Aktionstage für Behindertenrechte

Die Reformierten wollen inklusiver werden

Erstmals in der Schweiz wird im Kanton Zürich mit Aktionstagen auf die Rechte von Behinderten aufmerksam gemacht. Die Zürcher Landeskirche hat zum Auftakt ins Grossmünster geladen. Dabei stellt sich auch die Frage: Wie inklusiv ist die reformierte Kirche?

Im Zeichen der Blume: Eine Mimengruppe inszeniert im Inklusions-Gottesdienst im Zürcher Grossmünster ein Stück, in dem es um eine Rose geht. (Bild: Reformierte Landeskirche Zürich/ Jonathan Labusch)

Grossmünster-Pfarrer Christoph Sigrist verspricht nicht zu viel, als er an diesem Sonntagmorgen in Zürich von der Kanzel sagt: «Heute verwandelt sich dieses Kirchenschiff in einen Kirchengarten.» Kurz darauf führen Bewohner des Gehörlosendorfes Turbenthal einen Blumentanz auf, eine Mimengruppe inszeniert ein Stück, in dem es um eine Rose geht. Die Zürcher Band Hora, in der Menschen mit geistiger Behinderung mitwirken, spielt drei Songs. Und der Zürcher Regierungsrat Mario Fehr beendet seine Rede mit einem Satz in Gebärdensprache. 

Mit einem Blumentanz haben Bewohnerinnen eines Gehörlosendorfes im Grossmünster an einem Gottesdienst mitgewirkt. (Bild: hz)

Die Feier markiert den Beginn zu den Aktionstagen für Behindertenrechte im Kanton Zürich. Der ganze Gottesdienst wird für Gehörlose übersetzt, und immer wieder strecken die Anwesenden die Arme in die Höhe und drehen ihre Handgelenke zügig nach links und recht – klatschen in Gebärdensprache. 

Es sind erfrischende und ungewohnte Szenen. Dass Gehörlose und Menschen mit geistiger und körperlicher Behinderung einen Gottesdienst mitgestalten, kommt noch immer selten vor. Kaum eine Kirche feiert regelmässig so, dass sie allen Besucherinnen und Besucher gleichermassen gerecht wird – egal ob sie blind, gehörlos oder auf eine andere Art beeinträchtigt sind. Wo wird jede Predigt in Gebärdensprache übersetzt, wo gestalten Sehbehinderte eine Feier mit? 

Übersetzen allein reicht nicht

Dass solche Gottesdienste Ausnahmen sind, sagt Matthias Müller Kuhn, Gehörlosenpfarrer und in der Evangelisch-reformierten Landeskirche des Kantons Zürich für den Bereich Menschen mit Behinderung zuständig: «Gottesdienste sind meistens sehr sprachlastig. Diese Strukturen müssen wir überdenken und die Feiern häufiger so gestalten, dass sich auch Menschen mit Beeinträchtigung willkommen fühlen und daran teilnehmen können.» 

Grossmünster-Pfarrer Christoph Sigrist (im Vordergrund) singt ein Gemeindelied, welches von Gehörlosenpfarrer Matthias Müller Kuhn (hinten, rechts) in Gedärdensprache übersetzt wird. (Bild: Reformierte Landeskirche Zürich/ Jonathan Labusch)

Darauf angesprochen, sagt eine Gehörlosendorfbewohnerin im Grossmünster, sie würde sich zum Beispiel mehr Bilder im Gottesdienst wünschen. Und Predigten, die man besser versteht. «Übersetzen allein reicht nicht.»

Müller Kuhn nennt weitere Ansätze: mehr Handlungen mit Symbolen, Rituale, Pantomime, aktiven Einbezug von Menschen mit Beeinträchtigung – sowohl im Gottesdienst als auch in der Diakonie. Formen und Methoden, die letztlich auch mehr Kinder oder Menschen mit Demenz ansprechen könnten.

