75 Jahre Heks

«Wir können nicht die Probleme der Welt lösen – aber einen Beitrag leisten»

Das Hilfswerk der evangelischen Kirchen Schweiz (Heks) wird 75. Direktor Peter Merz erzählt, warum die Kirche im Namen Vor- wie auch Nachteil sein kann, warum man das Hilfswerk zuerst eigentlich wieder auflösen wollte und weshalb das Engagement von Heks weiterhin notwendig ist.

  • Im Sammellager wurden die Naturalspenden für das kriegsversehrte Ausland verpackt und versandt. In den Jahren 1945/46 kamen rund 4000 Tonnen Kleider, Schuhe, Haushaltsgegenstände, Decken, Seifen, Konserven und Kartoffeln zusammen.

Herr Merz, warum wurde Heks vor 75 Jahren gegründet?
In der Nachkriegszeit war die Not in unseren Nachbarländern gross. Der Schweizerische Evangelische Kirchenbund und die Kantonalkirchen haben deshalb zu Spenden für die notleidende Bevölkerung aufgerufen und es kamen über zwei Millionen Franken zusammen. Viel Geld für die damalige Zeit. Man hat sich also überlegt, wie man das Geld sinnvoll einsetzen könnte. Deshalb wurde 1946 Heks gegründet. Man dachte allerdings, dass man das Hilfswerk nach ein paar Jahren wieder auflösen könne.

Zur Person

Peter Merz ist seit 2017 Direktor von Heks. Davor war er als Abteilungsleiter für Afrika und Lateinamerika tätig und übernahm dann die Bereichsleitung für die Auslandarbeit. Zudem war er Mitglied der Geschäftsleitung.

Dazu kam es aber nicht. Warum?
Während zehn Jahren hat Heks im umliegenden Europa und in der Schweiz gearbeitet und Nothilfe geleistet. Es ermöglichte Kriegskindern Erholungsferien in der Schweiz, sammelte medizinisches Material und Kleider, half den Kirchen beim Wiederaufbau und übernahm die Betreuung evangelischer Flüchtlinge in der Schweiz. Danach befand der damalige Sekretär, dass die Not in der Welt so gross sei, dass man sich auch um die Armen in anderen Ländern, etwa in Afrika und Lateinamerika, kümmern sollte. Die Kirche unterstützte dieses Vorhaben. Daraus entstand für Heks ein ganz neues Betätigungsfeld.

Sie haben verschiedene Aktivitäten von Heks aufgezählt. Wurde damals schon eine Strategie verfolgt oder einfach spontan Hilfe geleistet, wo es nötig war?
Eine Strategie wurde erst später entwickelt. Zu Beginn hat man einfach auf Notrufe der Kirchen aus den umliegenden Ländern reagiert. Heute arbeiten wir mit Themenschwerpunkten in der Schweiz und in 30 Programmländern, so etwa in den Bereichen Zugang zu Land und dessen nachhaltige Bewirtschaftung oder der Unterstützung von Vertriebenen infolge von Kriegen oder Naturkatastrophen.

Als Heks seine Arbeit in den globalen Süden ausweitete, hat das die Arbeit in Europa ersetzt?
Nein, Heks ist ja bis heute auch in der Schweiz tätig, etwa für Geflüchtete oder sozial benachteiligte Schweizerinnen. Vielen ist gar nicht bewusst, dass wir die Hälfte unserer Programmgelder hier einsetzen. Auch bei uns gibt es Menschen, die durch die Maschen fallen. Das ist während der Pandemie wieder sehr klar geworden, da haben wir Essensgutscheine oder Informationen zu Corona in verschiedenen Sprachen vermittelt. Die Not in den Ländern des Südens ist aber nicht weniger dringend.

Die Missionsgesellschaften waren schon vorher im Süden aktiv. Warum brauchte es da noch Heks?
Unser Engagement war schon in den Anfängen eine Ergänzung zu den Missionsgesellschaften. Wir hatten und haben bis heute keinen Missionsauftrag, sondern engagieren uns in der Entwicklungszusammenarbeit, unterstützen Menschen auf der Flucht oder leisten Wiederaufbauhilfe. Unsere Arbeit soll allen Menschen zukommen – unabhängig von Ethnie oder Religion. Dieser Grundsatz war für uns schon immer zentral, bereits 1958 beim ersten Engagement ausserhalb Europas, in Südindien. Heks hat dort eine Lehrwerkstatt aufgebaut, um Jugendlichen eine Berufsausbildung zu ermöglichen. Diese Ausbildung stand allen Jugendlichen offen, nicht nur jenen christlichen Glaubens.

