Krieg in der Ukraine

«Man kann fast von einer Zweiklassengesellschaft reden»

Die reformierte Seelsorgerin Beatrice Teuscher begleitet im Bundesasylzentrum in Bern Schutzsuchende aus der Ukraine. Im Interview erzählt sie, was die Menschen am dringendsten benötigen und warum die Solidarität in Politik und Gesellschaft bei ihr gemischte Gefühle auslöst.

Auf dem Weg in eine ungewisse Zukunft: Ukrainische Flüchtlinge bei ihrer Ankunft in der Schweiz. (Bild: Keystone / Michael Buholzer)

Frau Teuscher, täglich treffen neue Schutzsuchende im Bundesasylzentrum in Bern ein. Wie ist die Stimmung unter den Ankommenden?
In meiner Arbeit habe ich oft mit Menschen aus Kriegsgebieten zu tun, und es ist immer ein ähnliches Bild. Die Menschen sind verunsichert und bangen um ihre Familienangehörigen, die zurückgeblieben sind. Speziell an der jetzigen Situation ist, dass vor allem Frauen und Kinder gekommen sind. Die meisten von ihnen bleiben nur einen oder zwei Tage, bis sie den Schutzstatus bekommen haben und den Gemeinden in den Kantonen zugewiesen werden. Darum konzentrieren sich meine Kontakte auf die Ukraine-Flüchtlinge, die keinen ukrainischen Pass haben und die keinen S-Status bekommen können. Denn sie bleiben länger im Zentrum.

Welche Gespräche ergeben sich dabei?
Bei den Neuangekommenen geht es um Orientierung und um praktische Fragen. Zum Beispiel wollen sie von mir wissen, wo sie Kleider und Schuhe kaufen können. Eine Familie fragte mich, wo sie einen Vogelkäfig bekommen könne, da die Tochter ihren Vogel mit auf die Flucht genommen hat. Eine andere wollte wissen, ob es gescheiter sei, nach Deutschland zu den Verwandten zu gehen. Es sind oft keine typischen seelsorgerlichen Gespräche, wie man sie sich so vorstellt.

Erzählen die Leute auch von ihrer Flucht?
Ja, manchmal ist das ein Thema. Eine Geschichte hat mir ein Afghane erzählt, der in der Ukraine lebte. Er wollte mit seinem gehbehinderten Freund aus einer ukrainischen Stadt fliehen. Im Gedränge im Bahnhof haben sich die beiden verloren. Während der Mann gerade noch auf den Zug aufspringen konnte, schaffte es sein Freund nicht mehr. Viele Schutzsuchende sind auch mit dem Auto angereist, die offenen Grenzen ermöglichen das relativ reibungslos. Diese Geschichten sind meist kein Vergleich mit der Gewalt, die Flüchtende zum Beispiel aus Syrien an den Aussengrenzen Europas erleben.

Viele Geflüchtete haben im Krieg Schreckliches erlebt. Wie werden diese traumatisierten Menschen in der Schweiz betreut?
Wichtig sind Massnahmen auf der gesetzlichen, strukturellen und individuellen Ebene. Ein Kriegstrauma geht mit einem totalen Kontrollverlust einher, man hat buchstäblich nichts mehr in den eigenen Händen. Darum muss dafür gesorgt werden, dass die Betroffenen ein Stück Normalität zurückbekommen, in der sie ihr Leben wieder in den Griff bekommen. Mit dem Schutzstatus S ist eine gute Grundlage geschaffen worden. Es ist ein erster wichtiger Schritt, um einen Heilungsprozess in Gang zu setzen, weil hier vorläufig Sicherheit garantiert ist. Daneben braucht es aber weitere Schritte.

«Ein Syrer hat mich gefragt, was denn der Unterschied zwischen ihm und den Ukrainern sei. Schliesslich sei auch er in seiner Heimat von den Russen bombardiert worden.»

