Zürcher Kirchenratspräsident erhält Konkurrenz

Mit Pfarrerin Gina Schibler und Pfarrer Marcus Maitland will ein überfraktionelles Komitee den amtierenden Zürcher Kirchenratspräsidenten Michel Müller herausfordern. Pikant daran: Die Unterstützer erheben happige Vorwürfe – und bleiben dabei weitgehend anonym.

Die beiden Herausforderer Marcus Maitland und Gina Schibler. (Bilder: zVg)

Seit 2011 ist Michel Müller Präsident des reformierten Zürcher Kirchenrats. Im Herbst will er sich für eine dritte Amtszeit wählen lassen. Der Synodalverein als eine von vier Fraktionen des Kirchenparlaments hat ihn bereits zur Wiederwahl empfohlen. Doch ganz so glatt, wie es lange Zeit aussah, dürfte die Wahl nun nicht ablaufen: Mit Gina Schibler und Marcus Maitland fordern zwei Kandidaten den Amtsinhaber heraus.

Schibler ist aktuell Pfarrerin in Volketswil, davor war sie 15 Jahre lang in Erlenbach am Zürichsee tätig. Dort machte sie sich als Predigerin, die auch vor unbequemen Aussagen nicht zurückschreckt, einen Namen. So kritisierte sie unter anderem die Boni von Bankern wie dem damaligen Chef der Credit Suisse, Brady Dougan, der in ihrer Gemeinde lebte.

Ihre Kandidatur begründete Schibler an einer Pressekonferenz vom 4. Juni im Zürcher Restaurant Karl der Grosse mit drei Punkten. Erstens sei 500 Jahre nach der Reformation die Zeit reif für eine Frau an der Spitze der Zürcher Landeskirche. Zweitens solle sich die reformierte Kirche aktiver fürs Klima und die Bewahrung der Schöpfung einsetzen. Und drittens müsse die Kirche sprichwörtlich im Dorf bleiben. «Indem sie auf möglichst grosse Gemeinden setzt, versucht die Zürcher Kirche auf einen Zug aufzuspringen, der längst abgefahren ist», so Schibler.

Kirchgemeinde Plus in der Kritik

Gemeint ist damit die Strukturreform Kirchgemeinde Plus, welche die Zürcher Kirche schon seit Jahren beschäftigt. Der Prozess soll dazu dienen, die Kirche für Herausforderungen wie Mitgliederschwund, Steuerreformen oder die Neubesetzung von Behörden fit zu machen. Dass damit auch Gemeindefusionen verbunden sind, hat in der Vergangenheit immer wieder für Kritik gesorgt.

So argumentiert auch Gina Schibler, dass es falsch sei, die Kirchgemeinden immer grösser werden zu lassen; dadurch würden sie unpersönlich und irrelevant. «Die gegenwärtigen Strukturanpassungsprojekte des Kirchenrates führen zu Identitäts- und Heimatverlust», sagte sie vor den Medien.

Gegen Fusionen

Hier trifft sich die Volketswiler Pfarrerin mit dem zweiten Herausforderer um das Amt des Kirchenratspräsidenten, Marcus Maitland. Maitland ist Pfarrer in Hittnau im Zürcher Oberland sowie Dekan für den Bezirk Pfäffikon. Er präsidiert ausserdem «reformiertbewegt», einen Verein, der nach eigenen Angaben das Augenmerk bei kirchlichen Debatten auf Inhalte statt auf Strukturfragen lenken will.

«Mir fehlt aktuell die Vision, wie unsere Kirche aussehen soll», sagte Maitland an der Pressekonferenz. Er selbst wolle die Vitalität der Gemeinden fördern und mit allen Gemeindegrössen die Zukunft gestalten. «Aus Deutschland wissen wir, dass grosse, fusionierte Gemeinden tendenziell mehr Mitglieder verlieren. Eine Monokultur aus solchen Gemeinden ist deshalb der falsche Ansatz», so Maitland.

Massive Vorwürfe

Damit erschöpft sich die Kritik der Herausforderer allerdings nicht. Das Komitee, das Schibler und Maitland unterstützt, erhebt happige Vorwürfe gegen den aktuellen Kirchenrat und seinen Präsidenten. So würde die Synode oft unter Zeitdruck gesetzt, Anträge würden «durchgepeitscht» und das Verständnis für kleine und mittlere Gemeinden fehle. «Das Klima ist häufig von Angst bestimmt und mit Geringschätzung gegenüber bestimmten Personen oder Personengruppen verbunden», sagte Kurt Stäheli an der Medienorientierung.

Stäheli war neben Karl Stengel – beide sitzen in der kommenden Legislatur nicht mehr in der Synode – der einzige Vertreter des Komitees, der sich zur Lancierung der Kampfwahl bekannte. Wer sonst noch hinter Maitland und Schibler steht, ist unklar. Von Seiten des Komitees hiess es, die anderen Mitglieder stammten aus verschiedenen Fraktionen, wollten aber nicht öffentlich auftreten – aus Angst.

Müller über anonyme Gegnerschaft irritiert

Auf die Vorwürfe angesprochen, reagiert Amtsinhaber Michel Müller überrascht. «Das macht mich fast ein wenig sprachlos. Ich bin der Meinung, dass wir uns in den vergangenen Jahren sehr viel Zeit und Raum für Diskussionen genommen haben», sagt er gegenüber ref.ch. Es gehöre zur Demokratie, dass man debattiere, dass man aber auch mal entscheide und dabei andere Meinungen gelten lasse; dies habe der Kirchenrat immer getan. Dass er es nun mit einer verängstigten Gegnerschaft zu tun haben solle, die darüber hinaus anonym bleiben will, irritiere ihn.

Auch die anderen Kritikpunkte kann Müller nicht nachvollziehen. «Ich werde persönlich für Dinge haftbar gemacht, die über lange Jahre von mehreren Instanzen bearbeitet und abgesegnet worden sind, vom Kirchenrat, von der Synode und schliesslich sogar vom Stimmvolk.» Die Gegner würden zudem die Rolle des Präsidenten in einer reformierten Kirche überschätzen. Er habe gar nicht die Macht «Entscheide durchzupeitschen», sagt Müller, und verweist darauf, dass der Kirchenrat als Kollegialgremium agiere.

«Müssen Mehrheiten finden»

«Es stimmt zwar, dass wir einige heisse Eisen angefasst haben, und ich kann verstehen, dass unsere Lösungen einigen Leuten nicht gefallen.» Es sei aber die Aufgabe des Kirchenrates und insbesondere des Präsidenten, Mehrheiten zu finden. Dies habe man getan. Abschliessend hält Müller fest, dass die Wahl ein Geschäft der Synode sei und damit zum demokratischen Prozess gehöre. «Das respektiere ich natürlich.»

Die Wahl findet am 1. Oktober statt, nachdem sich die am 19. Mai neu gewählte Synode konstituiert hat.