«Wo haben Leute mit unserem Profil noch Platz?»

Wegen ihrer Haltung zu Genderfragen und zur Ehe für alle sind zwei Bewerber nicht in die Evangelisch-kirchliche Fraktion der Zürcher Synode aufgenommen worden. Ein Mitglied hat daraufhin aus Solidarität die Fraktion verlassen.

Michael Wiesmann ist aus Solidarität mit zwei von der Evangelisch-kirchlichen Fraktion abgelehnten Bewerbern aus seiner ehemaligen Fraktion ausgetreten. (Bild: zVg)

Vier Jahre lang war Michael Wiesmann Mitglied der Evangelisch-kirchlichen Fraktion der Zürcher Synode, zwei Jahre davon arbeitete er im Vorstand mit. Doch seit Beginn der aktuellen Legislatur sitzt er als Fraktionsloser im Kirchenparlament, zusammen mit den neugewählten Nilas Schweizer und Nadja Boeck. Was ist geschehen?

Wiesmann, Boeck und Schweizer sind alle in der Kirche Furttal im Bezirk Dielsdorf engagiert; Wiesmann und Boeck arbeiten im Pfarramt in Regensdorf, Schweizer war Präsident der Kirchenpflege Buchs und hilft heute als Freiwilliger mit. Die drei verbinden ähnliche Haltungen in politischen und theologischen Fragen. Deshalb wollten sie auch zusammen in der Evangelisch-kirchlichen Fraktion (EKF) politisieren.

Dann allerdings wurden Boeck und Schweizer von der Fraktion abgelehnt – wegen ihrer Einstellung zu Genderfragen und zur Ehe für alle. «Damit war für mich klar, dass ich die EKF verlassen und gemeinsam mit Nadja und Nilas als Fraktionsloser in die neue Legislatur gehen würde», sagt Wiesmann auf Nachfrage von ref.ch. Hinzu kam, dass er – offenbar ebenfalls aus inhaltlichen Gründen – seinen Posten im Vorstand verloren hat.

«Wollten ein Statement setzen»

In einem Brief, der unter anderem an den Kirchenratsschreiber sowie die Präsidentin der Synode adressiert ist und der ref.ch vorliegt, informieren die drei über ihren Entscheid. Darin schreiben sie: «Uns liegt die Stärkung des Evangeliums in unserer Kirche am Herzen; zudem möchten wir gesellschaftspolitische Anliegen nicht mit ideologischen Überzeugungen vermischen.» Und obwohl ihnen klar sei, dass sie als fraktionslose Mitglieder nicht die gleichen Voraussetzungen hätten, sei dieser Weg für sie «im Moment schlicht konsequent».

«Natürlich hätten wir uns sofort einer anderen Gruppierung an den Hals werfen können», sagt Wiesmann dazu. Auch hätten die drei übrigen Fraktionen schon früh Gesprächsbereitschaft signalisiert, was er sehr geschätzt habe. «Wir wollten mit unserer Aktion aber ein Statement setzen – und die Frage aufwerfen, wo Menschen wie wir hingehören.»

Fromm, aber liberal

«Menschen wie wir», das sind für Wiesmann Menschen, die im Herzen fromm sind, im Denken aber eher liberal als konservativ. Er selbst bezeichnet sich als linken Evangelikalen, mit klarem Bekenntnis zum christlichen Glauben und Offenheit in gesellschaftspolitischen Fragen. «Wo haben Menschen mit diesem Profil noch Platz? Die Evangelisch-kirchliche Fraktion hat klar gemacht: Bei uns nicht.»

Die EKF habe damit einen inhaltlichen Richtungsentscheid gefällt. «Positiv formuliert, könnte man sagen, die Fraktion habe sich entschieden, auf Kosten der Grösse sich selber treu zu bleiben», sagt Wiesmann. Er sagt aber auch, dass es seines Wissens das erste Mal sei, dass Interessierte aufgrund ihrer Haltung zu bestimmten Themen nicht in die Fraktion aufgenommen worden seien.

Bestätigen lässt sich das freilich nicht. Willi Honegger, Präsident der EKF, hält auf Anfrage von ref.ch schriftlich fest, dass er «keinen Anlass sehe, über die innerfraktionellen Gründe betreffend Aufnahme oder Nicht-Aufnahme Auskunft zu geben». Die Synode müsse das gesamte Spektrum der Meinungen einer Landeskirche abbilden, die einzelnen Fraktionen dagegen seien Gesinnungsgruppierungen, deren Fokussierung auf bestimmte theologische Schwerpunkte gewollt sei.

Knackpunkt: Ehe für alle

Tatsächlich handhaben kirchliche Fraktionen den Umgang mit ihren Mitgliedern unterschiedlich. Während bei weltlichen Parlamenten die Fraktionszugehörigkeit in der Regel durch die Partei vorgegeben ist, konstituieren sich kirchliche Fraktionen selbst, indem Gespräche mit den Synodalen geführt werden. Die einen Fraktionen nehmen dabei alle Interessierten auf, andere bedingen sich das Recht aus, Personen abzulehnen.

Insofern könnte man tatsächlich – wie EKF-Präsident Willi Honegger dies tut – argumentieren, dass die Geschichte kein Thema für die breite Öffentlichkeit ist. Allerdings wird durch den Entscheid der EKF ein Licht auf eine Frage geworfen, welche die gesamte reformierte Kirche derzeit stark beschäftigt: Diejenige der Ehe für alle und wie mit divergierenden Meinungen dazu umzugehen ist.

Toleranz in beide Richtungen

Der Rat des Evangelischen Kirchenbundes unterstützt die Öffnung der Ehe für Homosexuelle zwar mittlerweile klar. Noch im Sommer hatte er jedoch darauf hingewiesen, dass es innerhalb der Kirche verschiedene Haltungen zu der Frage gebe und dass sie alle «unverzichtbar zum innerkirchlichen Gespräch über die Ehe gehören». Die Auseinandersetzung werfe «Konflikte auf, die unsere Kirchengemeinschaft ernsthaft herausfordern», schrieb der Rat in einem Bericht, der an der letzten Abgeordnetenversammlung im Juni auf der Traktandenliste stand.

Wiesmann, Boeck und Schweizer kennen die innerkirchliche Debatte um die Ehe für alle. Darauf angesprochen, argumentieren alle drei sachlich und durchaus mit Verständnis für die Gegenseite. Auch hegen sie keinen Groll gegen die EKF aufgrund ihrer Entscheidung. Wohl aber eine Enttäuschung, dass es gar nicht erst zu einer Diskussion gekommen ist. Michael Wiesmann fasst es so zusammen: «Die Kritiker der Ehe für alle – in der EKF wie auch anderswo – verlangen von der Kirche Toleranz gegenüber ihrer Meinung. Wer aber Toleranz fordert, sollte diese auch im offenen Dialog vorleben.»