«Die Initianten haben den Puls der Zeit getroffen»
Herr Seifert, am 3. März stimmen wir über eine 13. AHV-Rente ab. Diese soll insbesondere armen und armutsgefährdeten Rentnerinnen und Rentnern zugutekommen. Hat Ihre Kirchgemeinde in Winterthur-Wülflingen mit älteren Armutsbetroffenen zu tun?
Das ist für uns schwierig zu beurteilen. Wir kennen die finanzielle Situation der Menschen, die zu uns kommen, zu wenig. Ich fände es ohnehin heikel, eigene Angebote zu schaffen, die sich speziell an Armutsbetroffene richten. Das würde möglicherweise als Diskriminierung verstanden.
Können Sie das erklären?
Kirchliche Angebote für Seniorinnen und Senioren wenden sich an alle Menschen dieser Altersgruppe – unabhängig von ihrem sozialen Status. Die Barrieren, um solche Angebote nutzen zu können, sollten möglichst niedrig sein, und niemand sollte sich davon ausgeschlossen fühlen.
Es gibt Altersarmut in der Schweiz. Was unternehmen die Kirchen dagegen?
Das ist primär eine Aufgabe des Sozialstaats. Die finanziellen und personellen Ressourcen der Kirchen sind begrenzt. Sie verlieren immer mehr Mitglieder – und dabei wächst doch der Bedarf nach Leistungen, wie sie die Kirchen anbieten: Gemeinschaft ermöglichen, Austausch anregen, Einsamkeit überwinden. Darin sehe ich auch unseren vorrangigen diakonischen Auftrag. Für finanzielle Fragen gibt es spezialisierte Organisationen wie Pro Senectute, mit denen wir auch zusammenarbeiten.
Kurt Seifert (74) ist seit 2023 Präsident der Reformierten Kirchgemeinde Winterthur-Wülflingen (ZH). Der Sozialwissenschaftler arbeitete viele Jahre in der Jugend- und Entwicklungszusammenarbeit sowie im Journalismus. Von 1999 bis 2016 war er bei Pro Senectute Schweiz für Forschung und Grundlagenarbeit zuständig. Von 2018 bis 2022 gehörte er dem Vorstand des Netzwerks «Gutes Alter» an. Seifert lebt mit seiner Frau in Winterthur. (hz)
Was sind denn Ihre spezifischen Angebote für Senioren und Rentnerinnen?
Wir organisieren beispielsweise jeweils im Juni eine Ferienwoche für ältere Menschen. Sollte sich jemand die Woche nicht leisten können, bieten wir auch finanzielle Unterstützung aus unserem Spendentopf an. Anfragen laufen unbürokratisch über unsere Sozialdiakonin. Beliebt bei Seniorinnen und Senioren ist auch das Bistro-Angebot mit Kaffee und Kuchen am Freitagnachmittag oder unser Mittagstisch.
Wie oft findet der statt?
Einmal pro Woche. Wir servieren jeweils bis zu 80 Essen, und das zu moderaten Preisen. Für viele, darunter bestimmt auch finanzschwache ältere Menschen, ist dieser Mittagstisch zu einem Fixpunkt geworden.
Dürfen alle das Angebot nutzen?
Ja, und es spielt auch keine Rolle, ob jemand reformiert ist oder überhaupt einer Konfession angehört. Das ist der Vorteil der Reformierten: Wir müssen nicht auf Frömmigkeit pochen, das macht unsere Angebote zugänglicher. Dasselbe gilt auch für unseren Besuchsdienst «va bene».
Worum geht es dabei?
Wir haben etwa zehn Freiwillige, die in regelmässigen Abständen von ein bis zwei Wochen einen oder zwei betagte Menschen besuchen und ihnen Gesellschaft leisten. Unser neues Projekt «Wegbegleitung» wiederum richtet sich an alle Altersgruppen. Anders als bei «va bene» ist bei diesem Angebot auch Beratung oder Hilfe möglich, etwa beim Organisieren von Arztterminen, allerdings in zeitlich begrenztem Rahmen. Den Einführungskurs haben rund 35 freiwillige Wegbegleiterinnen und -begleiter aus zwei Kirchgemeinden – Wülflingen und Veltheim – absolviert.
Sie waren viele Jahre im Vorstand des Netzwerks «Gutes Alter». Dieses setzte sich dafür ein, dass allen älteren Menschen in der Schweiz Alltagsunterstützung und Betreuung gesetzlich zugesichert wird. Was halten Sie von einer 13. AHV-Rente?
Die Initianten haben mit dieser Vorlage den Puls der Zeit getroffen. Der finanzielle Spielraum wird für viele ältere Menschen enger. Und zwar nicht nur für armutsgefährdete Rentner. Das Drei-Säulen-System wird durch die sinkenden Renten aus der zweiten Säule und die längere durchschnittliche Lebensdauer ausgehöhlt. Das betrifft auch den Mittelstand.
Wie werden Sie abstimmen?
Mit einem Ja. Die 13. AHV kommt einem breiten Spektrum von AHV-Bezügerinnen und -Bezügern zugute. Und die Schere zwischen Arm und Reich wird dadurch etwas kleiner. Zwar nur ein wenig, aber immerhin.