Grossbritannien

Kolonialismus-Debatte spaltet Church of England

Die Church of England möchte Wiedergutmachung für ihre Verstrickungen in den Sklavenhandel leisten. Doch das Vorhaben stösst auf Widerstand. Mitarbeitende sind inzwischen sogar auf Schutz angewiesen.
Als neues geistliches Oberhaupt der Church of England tritt Sarah Mullally ein schwieriges Erbe an. Zeremonie zur Amtseinsetzung in der St.-Pauls-Kathedrale in London. (Bild: Jeff Moore / Keystone)
Das Wichtigste in Kürze

Warum sorgt «Project Spire» in der Church of England für Streit?
Das  «Project Spire» soll 100 Millionen Pfund für Wiedergutmachung im Zusammenhang mit Sklaverei bereitstellen. Für 27 konservative Parlamentarier und Mitglieder des House of Lords ist es rechtlich fragwürdig. Sie bezweifeln, dass die «Church Commissioners» befugt sind, Stiftungsmittel für Reparationszahlungen einzusetzen.

Worum geht es inhaltlich bei den Reparationsplänen?
Eine Studie zeigte, dass Teile des Vermögens der Kirche aus der transatlantischen Sklaverei stammten. Mit «Project Spire» sollen betroffene Gemeinschaften unterstützt sowie Bildungs- und Forschungsprojekte zur Aufarbeitung der Kirchengeschichte gefördert werden.

Wie positioniert sich die neue Erzbischöfin von Canterbury?
Sarah Mullally hält trotz Widerstands an dem Projekt fest. Sie verweist auf die moralische Verantwortung der Kirche, sich ihrer «beschämenden Vergangenheit» zu stellen.

Die anglikanische Kirche in England kommt nicht zur Ruhe. Rund ein Jahr nach dem Rücktritt von Erzbischof Justin Welby infolge eines Missbrauchsskandals ist eine neue Debatte entbrannt. Es geht um Wiedergutmachung für die historischen Verstrickungen der Church of England in den Sklavenhandel.

In einem Brief an das neue geistliche Oberhaupt Sarah Mullally protestierten 27 konservative Abgeordnete und Mitglieder des House of Lords gegen das laufende Versöhnungsprojekt, wie die BBC berichtete. Konkret geht es um das sogenannte «Project Spire», das vor rund drei Jahren gestartet wurde und insgesamt 100 Millionen Pfund bereitstellen soll.

Mit dem Geld will die Kirche unter anderem Gemeinschaften unterstützen, deren Vorfahren unter der Sklaverei litten, sowie Bildungs- und Forschungsprojekte in diesem Kontext fördern. Auch finanzielle Unterstützungsleistungen für betroffene Gemeinschaften werden in Aussicht gestellt. Anlass für das Projekt war eine von der Kirche in Auftrag gegebene Studie, die ihre Verstrickungen in den Sklavenhandel dokumentiert.

Vom Sklavenhandel profitiert

Der Untersuchung zufolge nutzte die Kirche im 18. Jahrhundert eine Stiftung zur Unterstützung armer Geistlicher, um Gelder von wohlhabenden Spendern anzunehmen, deren Vermögen aus dem Sklavenhandel stammte. Das damalige Oberhaupt Justin Welby sprach von der «beschämenden Vergangenheit» der Kirche und kündigte Massnahmen an, um Gemeinschaften zu unterstützen, die von der «transatlantischen Sklaverei betroffen sind».

Doch das daraufhin ins Leben gerufene «Project Spire» spaltet die Kirche. Die Unterzeichnenden des Schreibens an Mullally kritisieren, es handle sich um ein «rechtlich fragwürdiges Prestigeprojekt», wie der Guardian berichtet. Ihrer Ansicht nach seien die sogenannten «Church Commissioners», die das Stiftungsvermögen der Church of England verwalten, nicht befugt, Gelder für diesen Zweck auszugeben. Zu ihren Kernaufgaben gehöre vielmehr die Unterstützung der Gemeindarbeit und die Instandhaltung kirchlicher Gebäude.

Die Church of England und der Sklavenhandel

Die Church of England gab 2019 eine Studie in Auftrag, um ihre historischen Verbindungen zum Sklavenhandel untersuchen zu lassen. Im Mittelpunkt stand dabei der 1704 von Königin Anne gegründete Fonds «Queen Anne’s Bounty», der zur Unterstützung armer Geistlicher diente.

Die Untersuchung ergab, dass Teile des Fondsvermögens aus der transatlantischen Sklaverei stammten. Diese Verbindungen bestanden vor allem über Investitionen in staatliche Anleihen und Handelsgesellschaften wie die South Sea Company, deren wirtschaftliche Tätigkeit eng mit der Versklavung afrikanischer Menschen verknüpft war.

Im Anschluss an die Veröffentlichung der Studie bat die Church of England in einer Stellungnahme um Entschuldigung für ihre historische Verstrickung in den Sklavenhandel. Eine offizielle Bitte um Verzeihung hatte sie bereits 2006 ausgesprochen. (no)

Widerspruch regt sich auch an der Basis. Wie «Christian Today» berichtet, spricht sich laut einer Meinungsumfrage eine Mehrheit von 81 Prozent der Kirchgänger dafür aus, die Mittel der Kommission für lokale Gemeinden zu verwenden. Lediglich 19 Prozent sahen Reparationszahlungen als Priorität. Mehr als 60 Prozent erklärten zudem, sie würden ihre Spenden an andere Organisationen weiterleiten, falls die Kommission Gelder für Wiedergutmachungszahlungen einsetze.

Mullally hält an Projekt fest

Zuletzt geriet das Projekt auch an der Generalsynode der Church of England unter Beschuss. Gegner des Vorhabens richteten nicht weniger als 16 schriftliche Anfragen an die Kommission, wie die «Church Times» berichtet. Der stellvertretende Vorsitzende der Kommission, Bischof Stephen Lake, erklärte, die Feindseligkeit gegen das Projekt sei inzwischen so gross, dass Massnahmen ergriffen werden mussten, um das «Wohlbefinden» der Mitarbeitenden zu schützen.

Bischöfin Sarah Mullally versicherte derweil in ihrer Antwort an die Parlamentarier, dass die Investitionen in lokale Gemeinden nicht gefährdet seien. In den kommenden drei Jahren würden rund 1,6 Milliarden Pfund in die Gemeindearbeit und den Klerus investiert. Zugleich betonte Mullally, die Kirche müsse sich dem historischen Unrecht stellen. Die Vergangenheit könne nicht ungeschehen gemacht werden, wohl aber der Umgang mit ihr.

Sarah Mullally war im Oktober zur Nachfolgerin von Justin Welby ernannt worden. Als Erzbischöfin von Canterbury ist sie das geistliche Oberhaupt der Kirche von England. Mullally ist nach 105 Männern die erste Frau in diesem Amt. Mit rund 20 Millionen Mitgliedern ist die Church of England die grösste anglikanische Kirche.

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