Die reformierte Taufe reformieren

Der Pfarrer und Zürcher Kirchenrat Andrea Marco Bianca rüttelt an einem reformierten Sakrament: Er will, dass auch ausserhalb des Gemeindegottesdienstes getauft werden kann. Seine Kirchenrats- und Pfarrkollegin Esther Straub findet wenig Gefallen an dieser Idee.

Taufen ausserhalb des Sonntaggottesdienstes sind in der reformierten Aargauer Landeskirche die Ausnahme. Das könnte sich bald ändern. (Bild: Reformierte Medien)

Am Ort des Geschehens einer reformierten Taufe gibt es eigentlich nichts zu deuteln. Die Kirchenordnung der reformierten Landeskirche Zürich schreibt dazu klar: «Die Taufe findet in der Regel in einem Gemeindegottesdienst statt».

Geht es nach dem Pfarrer und Zürcher Kirchenrat Andrea Marco Bianca, sollen reformierte Taufen künftig aber auch wie Trauungen und Abdankungen im Familien- und Freundeskreis stattfinden können. Also so, wie es Lutheraner, Katholiken und Orthodoxe bereits praktizieren. Für eine Öffnung der Taufe würden die geänderten Bedürfnisse vieler Mitglieder, historische Fakten, aber auch theologische Überlegungen sprechen.

Private Ritualbegleiter nutzen Chance

In Küsnacht, wo Bianca als Pfarrer arbeitet, wünschten Eltern immer wieder die Taufe im Familienkreis. Auf eine abschlägige Antwort reagierten viele irritiert: «Unsere Mitglieder sind überrascht, wenn sie erfahren, dass die Reformierten strikter sind als die Katholiken.» Auch stört sich Bianca daran, dass die «in der Theorie überzeugende Idee von der Gemeinschaft» in der Praxis oftmals Schiffbruch erleide. Die Ansprüche der Tauffamilien mit jenen der Gottesdienstbesucher zusammenzubringen, erschwere tendenziell eher die Gemeinschaft. Am Ende bestehe die Gefahr einer wenig stimmigen Taufe im Rahmen eines Gottesdienstes, bei der niemand wirklich glücklich sei. Weiter registrierte er in den vergangenen Jahren ein anderes Phänomen: Aufgrund der mangelnden Flexibilität der reformierten Kirche suchten immer mehr Eltern einen privaten Ritualbegleiter auf, der dann gegen Bezahlung massgeschneiderte Rituale anbietet. Bianca findet: «Auch deswegen sollten wir mehr Flexibilität zeigen und das Feld nicht den freiberuflichen Anbietern überlassen.»

Nicht nur individuelles Seelenheil zählt

Der Idee, das Sakrament der reformierten Taufe auch als Privatfeier zu verstehen, kann die Pfarrerin und neu gewählte Zürcher Kirchenrätin Esther Straub wenig abgewinnen. Ihr sei es wichtig, dass das Sakrament der Taufe auch als Zeichen der Zugehörigkeit zur Gemeinde Christi gefeiert werde und dort stattfinde, wo sich diese versammelt – «und das ist der Gottesdienst einer Gemeinde». Bei einer Taufe im Gemeindegottesdienst würden auch die Gemeindemitglieder in die Verantwortung für das neue Leben gerufen, sagt Straub. «Dieser Vergemeinschaftungsmoment geht in einer Privatfeier verloren.» Auch widerspricht sie der Vorstellung, dass beim Sakrament der oder die Getaufte im Zentrum der Handlung stehe: «Theologisch gesehen wird einem Taufkind nicht nur ein individuelles Seelenheil zugesprochen, sondern es wird in eine Gemeinschaft gestellt.» Dies sei auch eine Chance für die Familie und die Gemeinde, miteinander in Kontakt zu kommen.

So absolut möchte Pfarrer Bianca diese theologische Deutung nicht gelten lassen: «Bei einer Taufe geht es um beides: Um die Aufnahme in die Gemeinde, aber auch um die Annahme des Individuums.» Bianca verweist dafür auf die Bibel. In dieser sei die Vielfalt der Taufverständnisse gross und keineswegs auf Taufen in Gemeindegottesdiensten beschränkt. Über Taufrituale in der Familie hätten sich zudem bereits in den 1980er-Jahren bekannte Theologen wie Ferdinand Ahuis geäussert.

