100 Jahre Radiopredigt

«Wildfremde rufen mich an»

Wie fühlt es sich an, vor einem anonymen Publikum zu predigen? Die reformierte SRF-Radiopredigerin Claudia Buhlmann erzählt, wie ihr ein Trick hilft.
Claudia Buhlmann ist Pfarrerin in der Kirchgemeinde Münchenbuchsee-Moosseedorf im Kanton Bern. (Bild: Gian Vaitl / SRF)

«Als ich zum ersten Mal vor dem Mikrofon stand, um eine Radiopredigt aufzunehmen, war ich etwas eingeschüchtert. Ich stellte mir vor, wie meine Worte als Schallwellen in den Äther hinausgesendet werden und dort verpuffen. Im Gottesdienst habe ich die Menschen direkt vor mir. Ich sehe ihre Gesichter, spüre ihre Reaktionen. Beim Radio fehlt diese unmittelbare Resonanz. Also begann ich, mir die Hörerinnen und Hörer vorzustellen: wie sie mir vielleicht beim Abwaschen in der Küche lauschen oder im Auto unterwegs sind. Das hat mir geholfen. Plötzlich war da eine Verbindung – unsichtbar, aber spürbar.

Als Predigerin habe ich ein seelsorgerliches Anliegen: Ich möchte die Menschen mit meinen Worten nähren und ihnen Kraft geben. Ich bin auf einem Bauernhof in der DDR aufgewachsen und spüre bis heute eine Verbundenheit mit der Natur. Davon will ich den Menschen etwas mitgeben. Mein Wunsch ist, dass sie sich selbst, die Mitmenschen und auch die Tiere und Pflanzen gern haben. Sie sollen die Verbundenheit mit der grossen Schöpfungskraft spüren. Mit anderen Worten: Ich bin so etwas wie eine «Liebesfetischistin».

«Ich kenne Menschen, die nicht mehr mobil sind oder nicht mehr gut sehen. Für sie ist die Radiopredigt eine tolle Sache.»
Claudia Buhlmann

Am Radio habe ich es mit einer anderen Klientel zu tun als im Gottesdienst. Die Radiopredigt hören auch Menschen, die nicht regelmässig in die Kirche gehen. Ich versuche deshalb, möglichst einfach und klar zu sprechen und verzichte auf schwierige theologische Begriffe und Fremdwörter. Anders als bei einer Predigt in der Kirche kann ich nicht improvisieren, alles hängt von der Lebendigkeit des Textes bei der Aufnahme ab. In einer Radiopredigt steckt viel Vorbereitung: Ich überarbeite meine Manuskripte mehrmals, baue Sätze um, streiche Füllwörter.

Ideen für meine Predigten sammle ich lange im Voraus. In Notizbüchern und auf Zetteln halte ich meine Gedanken fest. Ich lasse mich von allem Möglichem inspirieren: Von Büchern, Zeitungsartikeln, Ausstellungen, Kindheitserinnerungen, Gesprächen, die ich aufgeschnappt habe. Bis eine Predigt Form angenommen hat, habe ich oft schon ein halbes Heft gefüllt.

Persönlich war mir das Radio gar nicht so nahe. Nach meinem Umzug in die Schweiz war ich überrascht, dass praktisch in jeder Familie SRF lief. Ich habe den Eindruck, dass Radio hören auch heute noch beliebt ist, auch wenn junge Menschen vor allem die sozialen Netzwerke nutzen. Ich kenne Menschen, die nicht mehr mobil sind oder nicht mehr gut sehen. Für sie ist die Radiopredigt eine tolle Sache.

«In einer Radiopredigt steckt viel Persönliches drin. Das macht verletzlich.»
Claudia Buhlmann

Wir als Predigende werden wahrgenommen. Das merke ich an Reaktionen: Manchmal rufen mich wildfremde Menschen an, um mir für eine Predigt zu danken. Einmal habe ich über Dietrich Bonhoeffer und die Kraft des Schneeglöckchens gesprochen. Daraufhin meldete sich eine Person, die das Schneeglöckchen an ein verstorbenes Familienmitglied erinnert hat. Meine Predigt hat ihr Trost gespendet.

Harsche Kritik habe ich nur einmal erhalten. In einer Radiopredigt steckt viel Persönliches drin. Das macht verletzlich. Sein Ego soweit wie möglich aus dem Spiel zu lassen, ist eine grosse Aufgabe beim Predigen.»

Aufgezeichnet von Heimito Nollé.

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