Interview

«Am Ende eines bildgewaltigen Films sitze ich da und schnappe nach Luft»

Über zwanzig Jahre versorgte Peter Weskamp Kirchgemeinden und Pfarreien mit den neusten Medien für den Religionsunterricht. Nun tritt der Geschäftsführer von Relimedia in den Ruhestand. Im Interview erklärt er, welche Herausforderungen die Digitalisierung mit sich brachte und was es mit seiner Liebe zum Film auf sich hat.

Religiöse Themen lassen sich in Filmen besonders gut vermitteln, findet der Theologe Peter Weskamp. (Bild: Relimedia)

Herr Weskamp, Relimedia ist 2012 aus dem Zusammenschluss des damaligen Medienladens mit den Bibliotheken der Zürcher Landeskirchen entstanden. Was genau ist Ihr Auftrag?
Als Multimediazentrum verleihen wir Print- und audiovisuelle Medien für die kirchliche und schulische Bildungsarbeit. Ausserdem können Kirchgemeinden, Pfarreien und Lehrpersonen bei uns Filme und Begleitmaterialien gegen einen bestimmten Jahresbeitrag downloaden oder streamen. Daneben bieten wir eine grosse Auswahl an haptischen Medien wie Spielfiguren oder Themenkoffer für den Religionsunterricht an.

Es gibt heute zahlreiche Streaming-Anbieter und Fachbibliotheken mit entsprechender Literatur. Warum braucht es Relimedia?
Im Unterschied zu den meisten Bibliotheken können wir unsere Kunden zusätzlich praxisnah beraten. Alle unsere Mitarbeitenden haben einen religions- oder medienpädagogischen Hintergrund und Erfahrung im Unterrichten. Zudem bieten wir verschiedene Weiterbildungen für Personen in den Kirchgemeinden an, zum Beispiel in praktischer Filmarbeit. Meine Arbeitskolleginnen und ich sind deshalb regelmässig in der ganzen Schweiz unterwegs.

Zur Institution

Relimedia ist ein ökumenisches Angebot der Reformierten Medien, die auch das Portal ref.ch betreiben, und des Katholischen Medienzentrums. Es ist 2012 aus dem Zusammenschluss des Medienladens mit den Bibliotheken der Zürcher Landeskirchen entstanden. Relimedia verleiht Printmedien und produziert, verleiht und verkauft audiovisuelle Medien für die Bereiche Kirche, Religionen, Ethik und Lebenskunde.

Die Organisation wird zu einem grossen Teil von der Reformierten Kirche Kanton Zürich und der Katholischen Kirche im Kanton Zürich finanziert. Zudem entrichten viele Kantonalkirchen Jahresbeiträge, um das Angebot nutzen zu können. (no)

In Ihrer Zeit als Geschäftsführer hat ein enormer Medienwandel stattgefunden. Wie haben Sie die Digitalisierung bewältigt?
Wir haben uns frühzeitig mit der Digitalisierung befasst und die technischen und rechtlichen Voraussetzungen für die Online-Übermittlung unserer Medien geprüft. Vor über zehn Jahren war der damalige Medienladen europaweit der erste kirchliche Anbieter von Filmen und Arbeitshilfen per Download. Seit 2019 können unsere Kunden Medien zudem auch streamen. Inzwischen haben sich die meisten Kantonalkirchen unserem Angebot angeschlossen und zahlen einen Jahresbeitrag, damit sie unsere Medien nutzen können.

Ein zweites Standbein von Relimedia waren immer auch Bücher und haptische Medien wie Spiele und Figuren. Sind diese im Zuge der Digitalisierung überflüssig geworden?
Bücherausleihen sind tatsächlich seit einigen Jahren leicht rückläufig. Interessanterweise trifft das aber nicht auf die haptischen Medien zu, die einen regelrechten Boom erleben. Vor zehn Jahren hielt man diese für ein Auslaufmodell. Man war der Meinung, die ganzen Unterrichtsmedien werden jetzt digital. Heute können wir sagen, dass das ganz klar nicht der Fall ist. Im modernen religionspädagogischen Unterricht wird wieder vermehrt mit haptischen Medien gearbeitet. Und dieser Trend nimmt weiter zu.

Werden Bücher aus dem Religionsunterricht verschwinden?
Bücher werden sicher nicht verschwinden. Ich stelle aber fest, dass die Unterrichtenden immer weniger Zeit für die Vorbereitung haben. Dann ist ein Buch, das man erst durcharbeiten muss, eher ein Hindernis. Oft bitten uns Lehrpersonen um eine Empfehlung, weil sie zum Beispiel kurzfristig eine Lektion übernehmen müssen. Im digitalen Zeitalter muss eben alles ein bisschen schneller gehen.