Ist man damit in kirchlichen Kreisen angeeckt?
Immer wieder. Wir tragen ja die evangelischen Kirchen im Namen. Viele haben deshalb das Gefühl, Heks sei ganz eng an die Kirche gebunden. Wir müssen oft erklären, warum wir auch nicht-kirchliche Partner haben, warum wir in muslimisch geprägten Ländern wie Niger tätig sind oder warum wir Mitarbeitende beschäftigen, die nicht evangelisch-reformiert sind oder die ein Kopftuch tragen.

Welche Vorteile bringt denn die kirchliche Anbindung?
Die Kirche gibt uns den Auftrag und das Mandat. Das bringt eine Verankerung und ein Netzwerk. In vielen Ländern arbeiten wir mit Partnerkirchen und kirchlichen Partnerorganisationen zusammen. Das eröffnet uns oft einen ersten Zugang zu einem Land, so etwa während des Kalten Krieges in Osteuropa. Nach der Wende konnten wir dank diesen langjährigen Beziehungen, etwa mit Rumänien, schnell unsere Arbeit ausbauen, weil die Basis zur Zusammenarbeit schon geschaffen war.

«Unsere Grundwerte sind christliche Werte: Eine gerechte Welt, die Bewahrung der Schöpfung, Nächstenliebe und die universellen Menschenrechte.»

Gibt es auch Nachteile?
In manchen Ländern benutzen wir bewusst nur unser Kürzel «Heks» und nicht «Swiss Church Aid». Denn sonst könnte der Verdacht aufkommen, wir würden Missionsarbeit leisten. Das kann zu Problemen in der Projektarbeit oder bei der Akkreditierung unserer lokalen Büros führen.

Ausser im Namen – wo spürt man die Kirche bei Heks?
Wir sind im Dialog mit unseren internationalen kirchlichen Partnerorganisationen, mit der Evangelisch-reformierten Kirche Schweiz (EKS), mit den Landeskirchen, mit reformierten Fachstellen. Wir erhalten von den Kirchen viel Unterstützung – einerseits finanziell, andererseits durch ihr Engagement für unsere Arbeit. Das hat sich etwa bei der Konzernverantwortungsinitiative gezeigt. Zudem sind unsere Grundwerte auch christliche Werte: Eine gerechte Welt, die Bewahrung der Schöpfung, Nächstenliebe und die universellen Menschenrechte.

Heks ist ein Hilfswerk, also ein Werk, das helfen will. Hat sich diese Haltung verändert während der vergangenen 75 Jahre?
Es hat sich allgemein in der internationalen Zusammenarbeit viel getan. Wir wollen die Probleme gemeinsam anpacken, uns an den Bedürfnissen der lokalen Bevölkerung orientieren und nahe bei den Menschen sein. Wir können deshalb nicht in Zürich Konzepte für die Länder des Südens entwickeln.

«Unsere auf Langfristigkeit angelegte Arbeit hat sich immer wieder ausgezahlt, etwa in Südafrika, wo wir uns gegen das Apartheid-Regime engagierten.»

Gab es denn Fehlschläge in dieser Richtung?
Vor allem die humanitäre Hilfe birgt immer ein gewisses Risiko. In sehr kurzer Zeit muss man etwas aufbauen, oft steht viel Geld zur Verfügung, staatliche Strukturen sind überfordert und die Gesamtsituation im Land selbst ist fragil. Zum Beispiel in Haiti; da haben wir nach dem grossen Erdbeben ein Wiederaufbauprojekt mit hohen Baustandards entwickelt. Wir stellten dann allerdings fest, dass unsere Anforderungen vor Ort nicht erfüllt werden konnten. Deshalb mussten wir Abstriche machen und mit lokalen Materialien eine hinreichende Erdbebensicherheit erzielen. Zudem kam es dort auch zu einem Korruptionsfall, bei dem Baumaterial veruntreut wurde. Deshalb wurden Kontrollmechanismen verstärkt, Mitarbeitende geschult und neue, unbelastete Mitarbeitende rekrutiert.

