Fusion Heks und Bfa

«Wir mussten um Lösungen ringen – doch wir haben sie gefunden»

Der Zusammenschluss der reformierten Hilfswerke Heks und Brot für alle ist auf bestem Weg. Stolpersteine gab es aber durchaus – so kam der Wechsel für einige Mitarbeitende einem Identitätsverlust gleich. Derweil fürchten andere Hilfswerke um ihre Einnahmen.

2020 hat die Evangelisch-reformierte Kirche Schweiz (EKS) der Fusion von Heks und Bfa klar zugestimmt. Nun ist dieser Prozess bald abgeschlossen, einige Hürden konnten überwunden werden. (Bild: EKS-EERS / Nadja Rauscher)

Eines steht fest: Das Hilfswerk der evangelischen Kirchen Schweiz (Heks) und Brot für alle (Bfa) werden fusionieren. Die nötigen Unterschriften sind bereits geleistet, der neue Stiftungsrat ist bestimmt. Nun fehlt nur noch die Bestätigung der Stiftungsaufsicht, damit der Zusammenschluss auf den 1. Januar 2022 vollzogen werden kann. Neu wird das Werk nur noch Heks heissen. «Brot für alle» wird zum Claim, der vor allem für die ökumenische Kampagne verwendet wird.

Der Name macht deutlich, dass es hier weniger um eine Fusion geht als vielmehr um die Übernahme einer kleineren Organisation durch eine grössere. Heks beschäftigt über 300 Leute, Bfa gerade mal 35. Trotzdem wollen die Verantwortlichen nicht von einem «unfriendly takeover» sprechen.

Bernard DuPasquier, bisheriger Geschäftsleiter von Bfa und zukünftiger Vizedirektor des neuen Hilfswerks, räumt zwar ein, dass sich der kleinere Partner in einigen Punkten habe anpassen müssen. «Aber das ist doch normal», findet er. Ausserdem habe Heks als «grosser Partner» viel Sorgfalt und Zeit investiert, um das Zusammengehen möglichst gemeinsam zu gestalten. «Das ist keine feindliche Übernahme, sondern ein Zusammenschluss auf Augenhöhe», sagt auch Heks-Direktor Peter Merz.

Organisationskulturen verschmelzen

Also herrscht bei der grössten Fusion in der Geschichte der reformierten Hilfswerke nur eitel Sonnenschein? Nicht ganz – wer sich im Umfeld der beiden Organisationen umhört, stösst auch auf kritische Stimmen. So erzählt Barbara Hirsbrunner, Stiftungsrätin bei Bfa und im neuen Werk, von anfänglichen Schwierigkeiten. Die unterschiedlichen Grössenverhältnisse der beiden Organisationen hätten sich auf die Verhandlungen ausgewirkt und man habe darauf achten müssen, dass sich nicht immer der grössere Partner durchsetze. «Wir mussten um Lösungen ringen – doch wir haben sie gefunden».

«Für Mitarbeitende des kleineren Hilfswerks war der Prozess auch schmerzhaft. Es gab Hilferufe.»
Barbara Hirsbrunner, Stiftungsrätin

Eine konkrete Herausforderung ist die Verschmelzung von zwei Organisationskulturen. Während Heks hierarchisch organisiert ist, verfolgt Bfa einen holokratischen Ansatz. Dabei sind die Strukturen flexibler. Mitarbeitende tragen die Verantwortung für ein Thema, es gibt keinen Chef, der das letzte Wort hat. Nun sollen diese beiden Kulturen kombiniert werden. Das kann Ängste wecken, weiss Peter Merz. «Bestehende Abläufe und Prozesse werden hinterfragt. Manche reagieren deshalb verunsichert in Bezug auf ihre Rolle und Bedeutung in der neuen Organisation.»

