Aargauer Reformierte diskutieren Tauftradition

In der Reformierten Landeskirche des Kantons Aargau wird immer weniger getauft. Kritische Stimme sehen den Grund dafür nicht nur in der zunehmenden Säkularisierung. Vielmehr sei es an der Zeit, die Taufe zu öffnen.

Taufen ausserhalb des Sonntaggottesdienstes sind in der reformierten Aargauer Landeskirche die Ausnahme. Das könnte sich bald ändern. (Bild: Reformierte Medien)

Noch vor dreissig Jahren empfingen in der Reformierten Landeskirche Aargau jährlich rund 2000 Kinder das Sakrament der Taufe. Heute sind es nicht einmal mehr die Hälfte. In der Kirche mehren sich nun Stimmen, die für den Rückgang nicht einzig die fortschreitende Säkularisierung verantwortlich machen wollen.

So sieht der reformierte Pfarrer David Lentzsch auch die Kirche in der Pflicht. Geht es nach ihm, soll es in der Aargauer Landeskirche künftig möglich sein, Taufen auch ausserhalb der Gemeindegottesdienste durchzuführen. Doch genau dies untersagt die derzeitige Kirchenordnung. Das Verständnis hinter dem Verbot: Die Taufe solle dazu dienen, den Getauften in Anwesenheit der versammelten Gemeinde in die christliche Gemeinschaft aufzunehmen.

Störfaktor Taufe

Für Lentzsch ist diese starre Regelung überholt. «Für viele Familien ist es nicht attraktiv, das Kind im Sonntags­gottesdienst und im Beisein von fremden Leuten taufen zu lassen», sagt Lentzsch. Er höre aber auch immer wieder, dass sich Gottesdienstbesucherinnen gestört fühlen: «Es sind nicht wenige, die sagen: Ich komme in die Kirche, um eine Predigt zu hören, und nicht um einer Taufe beizuwohnen.» Lentzsch weiss von mehreren Pfarrern, die Taufen gar nicht mehr ankündigen, da sonst Leute dem Gottesdienst fernbleiben würden.

Längst nicht alle Pfarrer in der Aargauer Landeskirche teilen diese Ansicht. Christian Bieri, Pfarrer in Unterentfelden, sieht Taufen im privaten Rahmen kritisch: «Im Kern ist die Taufe ein Bekenntnis. ­Dabei geht es theologisch um die Aufnahme in die christliche Gemeinschaft.» Die Taufe sei kein beliebiges Ritual und die Kirche nicht primär eine Dienstleisterin, sagt ­Bieri.

Theologisch vertretbar

Erfahrungen mit Taufen ausserhalb des Sonntagsgottesdienstes macht man derzeit in Muri und Sins im aargauischen Freiamt. Die Kirchgemeinde testet in einem vom Kirchenrat bewilligten zweijährigen Projekt neue Formen der Taufe – zum Beispiel an einem Bach oder in einer Kapelle. Für Pfarrer Hansueli Hauenstein fällt die Zwischenbilanz positiv aus: «Ich kann mich ganz auf die Taufgesellschaft konzentrieren, und auch den Tauffamilien fällt es in dieser Umgebung leichter, sich auf meine Botschaft einzulassen.» Zudem sieht Hauenstein theologisch kein Pro­blem. Um ein Kind in die Gemeinschaft aufzunehmen, müsse nicht zwingend die Kirchgemeinde anwesend sein: «Die christliche Gemeinschaft wird ebenso gut durch die Taufgesellschaft repräsentiert.»

Wie die Haltung zur Taufe innerhalb der Kirche und der Öffentlichkeit ist, will der Kirchenrat an einer öffentlichen Tagung herausfinden. Was danach geschieht, ist noch offen. Pfarrer David Lentzsch, der auch als Mitorganisator der Tagung wirkt, hofft auf eine Anpassung der Kirchen­ordnung: «Nur so kann die Kirche bei der Taufe nahe an den Bedürfnissen der Menschen dran sein.»

Am 19. Oktober findet in Lenzburg (AG) eine öffentliche Diskussion über neue Formen von Gottesdiensten und Taufen statt.

Dieser Beitrag erschien erstmals in bref, dem Magazin der Reformierten.