«Altersarmut ist sehr schambehaftet»
Herr Sigrist, Sie sind seit über 20 Jahren als Grossmünster-Pfarrer in der Zürcher Altstadt tätig. Ist Altersarmut hier ein Thema?
Altersarbeit und die Konfrontation mit Altersarmut waren immer ein Bestandteil meiner Arbeit. Wir haben hier im Kirchenkreis eins über 50 Prozent Single-Haushalte. Alleinstehende sind bekanntlich besonders gefährdet, im Alter in die Armut zu rutschen. Als Pfarrer habe ich hinter die Fassade gesehen, denn Altersarmut ist nicht immer offensichtlich.
Inwiefern?
Armut im Alter ist unglaublich schambehaftet. Es braucht sehr viel Zeit, bis sich Betroffene öffnen. Als Seelsorger muss ich immer erst ein Vertrauensverhältnis zu den Menschen aufbauen, bevor sie mir eingestehen, dass sie Geldsorgen haben.
Können Sie ein Beispiel nennen?
Ich habe regelmässig eine ältere Frau besucht, die ihre Rechnungen und Betreibungen in der Küche hinter dem Öl und Essig versteckt hatte. Erst nach langem Drängen von meiner Seite hat sie es gewagt, mir den Stapel zu zeigen. Ich habe auch alte Menschen kennengelernt, von denen nicht einmal ihre Kinder wussten, dass sie verschuldet waren. Das ist erst nach ihrem Tod ans Licht gekommen.
Wie können Sie den Betroffenen helfen?
Altersarmut ist ein vielschichtiges Phänomen. Die existentielle Seite, also die finanzielle Situation, ist nur eine Dimension. Hier kann unsere Kirchgemeinde helfen, indem wir zum Beispiel Zahnarztrechnungen und Mietkosten übernehmen oder die Schuldensanierung organisieren. Daneben gehören aber auch regelmässige Hausbesuche und Gespräche zu meinen Aufgaben, denn soziale Isolation und Einsamkeit sind weitere Komponenten von Altersarmut.
Christoph Sigrist (61) ist noch bis zu seiner Pensionierung Ende Februar Pfarrer am Grossmünster in Zürich. Daneben unterrichtet er als Titularprofessor Diakoniewissenschaft an der Universität Bern. Zudem engagiert sich Sigrist in mehreren gemeinnützigen Stiftungen, so im Hilfswerk der Evangelischen Kirchen der Schweiz (Heks) oder in der Evangelischen Gesellschaft des Kantons Zürich. Er lebt in Rafz im Kanton Zürich, ist verheiratet und hat zwei Söhne. (no)
Menschen am Existenzminimum zu unterstützen, ist eigentlich Aufgabe des Staates. Hat Ihre Kirchgemeinde die Ressourcen dafür?
Natürlich sind die Mittel der Kirchgemeinde nicht unbegrenzt. Zu meinen Aufgaben gehört deshalb auch die Beschaffung von Geldern. In unserer Gemeinde leben viele wohlhabende Leute. Wenn ich ihnen von den Einzelschicksalen in ihrer Nachbarschaft erzähle, ist die Betroffenheit oft gross und man ist bereit, etwas zu spenden. Ich vollziehe in meiner Gemeinde also sozusagen eine Umverteilung, um armutsbetroffene Menschen zu unterstützen. Das können mehrere Zehntausend Franken im Jahr sein.
Sie sagten, Sie begleichen Rechnungen wie Krankenkassenprämien oder Mieten. Ist diese Hilfe nachhaltig?
Ziel der finanziellen Unterstützung ist es, Hilfe zur Selbsthilfe zu geben. Wenn wir zwei oder drei Monatsmieten übernehmen, gibt das den Betroffenen Luft. Sie können sich emotional stabilisieren und ihr Netzwerk ausbauen. Manchmal reicht das schon, um wieder Fuss zu fassen und aus der Armutsspirale rauszukommen. Anderen gelingt das nicht. Dort bleibt mir nichts anderes übrig, als die Betroffenen an das Amt weiterzuverweisen.
Sie überblicken als Grossmünster-Pfarrer einen langen Zeitraum. Hat die Altersarmut zugenommen?
Das ist ohne Daten schwer zu sagen. Mich hat das Thema in den letzten Jahren jedenfalls nicht weniger beschäftigt. Die Corona-Pandemie und die damit verbundene Isolation haben die Altersarmut eher befeuert. Die Prekarisierung von Personen, die mit der AHV-Minimalrente oder Ergänzungsleistungen auskommen müssen, war in dieser Zeit besonders sichtbar.
Eine Initiative will diesen Menschen nun mit einer 13. AHV-Rente helfen. Ist das der richtige Weg, um Altersarmut zu bekämpfen?
Für viele Betroffene in meiner Kirchgemeinde wäre eine zusätzliche Monatsrente eine grosse Entlastung. Als Gutverdiener kann man sich gar nicht vorstellen, wie sehr ein Zustupf von 1500 Franken im Jahr die Lebensqualität verbessern kann. Das Argument, dass der Millionär in Meilen dann ebenfalls 1500 Franken mehr erhält, greift für mich ethisch nicht. Daher sage ich klar Ja zu dieser Vorlage.
Gäbe es noch andere sozialpolitische Ansätze, um Armutsbetroffenen zu helfen?
Ein wichtiger Ansatz sind die sogenannten Caring Communities, die sorgenden Gemeinschaften. Dabei geht es darum, in den Nachbarschaften intergenerative Wohn- und Solidaritätsformen zu entwickeln. Mit der Begleitung von Hochbetagten im Sterbeprozess hat die Kirche Pionierarbeit geleistet. Allein schon aufgrund der demografischen Entwicklung wäre es wichtig, in diesem Bereich vorwärts zu machen.