Aus Hinterzimmern an die Macht
(Bild: Filmstill aus dem Jahr 1940, Keystone/Str.)
Am 4. Januar 1933 kam es zu einer historischen Begegnung. Im Kölner Stadtteil Lindenthal trafen sich zwei machtgierige Männer, die das Ende der Weimarer Demokratie einläuten sollten: Adolf Hitler und der Zentrumspolitiker Franz von Papen.
Von Papen verhandelte mit Hitler über mögliche Wege zur Ablösung des damaligen Reichskanzlers, Kurt von Schleicher. Das Treffen wurde öffentlich, weil einem Fotografen eine besondere Aufnahme gelang. Sie zeigte, wie Hitler vor der Villa am Stadtwaldgürtel 35, wo das Treffen stattfand, aus dem Auto steigt. Das Foto war am nächsten Tag auf der Titelseite der Berliner «Täglichen Rundschau» – ein erster Beweis dafür, dass Nationalsozialisten und reaktionäre Kreise um von Papen den Sturz Schleichers aktiv betrieben.
Unbeliebte Weimarer Republik
Der Chemnitzer Zeithistoriker und Politikwissenschaftler Alexander Gallus hält dieses Treffen für «ein wichtiges historisches Datum, das im Schatten der Erinnerung liegt». Dennoch sei es falsch, hier bereits «die ‹Geburtsstunde› der Hitler-Herrschaft zu sehen», sagte der Professor dem Evangelischen Pressedienst (epd). Diese Besprechung sei aber eine wichtige Zwischenetappe für Hitler und die NS-Bewegung gewesen.
Die von rechts und links vehement angefeindete Weimarer Demokratie war zu diesem Zeitpunkt längst «auf die abschüssige Bahn geraten», wie der Historiker und Autor Frank Werner formuliert. Seit 1930 regierten Präsidialkabinette ohne Mehrheit im Parlament, der Reichspräsident setzte den Reichskanzler ein. Erst die multiple politische, gesellschaftliche und wirtschaftliche Krisensituation an der Jahreswende 1932/33 und das Handeln des selbstherrlichen Umfelds von Reichspräsident Paul von Hindenburg hätten schliesslich zur Machtübertragung an Hitler am 30. Januar 1933 geführt.
Hindenburg lehnte Hitler kategorisch ab
Auf das konspirative Gespräch folgten ungezählte mehr oder weniger geheime Zusammenkünfte, Gesprächsrunden in Hinterzimmern, Intrigen und gezielte Täuschungsmanöver der um die Macht buhlenden Rivalen. Lange hatte Hindenburg eine Kanzlerschaft Hitlers kategorisch abgelehnt. Das würde, so der Präsident noch in einem Schreiben vom 24. November 1932, «zwangsläufig zu einer Parteidiktatur mit all ihren Folgen für die Verschärfung der Gegensätze im deutschen Volke» führen.
Doch Schleichers Tage als Regierungschef waren gezählt, als die Nationalkonservativen ihm die Gefolgschaft verweigerten. Zudem wollte ein von ihm umworbener NSDAP-interner Konkurrent Hitlers nicht an dessen Stelle ins Kabinett eintreten. Am 28. Januar schliesslich trat Schleicher zurück, eine neue Regierung wurde gebildet. Hindenburg sperrte sich nicht länger gegen Hitler als Kanzler, vorausgesetzt, dem Einfluss der NSDAP würden von konservativen Kräften deutliche Grenzen gesetzt. Am Abend des 29. Januar stand das neue Kabinett. Neben Hitler waren zwei NSDAP-Mitglieder dabei, der Rest waren Konservative.
Ermordung von Regimekritikern
Am 30. Januar begann um 11.15 Uhr die Vereidigung der Minister. Hitler war endlich am Ziel – und zwar auf legalem Weg. Wenig später stand er mit von Papen im ersten Stock der Reichskanzlei am Fenster und nahm die Ovationen seiner jubelnden Anhänger entgegen. «Welche ungeheure Aufgabe liegt doch vor uns, Herr von Papen», sagte Hitler zu seinem Stellvertreter, dem er den Griff nach der Macht verdankte: «Wir dürfen uns niemals trennen, bis unser Werk vollendet ist.»
Doch schon am 1. Juli 1934 nach der Ermordung konservativer Regimekritiker im Zuge des sogenannten Röhm-Putsches trat Vizekanzler von Papen aus der Regierung aus und wurde zunächst Gesandter in Wien. Unter den Mordopfern der Schutzstaffel (SS) sind auch der letzte Reichskanzler der Weimarer Republik, Kurt von Schleicher, und seine Frau. Sie wurden in ihrer Villa bei Berlin erschossen.
Die Machtergreifung der Nazis
Die Machtübergabe im Januar war der erste Schritt hin zur Diktatur der Nationalsozialisten. Die weiteren Ereignisse des Jahres 1933 im Überblick:
Reichspräsident Paul von Hindenburg ernennt Adolf Hitler zum Reichskanzler. Terror der Sturmabteilung (SA), der paramilitärischen Kampforganisation der NSDAP, gegen NS-Gegner breitet sich aus.
Nach dem durch Brandstiftung in Brand geratenen Reichstag in der Nacht vom 27. auf den 28. Februar 1933 wird die Notverordnung «zum Schutze von Volk und Staat» erlassen. Sie setzt alle wesentlichen Grundrechte der Weimarer Verfassung ausser Kraft. Regimegegner werden verfolgt und interniert, vor allem Politiker der Kommunistischen Partei Deutschland (KPD) und der SPD.
Die NSDAP verfehlt mit 44 Prozent die absolute Mehrheit.
Der Reichstag entmachtet sich selbst und verabschiedet gegen die Stimmen der SPD das «Gesetz zur Behebung der Not von Volk und Reich». Es ermächtigt die Regierung zum Erlass von Gesetzen ohne Zustimmung von Reichstag und Reichsrat sowie ohne Gegenzeichnung des Reichspräsidenten. Die Abgeordneten der KPD sowie etliche SPD-Abgeordnete waren bereits festgenommen oder geflohen.
Politische Gegner und jüdische Beamte werden aus dem öffentlichen Dienst entfernt.
Der Sturm auf die Häuser der freien Gewerkschaftsbewegung beginnt in Berlin und im ganzen Reich, ausgeführt von Rollkommandos der SA und der SS.
Das Gesetz gegen die Neubildung von Parteien verbietet im Deutschen Reich alle Parteien neben der NSDAP. Es wurde von der Reichsregierung beschlossen und von Reichskanzler Adolf Hitler, Reichsinnenminister Wilhelm Frick und Reichsjustizminister Franz Gürtner verkündet.
Das Gesetz zur Verhütung erbranken Nachwuchses schafft die Grundlage für die Zwangssterilisation von rund 500’000 Menschen. Es festigt die Ideologie einer «Volksgemeinschaft», in der Menschen mit Behinderungen und Erbkrankheiten keinen Platz hatten.
Hitler lässt die Gegner aus den eigenen Reihen liquidieren. Auch Kurt von Schleicher, letzter Reichskanzler der Weimarer Republik, wird ermordet.
Am Morgen des 2. August 1934 um 9 Uhr stirbt Paul von Hindenburg auf Gut Neudeck. Hitler organisiert eine Beisetzung im Denkmal der Schlacht bei Tannenberg.
Adolf Hitler ist «Führer und Reichskanzler» und vereint alle Macht auf sich. Die Reichswehr wird auf ihn vereidigt.