Demenzsensible Kirchgemeinden

«Menschen mit Demenz haben ein Bedürfnis nach Gemeinschaft»

Kirchen könnten ein exemplarisches Übungsfeld für das Miteinander mit Demenzerkrankten sein, findet Eva Niedermann. Die Fachmitarbeiterin berät in der Zürcher Landeskirche demenzsensible Kirchgemeinden und sagt im Interview, worin für diese die grösste Herausforderung besteht.
Menschen, die an einer Demenz erkranken, verlieren häufig den Kontakt zur Kirche. (Bild: Goran Basic / Keystone)

Frau Niedermann, leisten Kirchen genug für Menschen mit Demenz? 
Viele Kirchgemeinden beschäftigen sich mit diesem Thema und haben bereits Angebote entwickelt, gleichzeitig gibt es Luft nach oben. Demenz wird in vielen Bereichen der Gesellschaft tabuisiert. Kirchen können ein exemplarisches Übungsfeld für das Miteinander mit Menschen mit Demenz sein. 

Wieso?
Die Gesamtgesellschaft steuert auf eine Altersstruktur zu, die wir in den Kirchen bereits kennen. In Besuchsdiensten, in der Seelsorge oder in spezifischen Angeboten für Seniorinnen und Senioren gibt es immer wieder Kontakt zu Menschen mit Demenz. Zudem sind Kirchen vielerorts gut vernetzt mit Institutionen im Bereich Alter. Aus Gottesdiensten in Pflegeheimen wissen wir auch, dass Menschen mit Demenz ein Bedürfnis nach Gemeinschaft haben und mit ihnen beispielsweise durch Rituale und Lieder in Kontakt getreten werden kann. Dinge, die in Kirchen gelebt werden. 

In der Zürcher Landeskirche sind Sie Fachmitarbeiterin für Alter und Generationen und in dieser Funktion auch Ansprechperson für «Demenzsensible Kirchgemeinden». Was ist darunter zu verstehen?
Es ist kein Label oder Ähnliches, vielmehr ein Leitgedanke, um zu überprüfen, wo eine Kirchgemeinde bei diesem Thema steht: Wie offen sind wir für Menschen mit Demenz? Sind sie ein Teil unserer Kirchgemeinde? Können sie mitwirken? Haben wir geeignete Angebote und Formate?

Was wäre ein geeignetes Format?
Kürzere Gottesdienste beispielsweise, in denen das Wort weniger Gewicht hat und dafür die Sinne umso mehr angesprochen werden.

Worin besteht für Kirchgemeinden die grösste Herausforderung?
In Kontakt zu bleiben. Überhaupt zu erkennen, dass jemand nicht mehr am kirchlichen Leben teilnimmt, weil eine Demenz aufgetreten ist. Davon sind auch die Angehörigen betroffen, weil sie die Betreuung übernehmen und dadurch zeitlich stark beansprucht werden.

Wie kommt es zu diesen Kontakt-Verlusten?
Demenz ist ein angst- und schambehaftetes Thema. Betroffene bemühen sich aus Scham oft darum, ihre Einschränkungen zu verbergen und nicht aufzufallen. Im späteren Verlauf kann ihr unangemessenes Verhalten bei Angehörigen Fremdscham hervorrufen. Die Folge ist Rückzug aus der Öffentlichkeit.

Was können Kirchgemeinden tun?
Alle Menschen – ob mit oder ohne Demenz – bedingungslos willkommen heissen. Tolerant sein, wenn jemand im Gottesdienst dazwischenruft. Ruhig bleiben, wenn jemand auf einem Seniorenausflug laut wird im Zug. Sensibilisieren, informieren, Anlaufstellen anbieten und vernetzen. Räume schaffen, in denen Betroffene und Angehörige und wir mit ihnen Gemeinschaft und Spiritualität erleben können. 

Die bekannte Demenzexpertin Irene Bopp sagte in einem Interview mit dem bref-Magazin, Kirchen könnten Pools gründen mit Freiwilligen, die etwa in der Pflege als Übersetzerinnen und Übersetzer fungieren. Dies vor dem Hintergrund, dass Erkrankte teilweise nur noch in ihrer Muttersprache kommunizieren können.
Solche Pools sind mir bisher nicht bekannt. Eine interessante Idee. 

Wo innerhalb der Zürcher Landeskirche wird bereits viel für Menschen mit Demenz gemacht?
Als «best practice» gilt seit 2021 die Drehscheibe Demenz im Kirchenkreis 6 der Stadt Zürich. Sie bietet Tagesstrukturangebote, Tanz- und Singcafés, Hirntraining, Treffen für Angehörige, kurze Gottesdienste, Sommerferien, in denen Menschen mit Demenz teilnehmen können, und vieles mehr. In Kooperation mit lokalen Akteuren und Geschäften arbeitet die Drehscheibe an einem demenzfreundlichen Quartier, in dem Menschen mit Demenz möglichst lange in ihrem gewohnten Umfeld leben können.  

Wie sieht es in anderen Landeskirchen aus?
Ich habe keinen Gesamtüberblick, aber ich nehme seit zehn Jahren am Runden Tisch Alter teil, an dem sich Vertretungen der meisten Landeskirchen der Deutschschweiz austauschen. Ob in St. Gallen, in Graubünden, im Aargau, in Bern oder im Thurgau: überall ist Demenz ein Thema. Allen ist es ein grosses Anliegen, den Kontakt mit Menschen mit Demenz nicht nur als Herausforderung, sondern als wertvolle Bereicherung zu sehen. Sie erinnern uns daran, dass Menschsein nicht von Leistungs- oder Erinnerungsfähigkeit geprägt ist, sondern von Verbundenheit, Mitgefühl und Fürsorge.

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