«Wir sind nicht wählerisch»
Von der Strasse aus ist es nicht gut sichtbar, das grosse Zelt, das neu auf einem unbebauten Gelände hinter dem Szenerestaurant Frau Gerolds Garten beim Bahnhof Hardbrücke in Zürich steht. An diesem warmen Frühlingsnachmittag sind aber die Klänge einer Brass Band zu hören, die neben dem Zelt aufspielt. Doch der Anlass ist eigentlich kein fröhlicher. Sondern die Heilsarmee eröffnet auf einem ungenutzten Gelände eine Kleiderabgabestelle, vor allem für ukrainische Flüchtende. Als die Band die ukrainische Nationalhymne spielt, klatschen die Anwesenden besonders laut.
Im Zelt stehen Kleiderständer voller Kinderhosen, T-Shirts, Hemden, Jacken und Röcken. Vor etwa vier Wochen sei die Idee zu dieser Abgabestelle aufgekommen, erzählt Markus Muntwiler, Leiter der Heilsarmee Zürich Zentral. «Bei den ersten Kleiderlieferungen für Asylunterkünfte haben wir die Not gesehen, mit wie wenig Sachen die Leute ankommen.» Da die Heilsarmee auch Brockenhäuser betreibt, war es naheliegend, den Flüchtenden Kleider gratis abzugeben.
Leichtere Kleider für den Frühling
Die meisten Ukrainerinnen und Ukrainer haben nicht viel eingepackt, ein Rucksack mit dem Allernötigsten. Ein paar Hosen, Schuhe, Oberteile und eine Jacke habe sie dabeigehabt, erzählt Tatjana, die aus Kiew geflüchtet ist. Und nun sei es Sommer hier in der Schweiz, sie brauche leichtere Kleider. Diese Not beschreiben alle, die zur Abgabestelle gekommen sind. Gerade die privat untergebrachten Personen sind davon betroffen. Denn anders als in Asylzentren werden sie nicht automatisch mit Kleidern versorgt.
Ausserdem haben sie kein Bargeld, weiss Markus Muntwiler. Ihre eigene Währung können die Flüchtenden nicht in Franken wechseln, weil die ukrainische Notenbank im Moment den Devisenhandel gestoppt hat. Die Nothilfe des Bundes erhalten sie erst nach etwa einem Monat. Deshalb sind die Kleider in der Abgabestelle der Heilsarmee gratis. Gegen einen Gutschein können die Geflüchteten zehn Kleidungsstücke pro Person mitnehmen. Die Gutscheine erhalten sie von den Sozial- oder Asylbehörden. Davon können alle profitieren, betont Markus Muntwiler. «Klar haben wir diese Abgabestelle primär für Ukrainerinnen und Ukrainer eingerichtet. Aber es dürfen auch andere Flüchtende kommen. Wir sind da grosszügig.»
Zuvor habe es nie eine Abgabestelle gebraucht, weil nie so viele Menschen in so kurzer Zeit in die Schweiz gekommen seien. «Wenn pro Tag zehn bis zwanzig Flüchtende hier eintreffen, kann man diese gut versorgen», so Markus Muntwiler. Aber diesmal brauchte es zusätzliche Massnahmen und es musste schnell gehen. «Alles hat sich gut ergeben. Man hat uns den Platz zur Verfügung gestellt, wir haben die Bewilligung erhalten und jetzt steht das Zelt da.» Die Kleider stammen aus den Brockenhäusern. Was dort nicht verkauft wurde, landet hier im Zelt. Muntwiler betont, dass die Qualität gut sei. «Da gibt es auch viel Markenware.»
Für die Flüchtenden spielt es keine Rolle, dass es Secondhand-Kleider sind. «Wir sind nicht wählerisch. Wir sind nicht hier, um Party zu machen, und brauchen nichts Exklusives. Das hier ist mehr als genug.» Aus ihrer Tasche zieht die modisch gekleidete Frau Shorts und T-Shirts. Damit sei sie bereit für den Frühling. Einen Pyjama hätte sie noch gebraucht, aber leider nicht gefunden.
Konzentrierte Suche
Auch Mariami, eine junge Frau aus Kiew, die mit ihrem Mann und Kleinkind da ist, hat nicht gefunden, was sie gesucht hat. Leider habe ihr nichts gepasst. «Aber für mein Kind habe ich alles gefunden. Darum bin ich sehr froh.» Die Menschen werden gestaffelt ins Zelt gelassen. Man hört das ständige Klicken von Kleiderbügeln, die meisten Personen sind konzentriert, um schnell etwas zu finden. Hektik kommt aber keine auf.
Neben der Kleiderversorgung übernimmt die Heilsarmee auch die Erstverpflegung am Bahnhof, wenn die Menschen ankommen. Der Leiter der Heilsarmee Schweiz, Österreich und Ungarn, Henrik Andersen, sagt: «Wir können nicht anders als helfen. Wenn es eine Not gibt, fühlen wir uns verpflichtet, das zu tun.» Es sei das, was Jesus getan hätte und auch von ihnen erwarte. «Es ist ein kleines Zeichen, aber wir hoffen, dass es trotzdem ein wichtiges Zeichen wird», so Andersen.
Die Ukrainerinnen und Ukrainer holen aber nicht nur Kleider ab, sondern helfen selbst mit. Eine ältere Frau erzählt unter Tränen, wie sie aus der Ukraine hierhergekommen ist. Aber sie wolle auch helfen, betont sie. Deshalb hat sie sich als Freiwillige gemeldet, um bei der Abgabestelle mitzuhelfen. Auch Tatjana trägt eine gelbe Weste, die die freiwilligen Helferinnen kennzeichnet. Sie erklärt den Leuten nochmals das System und übersetzt. Weil sie Deutsch spricht, hat sie durch dieses Projekt auch eine bezahlte Arbeit gefunden. «Es geht mir immer so vieles durch den Kopf. Da ist es gut, nicht einfach zu Hause herumzusitzen», meint Tatjana.
Die Leute werden nun ermahnt, ihre Kleidersuche abzuschliessen. Denn vor der Tür warten schon die nächsten darauf, endlich passende Kleider zu finden. Freiwillige kontrollieren die Anzahl Kleidungsstücke und ziehen die Gutscheine ein. Und schon sind die ersten wieder draussen, mit vollgepackten grünen Papiertüten.
Betrieb bis im Sommer
Die Abgabestelle hat eine Bewilligung bis zum 30. Juni. Dann müsse man weiterschauen, ob das Angebot noch nötig sei oder man andere Lösungen finden könne, so Markus Muntwiler von der Heilsarmee. Auf der Strasse sieht man einige Leute, die mit grünen Papiertüten davonziehen. Es sieht aus, als wären sie ganz normal einkaufen gegangen.



