«Wir erleben eine Zäsur in unserer Erinnerungskultur»

Gemeinschaftsgrab, Friedwald oder Aschediamant: Das Angebot an Bestattungsformen ist heute vielfältiger denn je. Einige Entwicklungen beobachtet der Theologe Matthias Grünewald, der sich seit vielen Jahren mit dem Thema befasst, mit Sorge.

Die Asche von Verstorbenen findet immer öfter ausserhalb des Friedhofs ihre letzte Ruhe. Das Gedenken sei heute nicht mehr so stark an einen namentlich gekennzeichneten Bestattungsort gebunden, sagt der Theologe Matthias Grünewald. (Bild: KEYSTONE/Martti Kainulainen)

Herr Grünewald, heute gibt es zahlreiche Möglichkeiten, wie wir unsere verstorbenen Angehörigen bestatten können. Welche Tendenzen stellen Sie fest?
Auffallend ist vor allem der Trend zur anonymen Bestattung. Immer mehr Menschen lassen ihre Verstorbenen in Gemeinschaftsgräbern oder auf Grabfeldern bestatten, die nicht mit ihrem Namen gekennzeichnet sind. In der Stadt Bern machte diese Form im Jahr 2018 über die Hälfte aller Urnenbestattungen aus. Stark im Kommen sind auch ausserfriedhöfliche Urnenbeisetzungen. Sie sind sogar zu einer Art von Parallelkultur zu den Friedhofsbestattungen geworden. Auch diese Gräber sind anonym.

Um was für Bestattungen geht es dabei?
Liest man die Todesanzeigen, findet man oft den Hinweis, dass die Asche eines Verstorbenen an einem schönen Ort in der Natur ausgestreut werden soll. Das kann ein Fluss, eine Wiese oder ein malerischer Aussichtspunkt sein. Oft sind es Orte, die mit eindrücklichen Erlebnissen verbunden sind oder mit Bedeutungen versehen werden. Beliebt sind auch Beisetzungen in sogenannten Friedwäldern, wo die Angehörigen zum Beispiel einen Baum für den Verstorbenen erwerben können. Weitere Möglichkeiten sind die Aufbewahrung der Urne zuhause, die Portionierung der Asche für mehrere Angehörige, die an entfernten Orten leben, oder die Verarbeitung der Asche zu einem Diamanten.

Letzteres klingt – mit Verlaub – ein wenig speziell. Was sagen Sie als Theologe dazu?
Dass Trauernde den Wunsch haben, mit der verstorbenen Person verbunden zu bleiben, kann ich sehr gut verstehen. Ein materielles Objekt, das an den Toten erinnert, kann im Trauerprozess hilfreich sein. Von einer Familie, die ihr Kind verloren hat, weiss ich zum Beispiel, dass sie sein Lieblingsstofftier aufbewahrt hat. Es half ihr dabei, sich dem Kind weiterhin nahe zu fühlen. Problematisch scheint mir hingegen, wenn die Asche des Verstorbenen diese Funktion erfüllen soll.

Warum?
Es gibt Befragungen von Menschen, die sich explizit eine anonyme Bestattung wünschten. Eine häufige Aussage war: «Ich will frei sein». Sie hofften also, sich durch eine anonyme Beisetzung von irdischen Zwängen und Definitionen zu lösen. Das schliesst die Überbehütung nach dem Tod ein. Für die Angehörigen, die ihrem Verstorbenen verbunden bleiben möchten, ist das natürlich schmerzhaft. Ich finde aber, dass Hinterbliebene diesem Wunsch Rechnung tragen sollten. Deshalb sehe ich auch Bekundungen wie «Du wirst ewig in meinem Herzen sein» skeptisch, wenn sie symbiotisch verankert bleiben.

Wenn ich Asche diamantisiere, will ich so etwas wie den Fortbestand des Physischen sicherstellen. Das ist theologisch fragwürdig.

