Swiss Church London

«Mich hat der Missbrauch sehr betroffen gemacht»

Rund zwei Monate nach seinem Stellenantritt ist Pfarrer Manuel Zimmermann Grey vermehrt mit den täglichen Herausforderungen seiner Gemeinde konfrontiert. Welche Themen er anpacken will und wie er seine Zukunft in London sieht, erzählt er im Interview.
Die Swiss Church in London erlebt finanziell schwierige Zeiten. (Bild: Swiss Church London)

Herr Zimmermann Grey, in Ihren ersten Amtswochen wurde die anglikanische Kirche von einem Missbrauchsskandal erschüttert. Wie sehr ist das Thema in der britischen Öffentlichkeit präsent?
Die Publikation des Makin-Berichts wurde in der britischen Öffentlichkeit intensiv diskutiert. Der Bericht beleuchtet die ungenügenden Massnahmen der Kirche nach dem horrenden Missbrauch durch John Smyth. Alle Augen waren nach der Publikation auf den Erzbischof von Canterbury Justin Welby gerichtet. Viele Stimmen haben Welbys Rücktritt gefordert. Richtigerweise hat er dann auch die Konsequenzen gezogen und ist zurückgetreten.

Wie sehr haben diese Ereignisse Sie persönlich betroffen?
Mich hat der Missbrauch in der anglikanischen Kirche sehr betroffen gemacht. Er zeigt, dass auch in dieser Kirche ein Kulturwandel nötig ist. Justin Welby habe ich persönlich sehr geschätzt und ich bedaure seinen Rücktritt. Gleichzeitig sendet er damit das richtige Signal.

Sie sind seit zwei Monaten als Pfarrer ad Interim an der Swiss Church tätig. Wie ist es Ihnen in dieser Zeit ergangen?
Der ersten paar Wochen sind wie im Flug vergangen. Ich wurde von Gemeinde und Team mit offenen Armen in Empfang genommen. Die Stelle ist reichhaltig und abwechslungsreich, gleichzeitig stehen ein paar grosse Herausforderungen an.

«Ich möchte die Swiss Church noch stärker als Forum für aktuelle Debatten positionieren.»
Pfarrer Manuel Zimmermann Grey
Zur Person

Manuel Zimmermann Grey ist seit Mitte September interimistischer Nachfolger von Carla Maurer, die rund elf Jahre Pfarrerin an der Swiss Church war. Der 29-Jährige ist mit der britischen Theologin Carmody Grey verheiratet und lebt seit Ende 2023 in England.

Die Swiss Church in London ist die älteste Schweizer Kirche im Ausland und wichtiger Treffpunkt für Auslandsschweizer. Anfang November ist die Evangelisch-reformierte Kirche Schweiz (EKS) von der Synode einstimmig damit beauftragt worden, ein Assoziierungsabkommen mit der Swiss Church auszuhandeln. (no)

Welche Themen möchten Sie in den kommenden Monaten anpacken?
Ich werde versuchen, die Bedingungen für ein pulsierendes Gemeindeleben weiter zu stärken. Ein Teil davon ist eine engere Zusammenarbeit unserer verschiedenen Tätigkeitsbereiche. Schon seit diesem Sommer ist beispielsweise unser Frühstück für Obdachlose mit unserem Kunstprogramm verbunden. In unserem «Arts Club» können sie in einem sicheren Rahmen malen, modellieren oder Gedichte schreiben. Eine Auswahl dieser Werke haben wir gerade im Rahmen einer professionell kuratierten Ausstellung gezeigt. Dabei trafen externe Ausstellungsgäste auf die Künstlerinnen und Künstler und auf Leute aus der Gemeinde.

Welche Ideen haben Sie sonst noch?
Ich möchte die Swiss Church längerfristig noch stärker als Forum für aktuelle Debatten positionieren. Die Klimakrise spitzt sich ungebremst zu, gleichzeitig haben rechtspopulistische Bewegungen Zulauf. In der Swiss Church möchte ich die politischen und ethischen Fragen unserer Zeit im Licht des christlichen Glaubens thematisieren und so einen Beitrag leisten zu einem gesunden gesellschaftlichen Diskurs.

«Wir sind dankbar dafür, dass die Synode der EKS ihre Zustimmung gegeben hat.»
Pfarrer Manuel Zimmermann Grey

Ein leidiges Thema sind die Finanzen. Wie sieht Ihre Strategie aus, um die Swiss Church aus den roten Zahlen zu holen?
Wir arbeiten mit einer Fundraising-Managerin an einer Strategie, um die Finanzen zu stabilisieren, möglichst ohne unsere Programme in Kunst, Obdachlosenarbeit und Musik in Mitleidenschaft zu ziehen. Potential gibt es bei der Kommunikation, der Stärkung unserer Partnerschaften im In- und Ausland, der Straffung unserer Prozesse und der Vermietung unserer Räumlichkeiten. In diesem Zusammenhang sind wir dankbar dafür, dass die Synode der EKS ihre Zustimmung zu einem Assoziierungsabkommen mit uns gegeben hat. So können wir Partnerschaften mit Kirchgemeinden in der Schweiz aufbauen, die für beide Seiten ein Gewinn sein werden.

Ihre Stelle ist eine Übergangslösung, bis die definitive Nachfolge von Carla Maurer gefunden ist. Wollen Sie sich dafür bewerben?
Die Stelle für die Nachfolge von Carla Maurer wird öffentlich ausgeschrieben werden. Und ja, ich fühle mich hier am richtigen Ort und werde mich bewerben.

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