Mobbing-Fall: Kanton und Synodalrat verweisen auf Gemeindeautonomie

Der Fall eines offenbar gemobbten schwulen Kirchgemeinderates sorgt in Bern für Aufregung. Der Synodalrat sowie der Beauftragte für kirchliche Angelegenheiten nehmen Stellung.

In einer Gemeinde im Oberaargau soll ein Mitglied des Kirchgemeinderates wegen seiner Homosexualität gemobbt worden sein. (Symbolbild: Urs Hubacher)

Eine 1500-Seelen-Gemeinde im bernischen Oberaargau ist diese Woche in den Fokus der Öffentlichkeit geraten: Ein schwules Mitglied des Kirchgemeinde­rates soll aufgrund seiner sexuellen Orien­tierung gemobbt worden sein. Die Präsidentin des Kirchgemeinderates etwa soll schon vor der Wahl des Mannes in einem Brief geschrieben haben, Homosexualität habe in der Gemeindeleitung keinen Platz. Dies berichteten die Regionalzeitungen der Tamedia AG.

Der Fall sorgt in Bern für Aufregung. So schrieb etwa ein pensionierter Pfarrer in einem Leserbrief an den Bund, das Verhalten der Präsidentin sei unter der Gürtellinie und lasse die christliche Nächstenliebe vermissen.

Doch auch der Synodalrat der Reformierten Kirchen Bern-Jura-Solothurn muss Kritik einstecken. In den sozialen Medien äusserten mehrere User ihr Unverständnis darüber, dass dieser zwar eine Mediation veranlasst, darüber hinaus jedoch nicht eingegriffen habe. Mit dem Verweis auf die Gemeindeautonomie werde Diskriminierung so zumindest indirekt zugelassen, so der Tenor.

In der Verfassung festgehalten

Auf Anfrage nimmt Synodalratspräsident Andreas Zeller schriftlich dazu Stellung. «Der Synodalrat ist klar der Meinung, dass die sexuelle Orientierung kein Kriterium für die Eignung zum Kirchgemeinderat ist. Dem demokratischen Aufbau unserer Kirche entsprechend ist es ihm jedoch nicht möglich, im Widerspruch zur Gemeindeautonomie einseitige Anordnungen zu treffen.» Die Gemeindeautonomie sei kantonales Recht, an das sich auch der Synodalrat zu halten habe. Er wehre sich jedoch «entschieden gegen Vorwürfe einer Diskriminierung».

Tatsächlich geniessen die Kirchgemeinden im Kanton Bern eine hohe Eigenständigkeit. Wie Martin Koelbing, Beauftragter für kirchliche Angelegenheiten beim Kanton, erklärt, garantiere die Berner Verfassung ihnen den gleichen Status wie den Einwohnergemeinden – ein Sonderfall in der Schweizer Kirchenlandschaft. «Dahinter steht, wenn Sie so wollen, ein ganz tiefer Glaube daran, dass die Kirchgemeinden ihre Angelegenheiten selber regeln können.»

«Wenn das stimmt, ist es ein krasser Fall»

Anders als in anderen Landeskirchen sei aber der Kanton zuständig für die äus­seren Angelegenheiten der Kirchgemeinden – gerade weil die Verfassung ihnen einen solchen Status zuschreibe. Das verpflichte den Kanton auch, auf Missstände in den Kirchgemeinden zu reagieren, sobald Rechtsnormen eindeutig verletzt würden.

Ob das im Fall des Oberaargauer Kirchgemeinderates zutreffe, könne er aber derzeit nicht beurteilen, da er den Fall nur aus den Medien kenne. «Wenn das alles so stimmt, dann ist es allerdings ein krasser Fall», sagt Koelbing.

Ändern würde sich die Lage, wenn ein Mitglied der betroffenen Kirchgemeinde sich an die Kirchendirektion wenden und den Konflikt melden würde. In diesem Fall wäre der Kanton verpflichtet, die Geschehnisse zu untersuchen.

Dieser Beitrag erschien erstmals in bref, dem Magazin der Reformierten.