Der Wunsch, einem Verstorben nahe zu sein, ist also vor allem egoistisch?
Ich frage mich einfach, ob dieser Wunsch im Sinn des Verstorbenen ist. Ausserdem sollte man sich als Trauender auch hin und wieder entlasten können. Das ist schwierig, wenn man den Toten immer nahe bei sich hat und zum Beispiel als Diamant um den Hals trägt. Der Verstorbene wird dadurch ja zu einer Art von Reliquie und der eigene Körper zur personalen Krypta. Das ist auch theologisch problematisch.

Inwiefern?
Wenn ich Asche diamantisiere, will ich so etwas wie den Fortbestand des Physischen sicherstellen. Das ist insofern fragwürdig, als die Abdankung dann nicht mehr als endgültiger Abschied von allem Irdischen begriffen wird. Bei der Bestattung geht es ja genau darum, diesen physischen Abschied zu inszenieren und mit symbolischen Handlungen wie dem Werfen von Erde auf den Sarg zu besiegeln. Die reformierte Abdankung ist ein Trennungs- und gleichzeitig ein Übergaberitus. Mit der Bestattung übergeben wir den Toten in die Hände Gottes. Für den Trauernden hat es etwas Befreiendes, die Toten aus ihren Verfügungs- und Wertungsmustern zu entlassen und sie Gott anzuvertrauen. Der Tote ist jetzt an einem anderen «Ort» aufgehoben. Man braucht ihn nicht um den Hals zu tragen.

Traditionell gedachte man der Toten an deren Gräbern. Heute ist das Gedenken weniger stark an den Bestattungsort gebunden.

Kommen wir nochmals auf die erwähnten neuen Bestattungsformen zurück. Was macht sie Ihrer Meinung nach so beliebt?
Eine Rolle spielt sicherlich die grössere Mobilität unserer Gesellschaft. Oft leben die Kinder nicht mehr an dem Ort, an dem die Eltern begraben sind. Der Besuch und die Pflege der Grabstelle sind dadurch erschwert und in manchen Fällen gar nicht mehr möglich. Hinzu kommt, dass anonyme Bestattungen meist kostengünstiger sind. Den Reiz der ausserfriedhöflichen Bestattungsorte scheint auszumachen, dass sie individuelle Bedeutungsträger sind.

Was bedeutet diese Entwicklung für unser Gedenken?
Die anonyme Beisetzung stellt eine wichtige Zäsur in unserer Erinnerungskultur dar. Traditionell gedachte man der Toten an deren Gräbern. Das Schmücken und die Pflege der Grabstelle war ein Zeichen der Erinnerung. Beim anonymen Grab gibt es zwar weiterhin einen Ort, den wir aufsuchen können, aber die Pflege fällt vollständig weg. Man kann also sagen, dass das Gedenken heute weniger stark an den Bestattungsort gebunden ist. Die Hinterbliebenen nutzen deshalb andere Erinnerungsanker, um der Toten zu gedenken. Das können Fotografien, Musikstücke oder zum Beispiel auch virtuelle Gedenkstätten auf Trauerportalen sein.

Verlieren wir damit auch ein wenig die Fähigkeit zum Gedenken an sich?
Die verstorbene Person verschwindet ja nicht aus unserem Gedächtnis und unserem Herzen. Wichtig erscheint mir, welchen Reichtum an Quellen der Erinnerung wir haben, welche Erfahrungen, Geschichten und Geheimnisse uns mit der verstorbenen Person verbinden und welche Emotionen damit verknüpft sind. Sie befördern das zufällige oder bewusste Gedenken.

Der Theologe Matthias Grünewald (74) hat viele Jahre als Dozent an der Theologischen Fakultät der Universität Bern unterrichtet und zahlreiche Pfarrerinnen und Pfarrer bei ihrer praktischen Ausbildung begleitet. Zu seinen fachlichen Schwerpunkten gehörten der Gottesdienst und die Kasualien.

Matthias Grünewald. (Bild: ZVG)