Das bemerkte auch Stiftungsrätin Barbara Hirsbrunner: «Für Mitarbeitende des kleineren Hilfswerks, die nun in eine grössere Organisation wechseln, war der Prozess auch schmerzhaft. Es gab Hilferufe.» Hirsbrunner vergleicht diesen Wechsel mit einem Trauerprozess: Mitarbeitende hätten Abschied von ihrer bisherigen Identität als Arbeitnehmer nehmen und mit Verlusten und Veränderungen umgehen müssen. Dieser Prozess sei noch nicht abgeschlossen. Doch Hirsbrunner betont, dass man heute an einem anderen Punkt stehe.

Bernard DuPasquier von Bfa merkt an, dass solche Ängste durch die Arbeitsbedingungen in der Coronapandemie verstärkt worden seien, als man sich nur virtuell kennenlernen konnte. «Seit wir uns auch physisch treffen können, spüre ich eine Entspannung.» Ausserdem sei man sich der Problematik bewusst und nehme auch externe Begleitung in Anspruch.

Ökumenische Kampagne bleibt

Neben der Entwicklung einer neuen Betriebskultur wartet auch die konkrete Arbeit. Die thematischen Schwerpunkte sind dabei definiert: Klimagerechtigkeit, Recht auf Land/Recht auf Nahrung, Flucht/Migration und Integration. Dazu Peter Merz: «An den Details schleifen gemeinsame Arbeitsgruppen: Welche Projekte und Programme gehen weiter, welche werden beendet?»

«Ich befürchte, dass anderen Werken damit der Wasserhahn zugedreht wird.»
Heinz Fäh, Kirchenrat St. Gallen

Festhalten will das fusionierte Werk an der ökumenischen Kampagne. Doch dabei wird sich einiges ändern. Bisher war Bfa für das Sammeln der Gelder verantwortlich und verteilte diese anschliessend an andere Organisationen, darunter auch Heks oder Mission 21. In Zukunft müssen die Spenderinnen und Kirchgemeinden selbst wählen, wem sie ihr Geld zukommen lassen wollen. Dieser neue Spendenmodus wurde allerdings unabhängig von der Fusion bereits im laufenden Jahr eingeführt, um das komplizierte Verfahren einfacher und transparenter zu gestalten.

Heinz Fäh, als Kirchenrat in St. Gallen zuständig für das Thema Weltweite Kirche, befürchtet, dass damit anderen Werken «der Wasserhahn zugedreht» wird. «Manche spenden vielleicht aus Gewohnheit weiterhin an Bfa, weil der neue Modus bisher nicht klar kommuniziert wurde.» Gerade für kirchliche Werke sei die ökumenische Kampagne aber essenziell, da sie auf dem normalen Spendenmarkt mehr Mühe hätten, an Gelder zu kommen.

«Es kann zu einem Spendenrückgang kommen», sagt auch Jochen Kirsch, Direktor von Mission 21. Da müsse man noch besser informieren. Aber er sieht auch eine Chance im neuen System. «Wir wollen den Spenderinnen und den Kirchgemeinden zeigen, was sie an uns haben.» So decke Mission 21 Bereiche ab, die das neue Hilfswerk nicht bewirtschafte, etwa den Austausch mit der weltweiten Kirche und die Entwicklungszusammenarbeit über kirchliche Partner. Kirsch sieht im neuen Heks denn auch nicht unbedingt einen Konkurrenten. «Wir wollen nicht gegeneinander arbeiten, sondern miteinander.»

«Die Kirche will Partnerin sein und nicht bloss eine Finanzressource.»
Heinz Fäh, Kirchenrat St. Gallen

Auch Heinz Fäh macht sich weniger Sorgen als auch schon. Das Bewusstsein sei gewachsen, dass es faire Lösungen für die anderen Werke brauche. Weniger optimistisch ist Fäh bei den theologischen Kompetenzen in der neuen Organisation. Bei Bfa hätten viele Theologen und Theologinnen mitgearbeitet. Dies müsse nun auch bei Heks gefördert werden, fordert der St. Galler. «Die Kirche will eine Partnerin sein und nicht bloss eine Finanzressource.»