Welche?
Die Betroffenen sollten schnell eine Struktur und einen Tagesrhythmus bekommen. Hier im Zentrum haben wir bestimmte Arbeitsangebote. Zu unseren Aufgaben als Seelsorgende gehört es, die Menschen zu empfangen, ihnen Sicherheit zu vermitteln und mit ihnen zu sehen, wie sie wieder selbstwirksam werden könnten. Später in den Gastfamilien ist es wichtig, dass die Menschen möglichst bald Arbeit finden und ein selbstständiges Leben führen können. Psychologische und psychiatrische Betreuung sind ebenso wichtig. Doch dafür warten die Leute oft Monate.

Zur Person

Die Theologin Beatrice Teuscher ist Mitarbeiterin in der ökumenischen Seelsorge im Bundesasylzentrum Bern (Zieglerspital) und Pfarrerin an der Friedenskirche in Bern.

Die Schweiz unternimmt viel, um Flüchtenden aus der Ukraine zu helfen. Wie kommt das bei den Schutzsuchenden aus anderen Ländern im Zentrum an?
Offene Konflikte habe ich deswegen keine erlebt, aber es gibt deutlich Spannungen. Ein Syrer hat mich kürzlich gefragt, was denn der Unterschied zwischen ihm und den Ukrainern sei. Schliesslich sei auch er in seiner Heimat von den Russen bombardiert worden. Ein anderer beklagte sich, dass er gebüsst wurde, weil er sich im Zug versehentlich in die erste Klasse gesetzt hat. Er fand es ungerecht, dass die Ukrainerinnen ohne Billett Zug fahren dürfen. Es gibt aber auch positive Reaktionen. Ein staatenloser Flüchtling aus Afrika sagte mir, man müsse die Menschen aus der Ukraine unbedingt aufnehmen. Er selbst durchstreift seit Jahren Europa, ohne aufgenommen zu werden. Er hätte also allen Grund, neidisch zu sein.

Sie betreuen seit rund fünf Jahren Flüchtlinge aus den verschiedensten Ländern. Wie erleben Sie die grosse Solidarität gegenüber den Menschen aus der Ukraine?
Das löst bei mir gemischte Gefühle aus. Für uns Seelsorgende ist diese Solidarität zugleich schön und erschreckend. In den letzten Jahren haben wir viel Härte und Gesetzesverschärfungen im Asylwesen erlebt. Es ist deshalb eine Wohltat zu sehen, wie gross die Hilfsbereitschaft in Politik und Gesellschaft ist und sein kann. Auf der anderen Seite stellt sich die bittere Frage, warum das nicht auch für alle anderen Flüchtlinge möglich war. Man kann fast schon von einer Zweiklassengesellschaft reden.

«Über die Ungleichheitbehandlung kann ich nur spekulieren. Ich fürchte, dass auch Rassismus eine Rolle spielt.»

Worin sehen Sie die Gründe für die Ungleichbehandlung?
Darüber kann ich nur spekulieren. Es ist sicher so, dass wir uns den Ukrainern kulturell näher fühlen als zum Beispiel Menschen aus Afghanistan. Ich fürchte, dass auch Rassismus eine Rolle spielt. Die Flüchtlinge aus der Ukraine sind mehrheitlich Christinnen mit weisser Hautfarbe. Eine Hypothese von mir ist zudem, dass die riesige Hilfsbereitschaft mit unserem schlechten Gewissen zu tun hat. Weil man militärisch nicht eingreifen kann, leistet man umso grössere humanitäre Anstrengungen. Aber mit diesen Spekulationen verlassen wir das Feld der Seelsorge.

Sehen Sie die Gefahr, dass die Solidarität nach einer gewissen Zeit abflaut?
Aus früheren Jahren wissen wir, dass Solidarität nicht ewig hält. Gerade wir als Kirche und in der Seelsorge sind in dieser Situation doppelt gefordert. Zum einen sind die Menschen aus der Ukraine weiterhin auf unsere Hilfe angewiesen. Zum andern brauchen auch die Freiwilligen und Helfenden unsere Unterstützung, damit sie durchhalten können. Hier müssen dringend materielle und strukturelle Ressourcen frei gemacht werden. Wir alle benötigen jetzt einen langen Atem.