Ahuis, langjähriger Pfarrer in Hamburg und Doktor der Theologie, sah die Taufe als eine Kasualie, die in der «Privatfrömmigkeit» angesiedelt sei. Deshalb habe sie ihre grosse Bedeutung innerhalb einer Familie. Daraus folgert Ahuis, dass es die Aufgabe einer Pfarrperson sei, «die Menschen an die Stationen ihres Lebens vor Gott sprachfähig zu machen». Exakt diese Chance sieht Bianca auch bei einer Taufe in der Familie: «In einem kleinen familiären Rahmen, in dem eine Pfarrperson spezifisch auf die Bedürfnisse der Taufgemeinschaft eingehen kann, lässt sich das Gottes Wort deutlicher in die Situation hineinsprechen.»

Grossbürgertum bestellte den Pfarrer zur Taufe in die Villa

Bianca will dennoch, dass auch künftig im Gemeindegottesdienst getauft wird. «Alles andere wäre ein Verlust. Die Kerngemeinde muss erleben, dass die Kirche tauft.» Allerdings möchte er eine Lanze für die Taufe ausserhalb des Gemeindegottesdienstes brechen. Mitunter auch, da sich die heutige Taufpraxis vielleicht theologisch, aber nicht mit Tradition und Geschichte begründen lässt. Mit Verweis auf historische Quellen erläutert Bianca, dass in Zürich in den ersten hundert Jahren nach der Reformation die Kinder kurz nach der Geburt zu Hause getauft wurden. Eine erste Änderung dieser Praxis ergab sich, als das Grossbürgertum vermehrt darauf drängte, dass der Pfarrer für Hochzeit und Taufe direkt in die Herrschaftshäuser kommen sollte. Dieser Praxis schob die Kirchenordnung von 1905 einen Riegel: Fortan waren nur noch Taufen im familiären Kreis nach dem Gemeindegottesdienst in der Kirche erlaubt. Erst die Kirchenordnung von 1967 legte dann den Grundstein für die noch heute als «typisch reformiert» geltende Praxis, die Taufe im sonntäglichen Gemeindegottesdienst zu vollziehen, sagt Bianca.

Anzahl Taufen gehen laufend zurück

Ginge es nach Esther Straub, würde sie den Umgang mit dem Taufritus «so belassen, wie er ist». Die heutige Kirchenordnung biete bereits die von Bianca geforderte Flexibilität. So stehe ausdrücklich, dass «in der Regel» im Gemeindegottesdienst getauft werde. «Bei einer Nottaufe oder aus seelsorgerlichen Gründen kann bereits heute von der Regel abgewichen werden», sagt Straub. Was sie generell beobachtet: «Wir denken oft, dass distanzierte Gemeindeglieder sich nicht für theologische Inhalte interessieren. Als Pfarrerin erlebe ich aber eine grosse Bereitschaft, verstehen zu wollen, warum wir Reformierten die Taufe im Gemeindegottesdienst vollziehen.»

Und auf die Gefahr, dass immer mehr Eltern private Ritualbegleitende aufbieten, antwortet Straub selbstbewusst: «Wenn Menschen einen ganz profanen Ritus ohne jeglichen Gottesbezug suchen, dann sind sie bei einem privaten Ritualanbieter wohl besser aufgehoben.» Aber selbst in solch einem Fall würde sie auch auf die Möglichkeit einer Segnungsfeier verweisen. Denn auch diese Möglichkeit sieht die aktuelle Kirchenordnung vor, sagt Straub.

Bianca will sich nicht mit Ausnahmen von der Regel, Nottaufen oder Segnungen begnügen. Er sagt, dass die Zahlen eine klare Sprache sprechen: «Die Anzahl Taufen gehen laufend zurück.» Er hält deshalb ein Paradigmenwechsel für dringlich und sagt: «In einem generationenübergreifenden Taufgottesdienst im Kreis der Familie und mit Freunden zeigt sich oft mehr Gemeinschaft als in einem schlecht besuchten Gemeindegottesdienst.»

 

Dieser Artikel stammt aus der Online-Kooperation von «reformiert.», «Interkantonaler Kirchenbote» und «ref.ch».
Oliver Demont/ref.ch