Zahlreiche weitere Opfer melden sich
Vor einem halben Jahr haben Forscherinnen der Universität Zürich ihre Studie zu Missbrauchsfällen in der katholischen Kirche der Schweiz veröffentlicht. Seither sind beim Bistum Basel 92 weitere Meldungen von mutmasslichen Missbrauchsopfern eingegangen, wie die Diözese bekannt gegeben hat. Teilweise beinhalteten die neuen Meldungen auch Nachfragen zu bereits früher gemeldeten Vorfällen.
In anderen Bistümern führte die Veröffentlichung der Pilotstudie nicht zu einer derart grossen Zahl von Meldungen, wie die Nachrichtenagentur Keystone-SDA auf Anfrage erfuhr. Insgesamt meldeten vier Bistümer knapp 70 mutmassliche Opfer. Nicht mitgezählt ist das Bistum Lugano, das die Zahlen in Kürze bekannt geben wird.
Fälle in der Vergangenheit
Im Bistum Chur wandten sich 21 Opfer sexuellen Missbrauchs an das diözesane Fachgremium oder direkt an Bischof Joseph Maria Bonnemain. Dabei handelte es sich um Annäherungsversuche bis hin zu Vergewaltigungen. Fast alle Fälle lagen in der Vergangenheit – gelegentlich bis zu 70 Jahre. Ein Fall war aktuell. Bonnemain ist in der Kirche für die Aufarbeitung der Missbrauchsfälle zuständig.
Seit der Studienpublikation hätten die gemeldeten Fälle deutlich zugenommen, hiess es beim Bistum St. Gallen. Das Fachgremium führte über zwei Dutzend Gespräche und leitete 16 Fälle an den nationalen Genugtuungsfonds zwecks Entschädigung weiter.
Die Mehrzahl betraf sexuelle Übergriffe im Kinder- und Jugendalter, ein geringerer Teil Erwachsene bei der Seelsorge. Die Verbrechen lagen mehr als zwei Jahrzehnte zurück und ereigneten sich in Kinderheimen, gegenüber Ministranten oder beim Religionsunterricht.
Das Bistum Lausanne-Genf-Freiburg registrierte 14 neue Meldungen seit der Studie. Opfer waren acht Frauen und sechs Männer. Bei den Taten handelte es sich um physische und verbale sexuelle Übergriffe bis hin zum Fotografieren nackter Kinder.
In Sitten meldeten sich sieben Opfer nach der Publikation der Studie. 2023 waren es insgesamt zehn neue Fälle, wie das Fachgremium «Sexuelle Übergriffe im kirchlichen Umfeld» mitteilte.
SBK baut Zentren auf
Die Schweizerische Bischofskonferenz (SBK) verzeichnete keine Meldungen. Die Zentren dafür sind die Bistümer, wie sie mitteilte. Die Konferenz kündigte die Schaffung nationaler Zentren pro Landessprache an, ein Projekt, das angelaufen ist.
Die Missbrauchsstudie blieb auch für die Evangelisch-reformierte Kirche Schweiz (EKS) nicht ohne Folgen. Sie führt keine Statistik über Missbrauchsfälle, arbeitet Missbrauch den Angaben zufolge aber seit Jahren sorgfältig auf.
Die EKS fordert Opfer ausdrücklich zu Anzeigen auf. Aktuell planen die Verantwortlichen eine Vorstudie über Missbräuche. Auch die Reformierten verzeichneten nach der Studie einen gewissen Anstieg der Austritte. Bei den Katholiken resultierte eine beispiellose Welle.
Anlaufstellen und Selbsthilfe
Die sechs Schweizer Bistümer unterhalten Anlaufstellen für Opfer. Zudem gibt es kirchenunabhängige Institutionen für Missbrauchsopfer, etwa die Westschweizer Selbsthilfegruppe für Betroffene sexuellen Missbrauchs (Sapec) oder die IG Miku, die Interessengemeinschaft für Missbrauchsbetroffene im kirchlichen Umfeld.
Die Bistümer bieten den Betroffenen Unterstützung, Begleitung und Genugtuung an. Liegen mutmassliche Straftaten vor, sind die Bischöfe zu einer Anzeige verpflichtet, selbst wenn die Tat verjährt ist. Die Anzeige unterbleibt nur, wenn der mutmassliche Täter bereits tot ist.
Das Kirchenrecht kennt keine Verjährung. Selbst Jahrzehnte nach einem Missbrauch kann die Kirche noch Massnahmen wie Berufsverbote verhängen.
Die Vorstudie der Universität Zürich vom September 2023 zeigte, dass Priester und Ordensangehörige in der Schweiz seit 1950 über 1000 Fälle von sexuellem Missbrauch begangen hatten – bei hoher Dunkelziffer. Das Forschungsteam arbeitet an einer Vertiefung der Studie. Die Resultate sollen 2027 präsentiert werden. (sda/ pef)