Frauenrechte

Wie sich Afghanistans Frauen heimliche Freiräume schaffen

Fünf Jahre nach der Machtübernahme der Taliban sind Frauen in Afghanistan weitgehend aus Bildung und öffentlichem Leben ausgeschlossen. Doch in Selbsthilfegruppen und geheimen Schulen entstehen kleine Räume des Widerstands, erzählt Exil-Afghanin Parisa.
Afghanische Frauen unterwegs in Kandahar. Im Frühling 2022 befahl die Taliban-Führung den Frauen die Vollverschleierung in der Öffentlichkeit. (Bild: Qudratullah Razwan/ Keystone)

Am 15. August 2021 übernahmen die Taliban erneut die Macht in Afghanistan. Zunächst versicherten sie noch, Frauen würden auch unter der neuen Regierung gewisse Rechte wie den Zugang zu Bildung behalten.

Heute ist Afghanistan das einzige Land der Welt, in dem Mädchen nach sechs Jahren Primarschule, etwa im Alter von 13 Jahren, von der Bildung ausgeschlossen sind. Danach bleiben ihnen nur noch die offiziellen Koranschulen, Madrasa genannt, oder illegale Untergrundschulen.

Künftig werden Lehrerinnen, Ärztinnen, Pflegefachpersonen und Hebammen fehlen. Diese sind umso wichtiger, weil Frauen in Afghanistan aus religiösen Gründen oft nur von Frauen unterrichtet und behandelt werden dürfen. UN Women warnt seit Jahren vor einer Zunahme der Sterblichkeitsrate bei Geburten.

Seit der Machtübernahme haben die Taliban zudem zahlreiche Vorschriften erlassen, die Frauen aus dem öffentlichen Leben verbannen. Zwei Beispiele: Sie dürfen seit 2023 nicht mehr für NGOs arbeiten. Eine Anfang Jahr vom Obersten Emir unterzeichnete Strafprozessordnung legitimiert Gewalt gegen Frauen und leugnet die Gleichheit aller Menschen (ref.ch berichtete).

«Sie leben wie Tote»

Parisa erlebt diese Entwicklung aus der Ferne. Die 28-jährige Afghanin lebt seit ihrer Flucht im europäischen Exil. Von dort unterstützt sie ein Projekt für Frauen in Afghanistan, das sie mit aufgebaut hatte, hält Kontakt zu Mitarbeiterinnen vor Ort und hilft unter anderem bei Berichten und der Kommunikation mit Geldgebern. Daneben engagiert sie sich für afghanische Geflüchtete in ihrer neuen Heimat. Zu ihrer Sicherheit verzichtet ref.ch auf weitere Details zu ihrer Person und der Organisation.

Wenn sie via Videotelefonie über die Lage der Frauen in ihrer Heimat spricht, wählt sie drastische Worte. «Die Frauen in Afghanistan leben wie Tote», sagt Parisa. «Sie atmen, aber sie können nichts tun.» Sie dürften nicht alleine nach draussen, nicht zur Schule, kaum arbeiten. Singen oder Musik zu hören sei ebenfalls nicht erlaubt.

Vor zwei Jahren führten die Taliban ein «Tugend-Gesetz» ein (ref.ch berichtete). Demnach gilt zu lautes Sprechen in der Öffentlichkeit bereits als mögliche Versuchung für Männer und ist verboten.

Parisa beschreibt ein Leben, das für viele Frauen fast vollständig auf das eigene Haus und die Familie begrenzt ist. «Sie arbeiten zuhause als Dienerin für ihren Mann, kochen, putzen, und folgen seinen Anweisungen.»

Wer häusliche Gewalt erlebe, habe kaum Möglichkeiten, Hilfe zu suchen. Kinderheiraten seien in Afghanistan weit verbreitet. Laut UN Women werden die Restriktionen zu einer weiteren Zunahme führen.

Besonders bedrückend ist für Parisa, wie lange die Frauen bereits auf eine Veränderung warteten. «Viele sind müde vom Warten, und beginnen, ihre Hoffnung zu verlieren.»

Hilfe zur Selbsthilfe

Und doch gibt es noch Orte, an denen Frauen weiterhin zusammenkommen.

Beispielsweise in Selbsthilfegruppen. Dort bringen Frauen anderen Frauen etwa Sticken bei oder bilden sie zur Schneiderin aus. 130 solcher Gruppen baute die Organisation, für die Parisa tätig ist, auf.

Die so hergestellten Produkte werden auf Märkten zu verkaufen versucht. «So können die Frauen ein Einkommen erwirtschaften und stärken ihre Position innerhalb der Familie.»

