Missbrauchsstudie katholische Kirche

Viele Austritte, aber kein Exodus

Im Vergleich zu Vorjahren sind im vergangenen Jahr viel mehr Mitglieder aus der reformierten Kirche ausgetreten. Die Missbrauchsstudie der katholischen Kirche hat aber auch zu ein paar Übertritten geführt.

Auch Reformierte haben ihrer Kirche nach Publikation der Missbrauchsstudie den Rücken gekehrt. (Bild: Alessandro Della Bella / Keystone)

Auch wenn noch keine definitiven Zahlen vorliegen: 2023 dürfte in der katholischen Kirche in der Schweiz zu einem Rekordjahr bei den Austrittszahlen werden. Seit Publikation der Missbrauchsstudie der Universität Zürich Anfang September haben laut Umfragen Tausende von Mitgliedern ihrer Kirche den Rücken gekehrt.

Ein regelrechter Exodus ist bei den Reformierten zwar ausgeblieben. Dennoch verzeichneten auch reformierte Kirchgemeinden in den ersten Wochen nach Veröffentlichung teilweise deutlich mehr Austritte, wie Recherchen von ref.ch zeigen. In der Gesamtkirchgemeinde Bern, die aus zwölf Kirchgemeinden der Stadt Bern besteht, wurden von Anfang September bis Ende November 416 Austritte gezählt – beinahe dreimal so viele wie im gleichen Zeitraum im Vorjahr (2022: 161; 2021: 134).

Peak mit Verzögerung

Mit spürbar mehr Austritten wird auch in der reformierten Kirchgemeinde Luzern gerechnet. Dort schwankten die Austrittszahlen in den vergangenen Jahren zwischen 434 und 486 Mitgliedern – in diesem Jahr könnte es Schätzungen der Kirchgemeinde zufolge rund 600 sein. Gar achtmal so viele Austritte wie in den Vorjahren verzeichnete man für den Zeitraum von Mitte September bis Mitte Oktober in der reformierten Kirche des Kantons Zug. Insgesamt 120 Austrittschreiben mussten in dieser Zeit entgegengenommen werden, wie es auf Anfrage heisst.

«Viele Kirchenmitglieder sitzen bezüglich ihrer Mitgliedschaft auf gepackten Koffern.»
Klaus Hengstler, Kirchenschreiber in der Reformierten Kirche Kanton Zug

Von «markant» mehr Austritten spricht man auch in der evangelisch-reformierten Kirchgemeinde Tablat. Die grösste St. Galler Kirchgemeinde verzeichnet normalerweise jährlich rund 80 Austritte, in diesem Jahr waren es allein zwischen Anfang September bis Ende November bereits 50. Ähnliches wird aus der Baselbieter Kirche berichtet. Dort liegen zwar keine konkreten Zahlen vor, mit einiger Verzögerung nach Publikation der Studie sei es aber auch hier zwischenzeitlich zu einer «deutlichen» Zunahme von Austritten gekommen.

Vor allem Kirchenferne treten aus

Für Stephanie Krieger, Sprecherin der Baselbieter Kirche, ist das keine Überraschung. Das Problem sei von früheren Skandalen in der katholische Kirche bekannt, die ebenfalls Kirchenaustritte bei den Reformierten nach sich gezogen hätten. Aus Befragungen wisse man, dass Mitglieder, die infolge eines solchen Skandals ausgetreten sind, sich schon vorher von ihrer Kirche entfremdet haben. «Oft sind das Leute, die generell Vorbehalte gegenüber der Institution Kirche haben und nicht mehr zwischen den Konfessionen unterscheiden», sagt Krieger.

Auch für Klaus Hengstler, Kirchenschreiber in der Zuger Kirche, war es «vorauszusehen», dass die Studie Folgen für die reformierte Kirche haben würde. Einen längerfristigen Trend zu höheren Austrittszahlen sieht er allerdings nicht, vielmehr bewegten sich die Zahlen inzwischen wieder im normalen Mittel der zurückliegenden Jahre. «Trotzdem hat sich gezeigt, dass viele Kirchenmitglieder bezüglich ihrer Mitgliedschaft quasi auf ihren gepackten Koffern sitzen».

«Jetzt mit den Fingern auf die Katholiken zu zeigen, wäre unseres Erachtens das falsche Signal.»
Christina Hegelbach, Geschäftsführerin der Kirchgemeinde Tablat (SG)

Besorgt über die Austritte zeigt man sich bei der Evangelisch-reformierten Kirche Schweiz (EKS). Stephan Jütte, Leiter Theologie und Ethik, sagt auf Anfrage: «Diese Austritte stehen insgesamt dafür, dass wir für einen Teil unserer Mitglieder zu weit weg sind.» In den Kirchgemeinden, Kantonalkirchen und in der EKS arbeite man seit Jahren daran, den Mitglieder nahe zu sein. «Dass die Ergebnisse und die mediale Berichterstattung über die Pilotstudie zu den Missbrauchsfällen unserer Schwesterkirche zu zahlreichen Austritten führen, zeigt, wie wichtig dieses Engagement ist», sagt Jütte.

Übertritte von Katholiken

Diese Organisationen helfen weiter

Haben Sie sexuellen Missbrauch im kirchlichen Umfeld erlebt? Folgende Organisationen können Ihnen weiterhelfen:

Die Interessengemeinschaft für missbrauchsbetroffene Personen im kirchlichen Umfeld unterstützt Selbsthilfegruppen für Menschen, die sexuell und spirituell missbraucht wurden. Sie steht allen Menschen offen, unabhängig ihrer Konfession.

Die Opferhilfe Schweiz unterstützt Menschen, die sexuelle Gewalt erlebt haben. Die Beratung ist kostenlos, vertraulich und anonym. Das Angebot steht auch Angehörigen von Betroffenen offen.

Auch wenn sich die Austrittszahlen vielerorts wieder normalisiert haben: Rückblickend stellt sich die Frage, ob eine Informationskampagne weitere Austritte hätte verhindern können. Mitglieder vom Austritt abzuhalten, die bereits auf dem Absprung seien, sei jedoch schwierig, betont Klaus Hengstler. Wichtiger sei vielmehr, als Kirche für alle anderen Mitglieder glaubhaft zu bleiben. «Wenn es uns gelingt, dass Menschen in der Mitgliedschaft einen Nutzen für ihr Leben erkennen, ist schon viel gewonnen.»

Anlass für eine Kampagne sah man auch in der reformierten Kirchgemeinde Tablat nicht, wie Geschäftsführerin Christina Hegelbach betont. «Wir pflegen in unserer Kirchgemeinde eine gute ökumenische Zusammenarbeit. Jetzt mit den Fingern auf die Katholiken zu zeigen, wäre unseres Erachtens das falsche Signal.»

Das volle Ausmass der Austritte wird wohl erst in einigen Wochen deutlich, wenn den Kantonalkirchen die endgültigen Zahlen vorliegen. Einen kleinen Trost wird es geben: Viele reformierten Kirchgemeinden verzeichneten im Anschluss an die Studie eine leichte Zunahme von Eintritten – aus der katholischen Kirche.