Interview

Zwischen Glencore und Kirchencafé

Was können Unternehmen und die Kirchen voneinander lernen? Dieser Frage geht das Forum Kirche und Wirtschaft im Kanton Zug nach. Der langjährige Leiter Christoph Balmer spricht im Interview über runde Tische, Vorurteile und den bürgerlichen Angriff auf die Kirchensteuern.

Christoph Balmer baute ab 2009 das Forum Kirche und Wirtschaft auf. Die Fachstelle wird von der katholischen Kirche des Kantons getragen. (Bild: Noëlle Guidon)

Herr Balmer, im Forum bringen Sie Menschen aus Wirtschaft und Kirche zusammen. Warum ist Ihnen dieser Austausch wichtig?
Weil die beiden Seiten viel voneinander lernen können. Die Wirtschaft von christlicher Ethik und den Werten, die die Kirche vertritt. Die Kirche, wie man eine Organisation oder eben ein Unternehmen so effizient gestalten kann, dass man gemeinsam erfolgreich ein Ziel erreicht.

Nicht immer verläuft ein solcher Austausch harmonisch. Bei der Konzernverantwortungsinitiative zum Beispiel wurde den Kirchen seitens der Wirtschaft Moralisieren vorgeworfen. Hielten Sie das Einmischen der Kirchen für ein Problem?
Ich bin der Meinung, dass die Kirchen sich in die Debatte einbringen und so zur Meinungsbildung beitragen sollen. Oft war es mir aber tatsächlich etwas zu einseitig. Da wurden Firmen wie Glencore einfach pauschal verurteilt. Zudem bereitete mir der zum Teil gehässige Ton Mühe. Ich kenne als Kirchenmensch und Wirtschafter beide Seiten. Ich bin an einem Dialog interessiert. Nur das bringt uns weiter.

Sind Firmen wie Glencore an einem Dialog mit der Kirche interessiert?
Ja, sehr! Ich habe schon einige Male Glencore-Manager und Menschen aus der Kirche an einem Tisch zusammengebracht.

Worüber wird dabei gesprochen?
Über die Aufgaben der örtlichen Kirchen und des Baarer Unternehmens mit mehr als 850 Mitarbeitenden vor Ort. Dabei kommen auch kritische Themen zur Sprache wie Kinderarbeit in der Rohstoffgewinnung. Im Gegenzug berichten die Kirchen über ihre Arbeit, wie sie die Diakonie gestalten zum Beispiel. Das Ziel ist, gegenseitiges Verständnis zu schaffen.

Wie kommen Sie in Kontakt mit den Zuger Firmen?
Netzwerken ist ein zentraler Bestandteil meiner Arbeit. Das findet ganz klassisch an Anlässen und Apéros statt. Ich gehe viel an Wirtschaftsanlässe, zum Beispiel von der Zuger Wirtschafskammer, gehe direkt auf Leute zu, um Themen aufzunehmen.

Das Forum Kirche und Wirtschaft

Der Zuger Unternehmer Christoph Balmer absolvierte nach der Handelsmatur eine Buchhändlerlehre und übernahm 1978, nach dem frühen Tod seines Vaters, die strategische und operative Führung der familieneigenen Buchhandlung und Verlagsauslieferung. Nach 30 Jahren Unternehmertum und dem Verkauf des Grosshandelsgeschäfts zog er sich aus dem operativen Geschäft zurück und orientierte sich beruflich neu. Ab 2009 baute er das Forum Kirche und Wirtschaft auf.

Balmers Ziel ist es, mit dem Forum Menschen aus verschiedenen Wirkungskreisen zusammenzubringen, «um ethische Ansätze und christliche Werte sowie wirtschaftliche Gesetzmässigkeiten ins Gespräch zu bringen.»

Infolge Pensionierung beendet der 67-Jährige am 30. Juni 2021 seine Tätigkeit. Die Nachfolge übernimmt Thomas Hausheer, Zuger Reiseunternehmer und seit 2006 reformierter Kirchenrat.

Das Forum Kirche und Wirtschaft wird als Fachstelle der Katholischen Kirche Zug getragen und hauptsächlich durch sie finanziert. Ausserdem kann das Forum auf die Unterstützung der Reformierten Kirche Kanton Zug zählen. Es ist offen für alle Konfessionen und Religionen. (bat)

Ein zentraler Bestandteil des Forums sind die Diskussionsrunden im Kloster Kappel. Was sind die Themen solcher Abende?
Die sind vielfältig. Von Fairness in der Wirtschaft oder Ethik in der Medizin bis hin zu benediktinischen Regeln, Menschenrechten oder Fake News. Dabei hole ich meistens einen Experten, der ein Grundlagenreferat hält, danach wird mit Vertretern aus Kirche und Wirtschaft diskutiert. Bis jetzt haben wir 22 solche Veranstaltungen abgehalten. Damit ist es gelungen, das Forum Kirche und Wirtschaft als eine wichtige Plattform für wirtschaftsethische und gesellschaftspolitische Themen zu positionieren.

Welche Vorurteile haben Wirtschaftsvertreter gegenüber der Kirche?
Dass die Kirche keine Ahnung hat, wie die Wirtschaft funktioniert.

Und die Kirche gegenüber der Wirtschaft?
Dass die Wirtschaft keine Ahnung hat, wie die Kirche funktioniert.

Und diese Vorurteile können Sie abbauen?
Ja, und das ist die zentrale Aufgabe meiner Fachstelle. Gefragt ist der Dialog, der Abbau von Berührungsängsten. Das gelingt mir auch durch Begegnungen zwischen Mitarbeitenden der Kirchen und örtlichen Unternehmungen, durch Gesprächskreise oder durch Fortbildungsveranstaltungen für kirchliche Mitarbeitende. Der Zuspruch der Beteiligten ist gross, weil sie sehen, dass es viele Unterschiede, aber auch viele Gemeinsamkeiten gibt. Zu ihrer Überraschung liegen sie oft nah beieinander.

Um viel Geld geht es bei einer bürgerlichen Motion in Zug, die möchte, dass Kirchensteuern für Firmen in Zukunft freiwillig sind. Was halten Sie von diesem Bestreben?
Im Kanton Zug kommen rund 50 Prozent der Kirchensteuern von Firmen. Wenn dieser Teil wegfällt, müssten viele Leistungen der Kirchen, insbesondere in der Diakonie, dem Dienst an den Menschen, entweder eingestellt oder über staatliche Steuererhöhungen finanziert werden. Auch wenn das viele nicht wahrnehmen: Die Kirchen tragen einiges zur Tragfähigkeit des sozialen Netzes im Kanton bei.

Wenn Sie in die Zukunft blicken – wohin soll sich das Forum in den nächsten zehn Jahren entwickeln?
An brennenden Themen wird es nicht mangeln, doch wird die Fragestellung nach Werten in der Wirtschaft, in der Gesellschaft und auch in der Kirche im Zentrum bleiben. Da sehe ich für meine Fachstelle viel Potenzial, sie noch sichtbarer zu machen.

Hier geht es zu den weiteren Artikeln des Themenschwerpunktes «Im Fokus: Kirche und Politik».