Auch das Internet ist dabei ein wichtiges Instrument. Über soziale Netzwerke können Kunden gewonnen werden. Die Taliban schalten das Internet jedoch von Zeit zu Zeit ab, um «Unmoral» fernzuhalten.

Entscheidend sei, so Parisa, dass sich die Gruppen möglichst im jeweiligen Quartier der Frauen treffen würden. «So müssen sie nicht quer durch die Stadt oder in andere Regionen reisen. Dazu wäre die Begleitung eines Mannes nötig.»

Für manche Teilnehmerinnen seien diese Gruppen der einzige Ort ausserhalb ihres Hauses, an dem sie sich sicher fühlten, sagt Parisa. Die Frauen könnten dort über ihre Probleme sprechen, Freundschaften pflegen und zugleich versuchen, ein kleines Geschäft aufzubauen.

Von den Taliban toleriert

Unterstützt werden sie auch aus der Schweiz, von der Berner NGO Women’s Hope International. Geschäftsführerin Noemi Grossen sagt im Gespräch mit ref.ch: «Der Arbeitsmarkt in Afghanistan ist aktuell sehr angespannt.» Dies hänge auch mit der forcierten Rückkehr von Afghanen aus dem Iran oder Pakistan sowie steigenden Preisen für Lebensmittel zusammen.

Deswegen seien die Gruppen von den Taliban toleriert.

Was sie dabei nicht wissen: Es geht bei den Treffen um mehr als nur eine berufliche Ausbildung.

Bei den wöchentlichen Treffen sprechen die Frauen jeweils auch über soziale Fragen. «Solche Themen müssen aber sehr vorsichtig angesprochen werden», sagt Parisa. Die Angst über Frauenrechte zu sprechen sei gross.

Ein Ansatz sei, über Gesundheitsthemen zu den sozialen Fragen zu gelangen. Weil viele Frauen weder lesen noch schreiben könnten, würden Bilder verwendet. Vermehrt verzichte man aber auf physisches Material, um keine Spuren zu hinterlassen.

Es ist ein fragiler Freiraum. Die Gruppen setzen ihre Treffen vorübergehend aus, wenn Kontrollen in der Umgebung zunehmen. Parisa erzählt etwa, wie in gewissen Regionen die Handys der Frauen von der Sittenpolizei auf «illegale Inhalte» geprüft würden.

Bildung im Verborgenen

Neben Selbsthilfegruppen existieren in Afghanistan illegale Schulen, in denen Mädchen weiterhin lernen. Parisa berichtet von arbeitslosen Lehrerinnen, die Mädchen in kleinen privaten Strukturen unterrichten. Doch auch dort herrsche ständig die Angst, entdeckt zu werden. Hinzu komme die wirtschaftliche Not vieler Familien: sie könnten sich den Unterricht, der oft etwas koste, schlicht nicht leisten.

Auch innerhalb der Selbsthilfegruppen werde teilweise Bildung vermittelt, sagt Parisa. Einige Frauen böten Kurse an, in denen die Teilnehmerinnen lesen, schreiben und grundlegende Rechenkenntnisse erlernen könnten. Das helfe, ihre kleinen Geschäfte zu führen und die Ausgaben ihrer Haushalte im Blick zu behalten. «Gleichzeitig sind die Frauen dadurch in der Lage, ihre Töchter beim Lernen zu Hause zu unterstützen.»

Die grosse Sehnsucht nach Bildung ist für Parisa eines der deutlichsten Zeichen, dass sich die Frauen mit ihrer Situation nicht einfach abgefunden haben.

«Seid die Stimme der afghanischen Frauen»

Hoffnung gäben ihr auch Frauen, die innerhalb der Familien kleine Veränderungen anstossen würden. «Mütter, die ihre Töchter unterstützen. Frauen, die ihren Söhnen einen respektvollen Umgang mit dem anderen Geschlecht vermitteln. Schwiegermütter, die sich vor ihre Schwiegertochter stellen, wenn sie Gewalt erlebt.»

Von der internationalen Gemeinschaft wünscht sie sich vor allem eines: Afghanistan und insbesondere die Frauen des Landes nicht zu vergessen. Sie habe den Eindruck, dass die Aufmerksamkeit seit den ersten Monaten nach der Machtübernahme stark zurückgegangen sei. «Seid die Stimme der afghanischen Frauen, denn sie haben keine», lautet ihr Appell.

Und was wünscht sie sich für die nächsten fünf Jahre?

In ihrer Antwort schwingt zunächst Euphorie mit: dass die Situation wieder so werde wie vor der Rückkehr der Taliban. Dann wird ihr Wunsch bescheidener und zeigt, wie weit die Rechte afghanischer Frauen inzwischen eingeschränkt worden sind.

«Zumindest sollen die Mädchen wieder zur Schule gehen können.»

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