Als Bestatterin die andere Seite des Todes erleben

Im Computerspiel «A Mortician's Tale» schlüpft man in die Rolle einer jungen Bestatterin. Was makaber klingt, hat einen positiven Effekt: Der Tod verliert dabei viel von seinem Schrecken.

Der Tod gehört zum Leben. Das muss nicht gruselig sein, lehrt «Mortician's Game».

Dieses Computerspiel ist ungewöhnlich. In «A Mortician’s Tale» (dt. «Geschichten einer Bestatterin») gibt es keine Punkte zu sammeln und keine Monster zu bezwingen. Gewinnen kann man auch nichts, ausser neuen Erkenntnissen über den Tod und unseren Umgang damit.

Die Spielerin schlüpft für rund eine Stunde in die Rolle von Charlie. Die Bestatterin kommt frisch von der Ausbildung und tritt nun ihre erste Stelle im Familienunternehmen «Rose and Daughters» an.

Auch im Bestattungsunternehmen: Der Tag beginnt mit einem Kaffee und dem Lesen der Mails. So erhält Charlie auch ihre Aufträge und die News aus der Bestattungs-Branche.

Zerfall gehört zum Leben

Während Charlie ihrer Arbeit nachgeht, lernt man als Spielerin das vermeintlich schauerliche Handwerk näher kennen. Das Spiel führt einen sorgfältig Schritt für Schritt durch Charlies Tätigkeit: Man reinigt den Leichnam und führt die Kremation oder die Einbalsamierung durch.

Die Sorgfalt nimmt der Arbeit und damit dem Tod den Schrecken. Die Einbalsamierung beansprucht am meisten Zeit. Man muss massieren, Blut mit Formaldehyd ersetzen und einzelne Stellen wieder zunähen. Diese Aufgaben erledigt man mit einfachen Mausklicks. Es geht nicht um Geschicklichkeit, dafür lernt man den Tod physisch kennen. Nichts ist ekelhaft, der Zerfall gehört zum Leben.

Einbalsamieren ist ein aufwändiger Prozess. Der Einblick ins Handwerk nimmt dem Vorgang den Schrecken.

Die Geschichten dahinter

Charlie betreut aber nicht nur die Toten. Sie besucht auch die Aufbahrung, wo sich die Hinterbliebenen treffen. Dort zeigt sich die andere Seite des Todes: Menschen, die zurückbleiben mit ihren Erinnerungen, ungelösten Konflikten oder einfach mit dem Wunsch, gerade woanders zu sein.

Zudem ist Charlie in regem Mail-Austausch mit Fachleuten auf ihrem Gebiet. Da ist ihre Freundin in London, die begeistert von den neusten Innovationen für nachhaltige Beerdigungen berichtet. Und es gibt einen regelmässigen Newsletter, der über die Branche informiert und zum Beispiel Benimmtipps für den Umgang mit Hinterbliebenen gibt. Merke: Auf keinen Fall «Es geht ihr jetzt besser» sagen.

Mikrokosmos Aufbahrungsraum: Die Trauergäste sprechen über Erinnerungen, Schuldfragen oder – ganz menschlich – kritisieren die Innendekoration.

Der Tod und seine Kulturen

«A Mortician’s Tale» ist informativ, unaufgeregt, schon fast meditativ. Es geht im Spiel nicht um Todessehnsüchte, sondern um den festen Platz, den der Tod in unser aller Leben innehat. Die Macher liessen sich von der sogenannten Death Positive Movement inspirieren (dt. Bewegung mit einer positiven Einstellung gegenüber dem Tod).

Das Spiel zeigt ausserdem, dass Tod nicht gleich Tod ist. Einerseits steckt hinter jedem Leichnam eine individuelle Geschichte. Andererseits macht das Spiel auf kulturelle Unterschiede im Umgang mit dem Tod aufmerksam. Als Schweizer Spielerin merkt man, dass Charlie in Nordamerika zuhause ist, wo Kremation mit Formaldehyd verbreiteter ist als bei uns, und wo grosse Bestattungsunternehmen die kleinen verdrängen.

Das tut dem Spielerlebnis jedoch keinen Abbruch. Gestorben wird überall. Als Spielerin kann man ausserdem gut nachvollziehen, wie Charlie sich fühlt, als «Rose and Daughters» von einem Grossunternehmen übernommen wird. Und warum sie sich am Schluss lieber selbständig macht, als den Profit über die Bedürfnisse der trauernden Angehörigen zu stellen.