5 Jahre «Ehe für alle»

«Wir brauchen mehr Diversität auf Leitungsebene»

Fünf Jahre nach der Abstimmung über die «Ehe für alle» blickt Michel Rudin, EKS-Ratsmitglied und ehemaliger Co-Präsident von Pink Cross, auf die gesellschaftlichen Veränderungen zurück. Die reformierte Kirche sieht er beim Thema Diversität auf gutem Weg. Luft nach oben gebe es jedoch auf Führungsebene.
Wie divers ist die reformierte Kirche? Der EKS-Rat Michel Rudin sieht auf Leitungsebene noch Nachholbedarf. (Bild: Moritz Hager / Keystone)

Herr Rudin, seit Sommer 2022 dürfen gleichgeschlechtliche Paare in der Schweiz heiraten. Wie hat sich der Alltag homosexueller Menschen dadurch verändert?
Zum einen ist es wichtig, dass es diese Möglichkeit gibt. Es ist ein weiterer Schritt in der Gleichstellung. Zum anderen hat sich auch das Lebensgefühl verändert. Durch die hohe Zustimmung bei der Abstimmung haben homosexuelle Menschen einen faktischen Zuspruch von der Bevölkerung erfahren. Ihre Lebensform ist legitimiert worden.

Alles gut also?
Das wäre zu optimistisch. Leider gibt es auch in der Schweiz weiterhin Diskriminierung und Hassverbrechen. In meinem persönlichen Umfeld habe ich physische Gewalt und verbale Übergriffe erlebt. Solche Dinge beschäftigen mich sehr. Dennoch habe ich den Eindruck, dass Homophobie gesellschaftlich weniger toleriert ist als früher.

Worauf gründen Sie das?
In den letzten Jahren habe ich vermehrt wahrgenommen, dass man etwa homophobe Sprüche nicht mehr einfach so stehen lässt. In der Schweiz haben wir eine starke Zivilgesellschaft, die bereit ist hinzustehen, wenn Minderheiten diskriminiert werden. Dazu gehört auch die Kirchengemeinschaft. Aber natürlich leben wir nicht in einer idealen Gesellschaft.

In vielen Ländern sind rechtskonservative Kräfte stärker geworden. Beobachten Sie diese Entwicklung mit Sorge?
Natürlich, das ist besorgniserregend. Alle Minderheiten sind betroffen, auch etwa Migrantinnen und Migranten. Dennoch möchte ich diese Anti-Woke-Bewegung auch nicht zu sehr grossreden. In den westlichen Gesellschaften sind Werte wie Gleichstellung und Vielfalt in den vergangenen zehn, zwanzig Jahren massiv gestärkt worden. Auch hier in der Schweiz haben wir viele rechtskonservative Wählerinnen und Wähler. Mir sind aber keine Forderungen bekannt, etwa die «Ehe für alle» rückgängig machen zu wollen. Als schwuler Mann fühle ich mich hier aufgehoben.

Zur Person

Michel Rudin ist seit 2023 Mitglied im Rat der Evangelisch-reformierten Kirche Schweiz (EKS), wo er unter anderem die Bereiche Gesellschaft, Politik und Diversity verantwortet. Zudem war er Synodaler der Reformierten Kirche des Kantons Luzern.

Der gebürtige Lysser (BE) studierte Geschichte, Philosophie, Recht und Betriebswirtschaft. Er ist Unternehmer und Verwaltungsrat.

Breite Bekanntheit erlangte Rudin als langjähriger Co-Präsident des LGBTQ+-Dachverbandes Pink Cross, als treibende Kraft hinter der Kampagne für die «Ehe für alle» sowie als Gründer der Plattform Swiss Diversity. Politisch engagiert er sich bei den Grünliberalen (GLP) und amtierte bis 2024 als Co-Präsident der GLP Kanton Luzern. (no)

Sie sind ehemaliger Co-Präsident von Pink Cross und Mitglied des Rats der Evangelisch-reformierten Kirche Schweiz (EKS). Wie willkommen sind homosexuelle Menschen heute in der Kirche?
Man muss unterscheiden zwischen der Struktur der Kirche und dem faktischen Lebensalltag. Natürlich kann es sein, dass es in Kirchgemeinden noch homophobe Menschen gibt. Aber schon meine Wahl in den EKS-Rat zeigt, dass Toleranz in der reformierten Kirche inzwischen strukturell verankert ist. Noch vor 20 Jahren wäre die Wahl eines LGBT-Aktivisten in ein solches Gremium wahrscheinlich schwer vorstellbar gewesen.

Sie haben einmal gefordert, die Kirche müsse ein «Safe Space» für alle Minderheiten sein. Ist dieses Ziel erreicht?
Bei unseren Grundwerten sind wir gut aufgestellt. Bestimmte Kompetenzen müssen wir aber noch stärken. Teilweise gelingt es uns nicht, die Menschen dort abzuholen, wo sie gerade stehen. Das zeigt sich zum Beispiel bei den Jungen oder bei Menschen mit Migrationshintergrund. Wir haben in der Schweiz seit Jahren eine Nettozuwanderung. Es ist uns bisher aber nicht gelungen, für diese Menschen zum Ansprechpartner zu werden. Dafür braucht es ein gutes Community-Building und eine Sprache, die die Menschen erreicht.

Nach Ihrer Wahl in den EKS-Rat sagten Sie, Diversität müsse sich auch auf der Leitungsebene zeigen. Ist das inzwischen der Fall?
Nein, das haben wir noch nicht erreicht. Bei der Diversität auf Leitungsebene haben wir noch Luft nach oben. Als Kirche sollten wir ein Spiegel der Gesellschaft sein. Wir brauchen mehr junge Leute, Menschen mit Migrationshintergrund und LGBT-Personen in Führungspositionen. Da fehlen uns bislang die Brücken.

Was heisst das?
Ein Beispiel: Angenommen in einem Kirchenvorstand sitzen lauter 60- und 70-Jährige. Das sind vielleicht engagierte Menschen mit dem Herz am rechten Fleck. Aber können sie auch Angebote für 20 bis 40-Jährige schaffen? Wir müssen die Repräsentation verbessern, damit die Bedürfnisse verschiedener Gruppen berücksichtigt werden. Was ist für eine junge Familie wichtig? Was braucht ein schwuler Mann in den 40ern mit einem Partner? Wie kann man die Generation Z abholen?

Was kann die EKS tun, um diese Vielfalt in den Führungspositionen zu fördern?
Die EKS sieht ihre Verantwortung insbesondere auf struktureller Ebene. Sie kann koordinieren, Lösungsansätze entwickeln und diese den kantonalen Kirchen und Kirchgemeinden zur Verfügung stellen. Wenn wir hier systematisch vorgehen, schaffen wir die Voraussetzungen dafür, dass Fortschritte innerhalb der föderalen Kirchenstruktur umgesetzt werden können. Gleichzeitig hat die EKS eine Vorbildfunktion. Diese Verantwortung wollen wir auch innerhalb unserer eigenen Strukturen wahrnehmen und Vielfalt in Führungspositionen fördern.

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