Wahlen
Tausende Bauern beten für einen Bundesrat Ritter
Sollte Markus Ritter am 12. März Bundesrat werden, dann auch – davon sind viele überzeugt –, weil Gott es so gewollt hat. In einem Interview mit dem «Tages-Anzeiger» sagte der Politiker, er habe mit Gott Zwiesprache über seine Kandidatur gehalten. Und: «Ich werde auch vor dem Wahltag noch einmal ins Flüeli-Ranft gehen, um mich zu spüren». Die Bruder Klaus-Kappelle ist für den gläubigen Katholiken aus dem St. Galler Rheintal ein wichtiger Ort: «Dort kann ich innehalten und mich hinterfragen.»
Doch die religiöse Unterstützung für den Biobauern und Mitte-Politiker geht noch weiter. Gegenüber der NZZ hat Ritter 2020 erklärt, dass tausend Menschen aus dem Kanton Bern jede Woche für ihn beten würden. Sie würden regelmässig darum bitten, dass es ihm gelinge, im Parlament die Sache der Landwirtinnen und Landwirte zu verteidigen. Laut einer Recherche der NZZ am Sonntag gibt Ritter Inputs für Gebets-Emails der Bauernkonferenz. Rund 800 Adressen seien in diesem Verteiler.
Treue Bauerngebetsgruppen
Die Bauernkonferenz beschreibt sich selbst als «kleines Gremium von Bäuerinnen und Bauern, Agronomen, administrativen Beratern sowie geistlichen Leitern». Einerseits trifft es sich zu Planungssitzungen, andererseits zum Gebet. Unter anderem gehört der Bauernkonferenz die sogenannte Bauerngebetsbewegung an. Ausdrücklich bittet die Leitung der Konferenz «in all ihrem Tun ganz konkret um Gottes Weisungen und Wege.»
Gegenüber der NZZ am Sonntag sagt Sektenexperte Georg Schmid von Relinfo, dass hinter der Bauernkonferenz ein «neocharismatischer Glaube» stehe. Berichte von Wundern würden eine grosse Rolle spielen. Auf Anfrage der Zeitung erklärt Bundesratskandidat Ritter, den Mitgliedern der Bauerngebetsgruppen ginge es um «generelle Anliegen wie den Schutz des Landes oder gedeihliches Wetter.»
«Ziemlich naives Gottesbild»
Der Journalist Hugo Stamm schreibt in seinem aktuellen Sektenblog-Beitrag beim Online-Medium Watson, Ritter sei ein konservativer Katholik mit einem «ziemlich naiven Gottesbild», der sich mit Freikirchen verbünde. Letzteres tue er, «um im gesamten christlich-frommen Teich fischen zu können».
In einem Beitrag des Westschweizer Fernsehens RTS wird ein Ritter-Zitat von 2014 erwähnt. «Die Bauern sind näher bei Gott als der Durchschnitt der Bevölkerung», sagte er demnach zum Wochenmagazin Idea, das den Freikirchen nahesteht.
Segen von freikirchlichen Predigern
Schliesslich präsentiert RTS eine Filmaufnahme der Bauernkonferenz 2019 in Winterthur. Der Anlass wurde von der Stiftung Schleife organisiert, die laut Relinfo einem neocharismatischen Christentum nahesteht und schätzungsweise 300 Mitglieder hat. Ritter trat damals als Redner auf, sprach lange und «wie in einer Predigt», wie es RTS beschreibt. Nachdem der Mitte-Politiker Gott um Mut und Kraft gebeten habe, seien zwei Prediger der Schleife-Gemeinschaft auf die Bühne getreten und hätten Ritter minutenlang gesegnet.
Aktuell sieht es danach aus, als könne Markus Ritter jede – auch übernatürliche – Unterstützung gebrauchen: Im Vergleich mit dem anderen Bundesratskandidaten der Mitte, dem Zuger Martin Pfister, liegt der Präsident des Bauernverbandes Kopf an Kopf. Eine Modellrechnung des Schweizer Radio und Fernsehens SRF sieht den bestens vernetzten Nationalrat Ritter gleichauf mit dem weitgehend unbekannten Zuger Regierungsrat Pfister. SRF zitiert ausserdem den Politologen Michael Herrmann, der für Pfister reale Chancen auf den Wahlerfolg sieht. Denn: Markus Ritter habe viele Feinde im Bundeshaus und gewählt werde geheim und anonym.