Die Gegenfrage: Welche Erfolge kann Heks vermelden?
Unsere auf Langfristigkeit angelegte Arbeit hat sich immer wieder ausgezahlt, etwa in Südafrika, wo wir uns gegen das Apartheid-Regime engagierten. Wir haben das Unrecht vor Ort zudem in der Schweiz angeprangert und konnten so hier wie dort einen Beitrag zur Veränderung leisten. In Haiti haben wir in die Produktionsverbesserung von Kaffee und Kakao in einer abgelegenen Region der Insel investiert. Diese Produkte werden auf dem regionalen Markt verkauft und bringen den Produzenten einen höheren Verdienst. Unser erstes Projekt in Indien hat sich in den 60 Jahren unseres dortigen Engagements enorm weiterentwickelt – von einer Ausbildungsstätte zu einem Engagement für Landrechte. Es wurden entsprechende Gesetze geschaffen, woran Partnerorganisationen und Heks beteiligt waren.

Trotz der Erfolge: Ist es nicht manchmal etwas ernüchternd, dass es Heks immer noch braucht?
Wir haben die Vision einer gerechten und friedlichen Welt. Davon sind wir nach wie vor weit entfernt. Das zeigt, wie wichtig unsere Arbeit ist. Wir können nicht die Probleme der ganzen Welt lösen, aber wir leisten einen Beitrag zu einem besseren Leben für Einzelne – entsprechend unserem Leitspruch «Im Kleinen Grosses bewirken».

«Es ist besorgniserregend, dass man nun auch in der Schweiz darüber diskutiert, ob NGO nur noch helfen und sich nicht mehr politisch äussern sollen.»

Nun fusioniert Heks bald mit Brot für alle (Bfa). Passt das in die Geschichte Ihres Hilfswerks?
Beide Hilfswerke bringen breite Erfahrungen und unterschiedliche Kompetenzen in der Sensibilisierung und in der Programmarbeit mit. Selbstverständlich gibt es einige Überschneidungen, aber in vielem ergänzen wir uns sehr gut. Die Fusion bringt auch Klarheit: keine zwei kirchlichen Organisationen mehr, die Ähnliches tun. Zudem wollen und müssen wir uns in einem hart umkämpften Markt behaupten. Wir stehen in Konkurrenz mit anderen Hilfswerken und sind auf Spendengelder angewiesen. Unsere kirchlichen Unterstützungsbeiträge werden in Zukunft wohl eher zurückgehen, wir müssen uns also zusätzlich um neue Mittel bemühen. Als fusioniertes Werk mit aktuellen Kampagnenthemen haben wir auch diesbezüglich grössere Möglichkeiten.

Die Hilfswerke sind nicht nur finanziell, sondern zunehmend auch politisch unter Druck. So gibt es etwa einen Vorstoss, der die Steuerbefreiung von Hilfswerken aufheben will, wenn diese sich in Abstimmungskämpfe einmischen. Wie erklären Sie sich diesen Gegenwind?
In unserer Arbeit in den Programmländern spüren wir schon länger einen grossen Druck auf die Zivilgesellschaft, etwa dass die freie Meinungsäusserung und politische Partizipation immer stärker eingeschränkt werden. Es ist besorgniserregend, dass man nun auch in der Schweiz darüber diskutiert, ob NGO nur noch helfen und sich nicht mehr politisch äussern sollen. Mit der Kampagne für die Konzernverantwortungsinitiative hat sich dieser Trend noch verstärkt, wir hatten diese Diskussion aber auch schon früher. Für unser Engagement gegen die Apartheid etwa wurden wir massiv angefeindet. Doch unsere Vision einer gerechteren Welt verlangt den Kampf gegen Ungerechtigkeiten und das geht nur mit einem pointierten Engagement. Ein Vorgänger von mir sagte: «Heks ist politisch und ist es stets gewesen. Es muss so sein.» Das hat heute noch die gleiche Aktualität und Gültigkeit.