Vereinigte Staaten

Wie sehr bezog sich der mutmassliche Trump-Attentäter auf die Bibel?

Donald Trump nannte ihn «anti-christlich», doch eine Analyse des Theologen Christoph Heilig zeichnet ein komplexeres Bild des mutmasslichen Trump-Attentäters: Cole Allen verstand sich als Protestant und argumentierte mit Bibelstellen.
Der 31-jährige Kalifornier Cole Tomas Allen muss sich wegen eines mutmasslichen Attentatsversuch auf US-Präsident Donald Trump vor Gericht verantworten. Beim traditionellen Korrespondenten-Dinner in Washington Ende April war er schwer bewaffnet durch eine Sicherheitsschleuse gerannt, gab Schüsse ab und konnte von Sicherheitskräften gestoppt werden. (Illustration: Dana Verkouteren/ Keystone)

US-Präsident Donald Trump ist vor rund einer Woche einem mutmasslichen Attentat entgangen, Sicherheitskräfte konnten den bewaffneten Angreifer Cole Allen überwältigen. «Er hasst Christen», sagte Trump in einem Interview mit dem TV-Sender «Fox News» über Allen. Dabei berief sich Trump auf ein hinterlassenes Manifest. Auch aus US-Sicherheitskreisen wurde in Medien auf «anti-christliche Rhetorik» verwiesen. 

Dem widersprach der US-Journalist Ken Klippenstein. In seiner Analyse argumentiert er, Allens Manifest zeige gerade das Gegenteil: Er arbeite sich detailliert an biblischen Texten ab und versuche, die Tat theologisch zu begründen. Allen habe sich zwei Wochen vor der Tat als «Protestant» bezeichnet.

Manifest und Beiträge analysiert

Der evangelische Theologe und Forscher Christoph Heilig, der 2018 an der Universität Zürich promovierte und heute noch an der Universität Basel doziert, hat das Manifest von Allen und dessen Beiträge auf den sozialen Netzwerken Bluesky und X eingehend analysiert. Heilig hat seine Erkenntnisse auf seinem Blog publiziert. Der Deutsche hat schon mehrfach zur Schnittstelle von Politik und biblischen Schriften geforscht. Für seine interdisziplinären Arbeiten ist er mehrfach ausgezeichnet worden. 

Heilig verortet Allen klar als Christ, in zahlreichen Beiträgen zitiere dieser beispielsweise die Offenbarung oder aus den Evangelien. Seine Auseinandersetzung mit der Bibel zeige ein «hohes Level an kritischer Reflexion», so Heilig. Gleichzeitig sei sein Umgang mit der Bibel selektiv und funktional.

Auf die Seite der «Unterdrückten» gestellt

Einzelne Textstellen würden ihm dienen, die Trump-Regierung und deren (christliche) Unterstützer moralisch zu verurteilen. Entgegen anderen Darstellungen sieht Heilig keine Hinweise, dass Allen von einer Endzeitvorstellung angetrieben war. Zwar verwende er Bilder aus der Offenbarung, aber er vermeide eine naive Gleichsetzung von endzeitlichen Figuren aus der Bibel mit Trump.

Eine konsistente theologische Begründung für die eigene Gewalt finde sich hingegen kaum. Die religiösen Bezüge würden vielmehr Bilder für eine moralische Zuspitzung liefern. Im Manifest als auch in den sozialen Netzwerken stellt sich Allen auf die Seite der «Unterdrückten». Untätigkeit erscheint ihm als moralisches Versagen.

Den Einwand, Christen müssten Gewaltlosigkeit praktizieren («die andere Wange hinhalten»), greift er in seinem Manifest auf. Allens Antwort: Dieses Gebot gelte nicht uneingeschränkt – insbesondere dann nicht, wenn andere unterdrückt würden. In solchen Fällen könne Widerstand, auch gewaltsamer, notwendig sein. 

Dieses Argument ist in der christlichen Ethik nicht neu, ordnet Heilig ein. Es erinnere an Debatten über Widerstand gegen Diktaturen im 20. Jahrhundert. Dietrich Bonhoeffer habe aber im Gegensatz zu Allen politische Gewalt stets als Sünde betrachtet. Allens theologische Begründung bleibe hier oberflächlich.

«Äusserst besorgniserregend»

Den Schritt hin zum gewaltsamen Widerstand sieht Heilig in einer politischen Radikalisierung und einer bestimmten säkularen Denkweise begründet. Im Manifest argumentiert Allen im Sinne der Unabhängigkeitsbewegung: Wenn der Staat Unrecht begeht, verliert er die Legitimität und Widerstand wird zur Pflicht. Allen stört sich stark an Trumps Politik in der Ukraine, Gaza, Iran und Venezuela. Auch die Migrationspolitik kritisierte er scharf.   

Das Weltbild des mutmasslichen Attentäters sei also weniger durch eine besondere Bibelauslegung geprägt als durch eine intensive Wahrnehmung politischer Ereignisse. Allen betrachte diese als moralische Katastrophe, die zum Handeln zwinge. 

Heilig kommt in seiner Analyse zum Schluss, dass der Vorfall «äusserst besorgniserregend» für den sozialen Frieden in den USA sei. Aufgrund des aktuellen Wissens sei der Attentäter ein «gewöhnlicher Christ» gewesen. «Der sich dazu gezwungen sah, Gewalt als eine Form von Widerstand anzuwenden.»

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