«Eine glaubwürdige Kirche scheut das Licht nicht»

Eine Gruppe von Pfarrpersonen wendet sich in einem offenen Brief an die Evangelisch-reformierte Kirche Schweiz. Sie vermutet, dass es beim Rücktritt von Sabine Brändlin aus dem Rat um das Thema Grenzverletzungen geht – und fordert deswegen absolute Transparenz.


Der Verdacht wiegt schwer: Es gebe «verschiedene, ernst zu nehmende Hinweise darauf», dass es beim Rücktritt von Sabine Brändlin aus dem Rat der Evangelisch-reformierten Kirche Schweiz (EKS) um das Thema Grenzverletzungen gehe. Das schreiben rund ein Dutzend Theologen in einem offenen Brief, der am Montagabend veröffentlicht wurde. Dass mit Brändlin gerade das Ratsmitglied zurückgetreten sei, dass sich diesem Thema angenommen habe, sei einer der Hinweise.

Die Theologen zeigen sich in ihrem Schreiben besorgt, stellen aber auch konkrete Forderungen. Sollten tatsächlich Anschuldigungen wegen Grenzverletzungen im Raum stehen, müssten diese «ernst genommen und umgehend, transparent und von unabhängiger Stelle geprüft werden». Dies sowohl mit Blick auf mögliche Opfer wie auch im Interesse der Angeschuldigten, die so womöglich entlastet werden könnten.

Unabhängige Kommission gefordert

Sibylle Forrer, Pfarrerin im Zürcherischen Kilchberg und eine der Unterzeichnenden des Briefes, führt gegenüber ref.ch die konkreten Forderungen aus: «Falls es wirklich um Grenzverletzungen geht, dann erwarten wir, dass eine unabhängige Kommission die Hintergründe untersucht», sagt Forrer. Dabei dürften keine Personen involviert sein, die die Anschuldigungen eventuell selbst betreffen.

Sabine Brändlin hatte am 24. April überraschend ihren Rücktritt aus dem Rat der EKS bekanntgegeben. In einer persönlichen Erklärung schrieb sie von «unüberbrückbaren Differenzen». Der Rat verschickte daraufhin ebenfalls ein Communiqué, in dem er die Demission in Zusammenhang mit einem laufenden Geschäft stellte. Aus Gründen des Persönlichkeitsschutzes könnten jedoch keine weiteren Informationen dazu gegeben werden.

Kritik an langer Frist

Sowohl die Landeskirchen als auch das Synodepräsidium reagierten: Während die Kirchenleitungen von Zürich, Waadt, Aargau und Bern-Jura-Solothurn in einer Interpellation Klarheit forderten, schlug das Synodepräsidium vor, eine nichtständige Kommission einzuberufen. Diese sollte ihren Bericht allerdings erst im Sommer 2021 vorlegen.

Für die Verfasser des offenen Briefes ist das zu spät. Sie sehen in dem Vorschlag der Synodenleitung «einen Versuch, erstens auf Zeit zu spielen und zweitens eine unabhängige Untersuchung zu umgehen.» Nun müsse sofort gehandelt werden: «Eine beherzte und glaubwürdige Kirche scheut das Licht nicht, sondern macht sich für das Recht und für diejenigen, denen Unrecht widerfahren ist, stark», schreiben die Theologen, zu denen neben Forrer unter anderem Judith Borter, die Leiterin der reformierten Genderfachstelle Baselland, Thomas Schaufelberger von der Zürcher Landeskirche oder die Pfarrerinnen Nathalie Dürmüller und Rita Famos gehören. «Dies gilt auch, falls eine allfällige Täterschaft aus den eigenen Reihen kommt. Dafür stehen wir ein.» (vbu)