Die Verantwortlichen des neuen Hilfswerks bekräftigen die Bedeutung des Dialogs mit den Kirchen. Peter Merz streicht heraus, dass die Fusion für die Kirchen auch ein Vorteil sein könne. «Wenn es nur noch ein Hilfswerk gibt, dann gibt es auch nur noch einen Ansprechpartner. Das vereinfacht die Zusammenarbeit.» Das entspricht einerseits dem Wunsch der Kirchen. Andererseits will das fusionierte Werk wohl auch die Kritiker beschwichtigen, die um die kirchliche Identität des Werks fürchten. Solche Befürchtungen kamen an einigen Debatten der Evangelisch-reformierten Kirche Schweiz (EKS) zur Sprache. Die EKS ist als Stifterin beider Werke in deren Arbeit involviert und will es auch bleiben. So gab es Anträge, um die kirchlichen Interessen im neuen Werk zu verankern.

Zunehmend schwieriges Umfeld

Trotz der Kritik und einiger anfänglicher Skepsis sind sich mittlerweile alle Gesprächspartner einig: Aus strategischer und ökonomischer Sicht macht die Fusion Sinn. So ergänzen sich die beiden Werke von ihrer Ausrichtung her: Heks bringt Erfahrung in der Projektarbeit im In- und Ausland, in der kirchlichen Zusammenarbeit und der humanitären Hilfe mit, Bfa ist stark in Kampagnen und politischem Engagement.

Von der Fusion erhoffen sich die Verantwortlichen ausserdem mehr Schlagkraft und Aufmerksamkeit in ihrem zunehmend kompetitiven Umfeld. So ist etwa der Kampf um Spendengelder härter geworden. Es gibt grössere Konkurrenz durch ausländische NGO, die in der Schweiz tätig sind. Hinzu kommt, dass Hilfswerke heute eine gewisse Grösse brauchen, um sich für bestimmte Projekte bewerben zu können. Dies gilt etwa für die Vergabe von Mandaten durch die EU.

«Sparen war nicht die Triebfeder für den Zusammenschluss.»
Peter Merz, Heks-Direktor

Auch aus der Politik weht den Hilfswerken ein rauerer Wind entgegen als noch vor einigen Jahren. Im Bundesparlament sind einige Vorstösse pendent, die ihre Arbeit einschränken wollen. Gerade das Engagement für die Konzernverantwortungsinitiative war von einigen Politikern nicht gern gesehen. Die Deza, die Direktion für Entwicklungszusammenarbeit des Bundes, vergibt zudem keine Gelder mehr für Information und Sensibilisierung in der Schweiz.

Heks spürte diese erschwerten Rahmenbedingungen schon in den letzten Jahren. Das Hilfswerk hatte mit einigen finanziellen Schwierigkeiten zu kämpfen und musste Projekte beenden oder reduzieren. Sparen sei aber nicht die Triebfeder für den Zusammenschluss, betont Peter Merz. So kann das neue Werk zwar durch den Abbau von zehn Vollzeitstellen und der Nutzung von Synergien pro Jahr etwa 1,5 Millionen Franken sparen.

Langfristig einziger Weg

Allerdings dürfte der Zusammenschluss auch einige finanzielle Einbussen zur Folge haben. Denn auch hier droht ein Spendenrückgang: Wer früher an Heks und Bfa gespendet hat, wird diesen Betrag in Zukunft vielleicht nur noch einer Organisation zukommen lassen, anstatt die Beträge zusammenzulegen.  Laut Bernard DuPasquier geht man jährlich von etwa 2,5 Millionen Franken Mindereinnahmen aus.

Doch das seien kurzfristige Effekte, so hoffen die Verantwortlichen. Mittelfristig wolle man diese wieder ausgleichen. Und langfristig ist die Fusion wohl der einzige Weg, damit die zwei kirchlichen Hilfswerke überhaupt überleben können.