« Filme arbeiten mit Bildern und Emotionen. Das berührt die Menschen. »

Sie sind Theologe und arbeiteten nach dem Studium viele Jahre in der Pfarrei-Seelsorge. Wie kamen Sie in Ihren heutigen Arbeitsbereich?
Ich habe mich immer für die Schnittstelle von Theologie und Film interessiert, denn ich bin ein absoluter Filmfan. In meinem Studium habe ich deshalb neben der Theologie auch Journalistik mit Schwerpunkt Film studiert. Als man vor zwanzig Jahren einen Leiter für den damaligen Medienladen suchte, sah ich die Chance, meine Interessen zu verbinden.

Heute beraten Sie Lehrpersonen dabei, wie sie Filme im Religionsunterricht einsetzen können. Warum eignet sich dieses Medium dafür, den Menschen religiöse Themen näher zu bringen?
Filme arbeiten mit Bildern und Emotionen. Das berührt die Menschen. Mir geht es oft so, dass ich am Ende eines bildgewaltigen Films nur dasitze und nach Luft schnappe. Wenn es mir als Religionspädagoge gelingt, die Leute über diese Emotionen in einen Austausch zu bringen, gewinnen wir nicht selten neue Einsichten. Ein Vorteil ist auch, dass man mit Filmen Menschen aller Altersklassen erreicht. Sie eignen sich für die Kinder- und Jugend- ebenso wie für die Seniorenarbeit.

« Mich fasziniert, wenn in einem Film die grossen Lebensthemen verarbeitet werden. »

Gibt es Filme, die Sie besonders gern für den Religionsunterricht empfehlen?
Wenn ein bärtiger Mann mit Heiligenschein und einer Gruppe von Männern an einem Tisch Brot teilt, weiss man sofort: Aha, Jesus beim Abendmahl. Solche Bilder entbinden mich vom Denken, der Erkenntnisgewinn ist gering. Wenn sich aber zwei Brüder, die seit Jahren zerstritten sind, nach der Beisetzung ihres Vaters und einem offenen Streit ein Sandwich aus der Tupperdose teilen, wie in dem Film «Aschenbrüder», so scheint ganz vorsichtig das versöhnende Element des Abendmahls, des Brot-Teilens, auf. Hier entsteht eine Dynamik, die das Abendmahl mit unserem Alltag verknüpft. Diese Art von Filmen empfehle ich gern: Filme, die Diskussionen wecken und einen Transfer ermöglichen.

Zur Person

Peter Weskamp (64) studierte Theologie und Journalistik an der Universität Fribourg. Er war fünfzehn Jahre als Pastoralassistent und Gemeindeleiter tätig, bevor er die Leitung des Medienladens übernahm. Seit 2018 amtet Weskamp zudem als Kirchgemeindepräsident der reformierten Kirchgemeinde Pfungen (ZH).

Welche Filme haben Sie selbst am meisten berührt?
Mich fasziniert, wenn in einem Film die grossen Lebensthemen verarbeitet werden. Ein Erlebnis war für mich David Lynchs «Eine wahre Geschichte» von 1999. Das ist ein grandioses Roadmovie über einen Rentner, der sich nach vielen Jahren mit seinem Bruder aussöhnen will. Und weil er keinen Führerschein besitzt, legt die er die ganze Strecke von mehreren hundert Meilen auf einem Aufsitz-Rasenmäher zurück, bis es zur Versöhnung kommen kann. Im Kurzfilmbereich fällt mir «Amen!» ein, ein witziger Film über einen Pfarrer, der sich auf der Kanzel in Rage redet und schliesslich kollabiert. Am Ende befreit sich der Seelsorger vom zu engen Kragen, er blickt durch die offene Kirchentür in eine blühende und lichtdurchflutete Landschaft. Der Film gefällt mir, weil er provozierend und frech ist. Und ich bin ja selber gelegentlich von der frechen Sorte.

Im September gehen Sie in Pension. Haben Sie für diese Zeit schon Pläne?
Ich bin derzeit noch Kirchgemeindepräsident in Pfungen im Kanton Zürich. Dieses Amt werde ich im Fall meiner Wiederwahl gern weiterführen. Zudem hatte ich bereits einige Anfragen von Institutionen, ob ich einen Vortrag zum Thema Film und Religionen halten würde. Ansonsten freue ich mich darauf, mehr Zeit zu haben, zum Beispiel für meine vier Enkelkinder.