Erdbebenkatastrophe

«Wenn Menschen sterben, sollten Grenzen keine Rolle spielen»

Die Lage in Syrien ist zwei Wochen nach dem Erbeben nach wie vor schwierig. Das hat auch mit den internationalen Sanktionen gegen das Regime zu tun. Najla Kassab, Präsidentin der Weltgemeinschaft Reformierter Kirchen, fordert deren sofortige Aufhebung.

Mittlerweile kommen auch in Syrien Hilfsgüter an. Mitarbeiter der Rotkreuzgesellschaft der Republik China verteilen Waren am Flughafen in Damaskus. (Bild: Ammar Safarjalani / Keystone)

Frau Kassab, wie ist die Lage in Syrien?
Sehr schwierig. Wir von der Nationalen Evangelischen Kirche in Syrien und Libanon haben unmittelbar nach dem Beben über 600 Menschen in unserer Kirche in Aleppo aufgenommen. Wir haben sie mit Decken, Essen und Medizin versorgt. Nun plagen uns noch andere Sorgen: Wir haben entdeckt, dass viele Gebäude Risse haben. Manche von ihnen sind einsturzgefährdet. Selbst bei unserer Kirche in Aleppo haben wir Schäden entdeckt. Das ist bemerkenswert, denn sie wurde nach der Zerstörung durch den Krieg sehr stabil aus Stahl und Beton neu aufgebaut. 

Was bedeutet das für die Menschen?
Dass sie womöglich nicht sicher sind. Wir benötigen jetzt dringend Statiker, die die Gebäude überprüfen. Eigentlich müssten viele Menschen evakuiert werden. Doch viele bleiben lieber in ihren Häusern. Sie wissen nicht, wohin sie gehen sollen. Sie sagen, dass sie lieber in Würde in ihren Häusern sterben, als ein würdeloses Leben draussen im kalten Winter zu führen. 

Sind auch kulturhistorisch wichtige Bauten betroffen?
Ja, laut der Unesco soll die Zitadelle in Aleppo in Mitleidenschaft gezogen worden sein. Sie gehört zum Weltkulturerbe. 

Zur Person

Najla Kassab (Jg. 64) ist libanesische Pastorin der Nationalen Evangelischen Kirche in Syrien und Libanon. Kassab ist seit Juli 2017 Präsidentin der Weltgemeinschaft Reformierter Kirchen. (bat)

In Syrien leben viele Menschen aus unterschiedlichen Religionsgemeinschaften. Hilft man einander?
Selbstverständlich. Die Solidarität ist gross. Wir haben überwiegend Muslime in unserer Kirche aufgenommen. Ein leidender Mensch ist in erster Linie ein leidender Mensch. Egal, welcher Religion er angehört. 

Kommt überhaupt internationale Hilfe bei Ihnen an? Schliesslich gibt es gegen das Assad-Regime harte Sanktionen. 
Das ist ein riesiges Problem. Und unsere Forderung ist deshalb klar, dass man die Sanktionen aufheben muss. Die internationale Gemeinschaft hat bereits viel zu lange gewartet. Gerade in den ersten Tagen hat Syrien, im Gegensatz zur Türkei, kaum Hilfe erhalten. Manche Menschen hätten wohl gerettet werden können, wäre die Hilfe früher oder überhaupt eingetroffen. Wenn Menschen sterben, sollten Grenzen keine Rolle spielen. 

Wie ist das Assad-Regime bis jetzt mit der Katastrophe umgegangen?
Die Regierung ist mit einer Katastrophe dieses Ausmasses überfordert. Nach zwölf Jahren Krieg ist das Land wirtschaftlich am Boden. Deshalb brauchen wir dringend internationale Hilfe. 

UN begrüssen Öffnung von Grenzübergängen durch Assad-Regime

UN-Generalsekretär António Guterres und verschiedene Hilfsorganisationen haben die Öffnung von zwei Grenzübergängen von der Türkei nach Nordwest-Syrien gelobt. Die Entscheidung des syrischen Präsidenten Bashar al-Assad, die Übergänge Bab Al-Salam und Al Ra’ee für einen Zeitraum von zunächst drei Monaten zu öffnen, ermögliche die rechtzeitige Lieferung humanitärer Hilfe, erklärte Guterres laut einer am Dienstag in Genf veröffentlichten Mitteilung. Die Versorgung der Millionen Betroffenen der Erdbeben von Anfang vergangener Woche mit Nahrungsmitteln, Gesundheitsgütern, Unterkünften, Wintervorräten und anderen lebensrettenden Gütern habe äusserste Dringlichkeit.

Vertreter des Kinderhilfswerks Unicef, des Welternährungsprogramms und der Internationalen Organisation für Migration (IOM) erklärten, Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter nutzten die beiden neuen Übergänge für ihre Lieferungen.

Unterstützung bekommt Syrien auch aus der Schweiz. Das Hilfswerk der Evangelisch-reformierten Kirche Schweiz (Heks) ist vor Ort. Die Evangelisch-reformierte Kirche des Kantons St. Gallen unterstützt das Heks mit 10’000 Franken. Auch die reformierte Kirchgemeinde Zürich hat einen Nothilfe-Beitrag von 20’000 Franken gespendet. (epd/bat)

Nimmt Assad denn internationale Hilfe überhaupt an?
Ja, Assad ist bereit, internationale Hilfe anzunehmen. In den vergangenen Tagen haben wir gesehen, dass in Syrien neue Korridore für humanitäre Hilfe eingerichtet wurden, um den leidenden Menschen zu helfen.

Bekommen Sie auch Hilfe aus der Schweiz?
Wir arbeiten eng mit dem Heks zusammen. Wir haben grosses Vertrauen in das reformierte Hilfswerk. Auch zu Rita Famos (Präsidentin der Evangelisch-reformierten Kirche Schweiz, Anm. d. Red.) habe ich Kontakt. Wir sind unglaublich froh, dass wir so gute Partner haben, die uns unterstützen und die das Leid mit uns teilen. Selbst die Reformierte Kirche in der Ukraine hat Geld für uns gesammelt. Das hat mich sehr berührt. 

Eine Heks-Mitarbeiterin sagte in einem Interview mit ref.ch, dass für viele die Situation in Aleppo schlimmer ist, als während des Krieges. Stimmen Sie dieser Aussage zu?
Während des Krieges konnten sich die Menschen wenigstens noch in ihren Häusern vor den Bomben in Sicherheit bringen. Nun haben Sie nicht einmal mehr diese Möglichkeit.

Wie haben Sie selbst das Erdbeben erlebt?
Während des Bebens war ich auf Reisen in Deutschland. Als ich das erste Mal zurück in mein Büro in Beirut kam, lagen Dinge am Boden verteilt. Selbst hier, fast 500 Kilometer vom Epizentrum entfernt, hat das Beben die Regale durchgerüttelt.