Procap: Es gibt viel zu tun

Über 130 Aktionen zum Thema Inklusion sind in den nächsten zwei Wochen im Kanton Zürich geplant, von Ausstellungen über Führungen bis zu Kochkursen (siehe Kasten). Die Zürcher Landeskirche will mit ihrem Engagement einen Beitrag zur Umsetzung der Behindertenrechtskonvention leisten. Das 2006 von der UNO-Generalversammlung verabschiedete Papier sieht vor, Hindernisse zu beheben, mit denen Menschen mit Behinderung konfrontiert sind, sie gegen Diskriminierung zu schützen und ihre Gleichstellung in der Gesellschaft zu fördern.

Kanton verantwortlich

An den Aktionstagen «Zukunft Inklusion» beteiligen sich neben der reformierten Landeskirche auch die Paulus Akademie, die ETH Zürich, die Zürcher Kantonalbank sowie verschiedene Stiftungen und Behindertenverbände. Die Behindertenkonferenz Kanton Zürich sowie das kantonale Sozialamt haben die Aktionstage organisiert, sie dauern vom 27. August bis zum 10. September. Weitere Informationen zu den Veranstaltungen finden sich hier. (hz)

Behindertenorgansiationen in der Schweiz setzen sich seit Jahren für diese Rechte ein. Inklusion in der Kirche voranzubringen, steht aber weder bei der Selbsthilfeorganisation Procap noch beim Dachverband Inclusion Handicap zuoberst auf der Prioritätenliste. 

Dringender sei, dass Menschen mit Behinderung selbstbestimmt wohnen könnten: In den eigenen vier Wänden und nicht nur in Heimen. Dennoch sei die Rolle der Landeskirchen wichtig, sagt Caroline Hess von Inclusion Handicap. Dabei gehe es nicht nur um beispielsweise einen barrierefreien Zutritt zu Kirchgebäuden: «Wie sich Kirchenverantwortliche zum Thema Behindertengerechtigkeit äussern, welches Menschenbild sie vermitteln, ist von Bedeutung.» 

Sonja Wenger von Procap sagt, es gebe noch viel zu tun. Inklusion bedeute, dass der Einbezug von Menschen mit Beeinträchtigung selbstverständlich und alltäglich sei – und nicht die Ausnahme. «Aber ich verstehe, dass das natürlich auch eine Frage der Kosten und Ressourcen ist.» Kirchgemeinden könnten es sich etwa kaum leisten, jede einzelne Predigt in Gebärdensprache zu übersetzen. 

Müller: Ur-evangelisches Anliegen

Das Thema fordere die Kirche heraus, sagt Michel Müller, Kirchenratspräsident der reformierten Zürcher Landeskirche. «Und das ist erfreulich. Inklusion ist nämlich ein ur-evangelisches Anliegen.» Jesus habe die Menschen in die Mitte des Gottesvolkes zurückgeholt, Menschen, die insbesondere wegen ihrer Behinderung davon ausgeschlossen wurden.

Gehörlosenpfarrer Matthias Müller Kuhn sagt: «Bei unseren Bemühungen stehen wir noch am Anfang.» Die Kolleginnen und Kollegen der Evangelischen Kirche Deutschland (EKD) seien im Vergleich dazu viel weiter und etwa zehn Jahre voraus. Die EKD habe etwa einen Fonds eingerichtet. Kirchgemeinden könnten Gesuche für Inklusionsprojekte einreichen und erhielten Fördergelder. 

Ähnliches wünscht sich Müller Kuhn auch in der Schweiz. In zwei Jahren sind nationale Aktionstage geplant. Er hofft, dass das Thema Inklusion bis dann auch in der Kirche breiter abgestützt ist, auf eidgenössischer Ebene und mit mehr verfügbaren Mitteln. In den einzelnen Kirchgemeinden spüre er jedenfalls ein wachsendes Interesse, sagt Müller Kuhn. «Mit Blick auf diese Aktionstage haben wir in den letzten vier Monaten einen enormen Schub gemacht.»

Und auch aus dem Grossmünster nehmen viele Kirchgängerinnen etwas mit – nicht nur die Blumen, die am Ende verteilt werden. Sie haben erlebt, wie farbig und lehrreich ein inklusiver Gottesdienst sein kann.