlechterverhältnis alles andere als ausgewogen. Mehrheitlich machen –  vor allem und noch immer – Männer Kirchenpolitik.

Nachbarland geht voran

In offiziellen Ämtern sind nicht nur die Frauen rar, sondern auch die jungen Erwachsenen. In Deutschland steht mit Anna-Nicole Heinrich eine erst 25 Jahre alte Frau als Präses an der Spitze der Synode der Evangelischen Kirche.

«Junge sind gerne am Adventssingen dabei, möchten dem Kirchenchor aber nicht beitreten.»

Obwohl das Nachbarland zeigt, dass es anders geht, fehlen im Schweizer Kirchenleben Jugendliche grösstenteils. Sie sind gerne am Adventssingen dabei, möchten dem Kirchenchor aber nicht beitreten – so lässt sich das zusammenfassen. Über Einzelprojekte hinaus sind die Jungen nur schwer für eine Mitarbeit zu motivieren, monieren Fachleute.

Im Fokus: «Color»

In einer Serie beleuchtet die ref.ch-Redaktion das Thema «Color». Am Freitag, 12. November 2021, erscheint als letztes Stück ein Hörspiel. (red)

Reformierte Kirchen sind zu homogen: das lässt sich nicht nur in Bezug auf die Geschlechterdiversität und die Altersausgewogenheit sagen, sondern auch hinsichtlich der Hautfarbe feststellen. Nadine Manson, reformierte Pfarrerin mit madegassischen Wurzeln, fühlt sich sehr auf sich allein gestellt, wie sie in einem Porträt-Gespräch schilderte.

Pfarrpersonen unterschiedlicher Hautfarbe seien kaum vernetzt und hätten mehr Unterstützung verdient, findet sie. Ein eigenes Pfarramt für diese «Person of color» erachtet Manson als denkbar, und sie findet das wünschenswert.

Minderheiten hören

Doch ist das «der Weisheit letzter Schluss», für jede Interessensgruppe eigene Vertretungen aufzubauen, wie es etwa die Stadt Zürich seit Sommer mit einem LGBT-Pfarramt tut? Jein, lautet die Antwort.

«Mehr Diversität birgt das Risiko des Auseinandertreibens.»

Selbstverständlich sollen – und müssen – Minderheiten gehört und ihre Bedürfnisse berücksichtigt werden. Eine Segmentierung allerdings ist nicht nur positiv, mehr Diversität birgt auch das Risiko des Auseinandertreibens.

Letztlich lässt sich festhalten, reformierte Kirchen sind heute breiter aufgestellt, als sie es gestern noch waren. Homosexuelle brauchen sich bei den Reformierten glücklicherweise schon lange nicht mehr zu verstecken. Dank des Ja zur «Ehe für alle» schliesst die Schweiz als eine der letzten zu jenen westeuropäischen Staaten auf, die gleichgeschlechtliche Paare zivilrechtlich heiraten lassen. Ab Sommer 2022 dürfen sich Lesben und Schwule endlich ganz offiziell auch in einer Kirche das Ja-Wort geben.

Ziel für die Reformierten muss es sein, Unterschiede sichtbarer zu machen, Verständnis füreinander aufzubringen und voneinander zu lernen, ohne dabei das Verbindende zu verlieren. Eine Kirche unter einem Dach, in der viele Stimmen gehört und unterschiedlichste Menschen miteinbezogen werden, ist eine starke Kirche.