Heisse Debatte um Zürcher Reformprozess

Die Zürcher Synode diskutiert am 4. Juli den Reformprozess «Kirchgemeinde plus». Die kürzlich durchgeführte Vernehmlassung hat neben Zustimmung auch heftige Kritik zutage gefördert.


Wenn sich die Zürcher Synodalen am Dienstag zur ausserordentlichen Versammlung treffen, dürfte ein Traktandum besonders zu reden geben: «Vernehmlassung KirchGemeindePlus – Antrag und Bericht des Kirchenrates». KirchGemeindePlus steht für einen Prozess, der 2012 initiiert wurde. Damit will der Zürcher Kirchenrat die Landeskirche auf strategischer Ebene für Herausforderungen wie Mitgliederschwund, Steuerreformen oder die Neubesetzung von Behörden fit machen (siehe Kasten).

Der Prozess ist allerdings nicht unumstritten, wie die kürzlich evaluierte Vernehmlassung zeigt. Von «Druck auf kleinere Gemeinden» schreibt etwa das Pfarrkapitel Bülach, von Bevormundung und einem allzu straffen Zeitplan. Ähnlich klingt es in der Vernehmlassungsantwort des Zürcher Pfarrvereins: Man habe den Eindruck einer «Hauruck-Übung», die in vielen Punkten willkürlich sei. Zudem sei es falsch, sämtlichen Gemeinden des Kantons dieselbe Form der Zusammenarbeit aufzudrängen.

«Das war eine Alibi-Übung»

«Man hat im gesamten Prozess noch nie die Kirchgemeinden gefragt, was sie für ihre eigene Zukunft gut finden», sagt auch Andreas Weber, Pfarrer in Eglisau und Vorstandsmitglied des Pfarrvereins. Stattdessen würden die Gemeinden in Richtung der vom Kirchenrat bevorzugten Fusionen gedrängt. Das sei auch in den Unterlagen zur Vernehmlassung deutlich spürbar gewesen. «Das Ganze war daher keine ergebnisoffene Umfrage, sondern eine Alibi-Übung.»

Weber stört sich vor allem an der «einseitigen Kommunikation des Kirchenrates». So schreibe dieser im Bericht zur Vernehmlassung, «eine klare Mehrheit der Kirchgemeinden teile die Überzeugung, dass Zusammenschlüsse auf längere Sicht die geeignetste Form» der Zusammenarbeit seien. Das stimme aber nicht, so Weber: «Von den sechs vorgeschlagenen Modellen boten vier keine ernsthafte Option. Und von den zwei verbleibenden hat das Modell Zusammenarbeitsvertrag am meisten Zustimmung erhalten.» Damit sei klar, dass die Mehrheit der Gemeinden die grösstmögliche Autonomie gewählt habe. Für Weber ein «Paradebeispiel dafür, wie seitens des Kirchenrates nur verbreitet wird, was in seinen Plan passt.»

Ein Zwischenschritt hin zur Fusion?

Tatsächlich haben sich von 137 Kirchgemeinden 58 für diese mildeste Form der Kooperation ausgesprochen; 46 wählten den Zusammenschluss. In einem zweiten Schritt wurden die 91 Kirchgemeinden, die nicht den Zusammenschluss gewählt hatten, gefragt, ob sie ihre Option als einen Zwischenschritt zu einer künftigen Fusion sehen würden. 27 von ihnen bestätigten das, 41 lehnten das ab, 23 beantworteten die Frage nicht. Auf diesen Zahlen gründet die Aussage des Kirchenrats, eine Mehrheit (46 plus 27 = 73) der Kirchgemeinden würde längerfristig eine Fusion bevorzugen – wobei der entscheidende Punkt das Wort «längerfristig» ist.

«Weiter wie bisher» war keine Option

Diese Interpretation hat aber zumindest methodisch gesehen einen Haken: Eine Option «weiter wie bisher» stand in der Vernehmlassung nicht zur Verfügung. Kirchgemeinden, die sich keines der vorgeschlagenen Kooperationsmodelle vorstellen können oder die mit anderen nur punktuell zusammenarbeiten wollen, konnten dies nicht kundtun. «Es war auch gar nicht unser Auftrag, nach einem ‹weiter wie bisher› zu fragen», kontert Kirchenratspräsident Michel Müller. Die Synode habe den Kirchenrat beauftragt, mögliche Formen der Zusammenarbeit auszuloten, und das habe man getan.

Müller räumt zwar ein, dass die Zahlen möglicherweise leicht anders herausgekommen wären, wenn es in der Vernehmlassung eine siebte Option gegeben hätte für diejenigen, die keins der vorgeschlagenen Modelle möchten. Doch er ist überzeugt, dass KirchGemeindePlus weitgehend akzeptiert ist im Kanton. «Das zeigen auch die vielen Gespräche, die wir in den Gemeinden führen», sagt Müller.

Kirchenrat will auch Zusammenarbeitsverträge unterstützen

Dennoch will der Kirchenrat auf die Kritik aus der Vernehmlassung eingehen. Als ersten Schritt schlägt er in seinem Bericht zuhanden der Synode deshalb vor, künftig auch Projekte zu unterstützen, die Zusammenarbeitsverträge zum Ziel haben. Die Unterstützung wäre zwar – anders als bei Fusionen – nicht finanzieller Natur. Vielmehr will der Kirchenrat solche Projekte auf ihre Zweckmässigkeit prüfen. «Das ist entscheidend», sagt Michel Müller. «Oftmals entstehen bei Zusammenarbeitsverträgen nämlich mehr Strukturen und mehr Bürokratie. Das ist sicher nicht zielführend.» Der Kirchenrat plant deshalb auch, Leitfäden und Musterverträge für diejenigen Gemeinden bereitzustellen, die sich für eine solche Kooperation entscheiden.

Ob das reicht, um die Kritiker zu besänftigen, wird sich am Dienstag in der Synode zeigen.