«Ballerfilme oder Propaganda wollen wir nicht»
Frau Glatz, in Kürze startet das Filmfestival Locarno. Sie sind als Festivaldelegierte der Filmorganisation Interfilm vor Ort. Worauf freuen Sie sich am meisten?
Am 8. August zeichnet die Ökumenische Jury den ungarischen Regisseur und Oscar-Preisträger István Szabó mit einem Ehrenpreis aus. Auf seinen Besuch bin ich besonders gespannt, weil ich über ihn meine Dissertation geschrieben habe. Natürlich freue ich mich auch darauf, viele spannende Filme zu sehen.
Die Ökumenische Jury kommt schon zum fünfzigsten Mal in Locarno zusammen. Warum braucht es eine kirchliche Jury?
Unser Blick auf das Filmschaffen unterscheidet sich von dem einer weltlichen Jury. Die künstlerische Qualität eines Films ist nur ein Aspekt, den wir bewerten. Daneben ist uns wichtig, dass ein Film eine menschliche Haltung zum Ausdruck bringt, die unserem Verständnis von Menschenwürde entspricht. Ausserdem sollen die Zuschauerinnen für spirituelle, ethische und soziale Werte sensibilisiert werden. Damit leisten wir etwas, was eine weltliche Jury nicht leistet.
Ingrid Glatz ist Mitgründerin und Co-Präsidentin der Filmorganisation Interfilm Schweiz sowie Vizepräsidentin von Interfilm international. Zudem ist sie Festivaldelegierte des Filmfestivals Locarno. Bis 2018 war Glatz als Pfarrerin in der reformierten Kirchgemeinde Aarwangen (BE) tätig. Sie verfasste eine Dissertation über den ungarischen Filmemacher István Szabó. (no)
Ein reiner Actionfilm hat also keine Chance auf den Preis der Ökumenischen Jury?
Filme, in denen nur rumgeballert wird, ohne dass das zugleich reflektiert wird, kommen für uns eher nicht in Frage. Ein Ausschlusskriterium ist ausserdem Propaganda. Das Thema ist heute wieder aktuell, wenn wir zum Beispiel Filme aus Russland beurteilen müssen. Aber auch bei Filmen aus anderen kriegführenden Ländern achten wir darauf, wie sie zur offiziellen Propaganda stehen. Viele Filmschaffende sind allerdings regimekritisch.
Die Ökumenische Jury setzt sich aus reformierten und katholischen Mitgliedern von verschiedenen Kontinenten zusammen. Gibt es manchmal Differenzen hinsichtlich der Werte, die ein Film vermitteln soll?
Ja, das kommt vor. Wir hatten zum Beispiel schon Mitglieder, die Schwierigkeiten mit dem Thema Homosexualität hatten. Gerade auf katholischer Seite sitzen auch Leute aus anderen Kulturen mit anderen Wertvorstellungen in der Jury. Das ist bei uns Reformierten weniger der Fall, weil wir ja weltweit nur wenige Kirchen haben. Ich erinnere mich auch an ein Jurymitglied, das partout nicht über ungarische Sinti und Roma diskutieren wollte. Wir versuchen aber, die Jury mit Leuten zu besetzen, die unsere Vorstellung von Menschenwürde teilen.
Sie haben den kirchlichen Blick auf das Filmschaffen erwähnt. Inwiefern profitiert die Kirche vom Film?
Filme sind für mich Seismografen der Gesellschaft. Sie zeigen menschliche Schicksale und wie diese mit der Gesellschaft verwoben sind. Das ist auch für Theologen interessant. Pfarrerinnen haben es ebenfalls mit unterschiedlichen Lebensgeschichten und Menschen zu tun, die sie in bestimmten Situationen begleiten. Hinzu kommt, dass Filme andere Kulturen und Denkweisen abbilden. Für unsere Organisation ist dieser Austausch zwischen den Kulturen und Religionen ein zentrales Anliegen.
Zu ihrem 50-Jahr-Jubiläum hat die Ökumenische Jury den Filmemacher István Szabó nach Locarno eingeladen. Am 8. August wird er mit einem Ehrenpreis ausgezeichnet. Damit verbunden ist ein öffentliches Podium mit dem Regisseur und die europäische Premiere seines Films «Abschlussbericht» am 10. August.
Der Preis der Ökumenische Jury am Filmfestival Locarno wurde erstmals 1973 verliehen. Er ist in diesem Jahr mit 10’000 Franken dotiert. Die Jurorinnen und Juroren werden von den kirchlichen Filmorganisationen Interfilm und Signis gestellt. Das Filmfestival Locarno findet vom 2. bis 12. August statt. (no)
Sie waren selbst lange Pfarrerin. Waren Filme für Sie eine Inspiration für Ihre Arbeit?
Als Pfarrerin habe ich regelmässig ein Kirchenkino veranstaltet. Danach haben wir in der Gemeinde über die Filme diskutiert. Das waren oft intensivere Diskussionen als nach einem Gottesdienst. Der Film eignet sich speziell als Gefäss, um mit kirchenfernen Menschen über spirituelle oder religiöse Themen zu sprechen.
Die Ökumenische Jury feiert dieses Jahr ihr Jubiläum. Ist ihre Zukunft gesichert?
Die Finanzierung unserer Teilnahmen an den verschiedenen Filmfestivals ist ein Problem. Das hängt unter anderem damit zusammen, dass viele Festivals finanzielle Sorgen haben. Spesen wie Übernachtungen und Reisekosten, die früher von den Organisatoren übernommen wurden, müssen wir heute oft selbst tragen. Finanziell unterstützt werden wir von der Evangelisch-reformierten Kirche Schweiz und der Schweizer Bischofskonferenz, auch von einzelnen Landeskirchen und Sponsorinnen bekommen wir Geld. Darauf sind wir mehr denn je angewiesen.