Ungewöhnliche Immobilie
254 Stufen bis zur Haustüre
Hundert Meter hoch ist der Turm des Berner Münsters. Etwa in der Hälfte liegt die Turmwartwohnung: Auf 46 Metern oder nach 254 Stufen. Wer dort oben arbeitet – ob als Steinmetz oder als Ansprechperson für Besuchende der Aussichtsplattform, kann froh sein, diesen Aufstieg nicht täglich bewältigen zu müssen.
Aber wenn man im Turm aufwächst und der Schulweg mit 254 Stufen beginnt und endet, ist es ein anderes Thema.
1980 haben der Journalist Kurt Beck und der Fotograf Patrick Lüthy die Familie besucht, die zu dritt mit zwei Wellensittichen in der Turmwohnung zuhause war: Godi Winkler und Therese sowie Eric Oswald. Die Bilder, die bei diesem Besuch entstanden, sind im Bildarchiv der ETH Zürich verfügbar.
Sie zeigen die Familie gemeinsam am Esstisch, Godi und Therese auf der Aussichtsplattform oder den Teenager Eric in seinem Zimmer unter einem grossen Poster von Elvis Presley.
Zu diesem Zeitpunkt war Eric Oswald seit fünf Jahren im Münsterturm zuhause. Mit zwölf zog er zusammen mit Mutter und Stiefvater in die Turmwartwohnung. Von da an hiess es: Treppensteigen. Für den Schulweg, um Freunde zu treffen oder auch um seinen Eltern zur Hand zu gehen.
Zu den Aufgaben der Turmwarte gehörte es, die Wendeltreppe zu putzen. In einem Gespräch mit dem Online-Medium «Plattform-J» sagte Eric Oswald im vergangenen Sommer: «Die Treppen mussten wöchentlich geputzt werden, mit Schüfeli und Bäseli – das war für mich als Teenager damals ein Krampf.»
Die Familie hatte die Wohnung in luftiger Höhe Godi Winkler zu verdanken. Er arbeitete als Steinmetz im Berner Münster, als er erfuhr, dass die bisherigen Turmwarte aus gesundheitlichen Gründen bald ausziehen würden. Für ihn lag es nahe, sich für deren Nachfolge zu bewerben.
Seine Partnerin Therese jedoch hatte eine sichere Stelle, quasi im Erdgeschoss, als Futtermittelkontrolleurin beim Bund. Diese tauschte sie schliesslich ein für ein Leben im Turm, bei dem sie unter anderem Eintrittsbillette an Besuchende verkaufte.
Doch das war nicht alles. Eric Oswald erinnert sich daran, wie die Familie nach Gewittern die Brandmelder kontrollieren mussten, die überall im Münster angebracht waren, vom Keller bis zur Orgelempore. Denn: Nicht selten schlug der Blitz in den Münsterturm ein. Für den Kontrollgang durch die dunkle Kirche hatte die Familie damals eine einzige Taschenlampe zu Verfügung.
Menschen, die im Münsterturm lebten, gab es in Bern seit 1519. Damals zogen die ersten Hochwächter im achteckigen Turm ein. Ihre Aufmerksamkeit war jedoch weniger nach innen gerichtet wie bei Familie Oswald, sondern vielmehr nach aussen.
Die Wächter auf dem Turm blickten auf die Stadt hinab. Sahen sie Rauch, der auf einen Brand hinwies oder ein Menschenknäuel, das Radau versprach, meldeten sie ihre Sichtung je nachdem mit dem Blasen eines Horns, dem Schwenken von Fahnen oder dem Schlagen einer Glocke. Erst 1862 wurde eine telegraphische Leitung zum Polizeiposten verlegt und 1878 das erste Telefon in Betrieb genommen. So beschreibt es der ehemalige Turmwart Peter Probst in seinem Buch «Leben auf dem Berner Münsterturm».
Laut Probst war der Turm von 1519 an lückenlos besetzt, erst mit Hochwächtern, dann mit Turmwärtern. Die Tradition endete 2007. Damals zog das Turmwartpaar Elisabeth Bissig und Ivo Zurkinden nach sieben Jahren im Münster aus.
Bissig hatte den Gewölberaum über der Turmwohnung zum Schauplatz des «Kulturturms» gemacht und den Turm dadurch belebt. Infolge der Sanierungsarbeiten am Berner Münster seien die Möglichkeiten dazu immer weiter eingeschränkt worden, schrieb «Der Bund» 2007. Schliesslich richtete die Bauleitung ihr Büro im Gewölberaum ein.
Bissig und Zurkinden verliessen das Münster, um eine Sigristenstelle in der Heiliggeistkirche anzutreten. Die Turmwohnung würde fortan unbewohnt bleiben, um die Sanierungsarbeiten im oberen Bereich des Turms zu vereinfachen. Den neuen Turmwarten wurde in der Stellenannonce eine Wohnung in der Altstadt angeboten.
Der Bund schrieb zum Auszug der letzten echten Turmwarte: «Ein Glück für sie, dass sie ihr Mobiliar nicht zu Fuss die 254 Treppenstufen hinuntertragen mussten, sondern den Baulift benutzen konnten.»