Erdbebenkatastrophe

«Den Menschen geht es noch schlechter als während des Krieges»

Das Erdbeben hat nicht nur die Türkei, sondern auch Syrien schwer getroffen. Marina Dölker vom Hilfswerk der Evangelisch-reformierten Kirche Schweiz (Heks) konnte Kontakt zu Betroffenen aufnehmen. Sie zeichnen ein düsteres Bild.

Zuerst der Krieg, dann das Erdbeben: Die Menschen in Idlib, Syrien, stehen erneut vor dem Nichts. (Bild: Anas Alkharboutl/Keystone)

Frau Dölker, konnten Sie sich schon einen Überblick über die Lage in der Erdbebenregion verschaffen?
Wir sind dran. Insbesondere in Aleppo ist die Situation dramatisch, auch wenn die Stadt knapp 100 Kilometer vom Epizentrum des Bebens entfernt liegt. Aufgrund der internationalen Sanktionen war es nicht möglich, Investitionen in die Infrastruktur zu tätigen. Viele vom Krieg zerstörte Häuser konnten nicht stabil aufgebaut werden. Das rächt sich nun. 

Zur Person

Marina Dölker ist Programmbeauftragte für kirchliche Zusammenarbeit Osteuropa / Naher Osten des Hilfswerks der Evangelisch-reformierten Kirche Schweiz.

Was benötigen die Menschen vor Ort am dringendsten?
Sie brauchen einen warmen Platz zum Schlafen. In Syrien ist es Winter und deshalb extrem kalt. Den Menschen fehlen warme Kleider, Matratzen, Decken und Hygieneartikel. Als die Erde bebte, rannten viele barfuss nach draussen, mit den Kleidern, die sie gerade anhatten. Das ist alles, was sie noch haben. 

Funktionieren Heizung und die Stromversorgung?
Die Stromversorgung war schon vor dem Erdbeben miserabel. Das Stromnetz existiert kaum mehr. Deshalb haben sich die Menschen in den vergangenen Jahren Dieselgeneratoren angeschafft. Ausserdem betreiben diejenigen, die es sich leisten können, auch elektrische Heizungen damit. Das Problem ist, dass der Treibstoff für die Generatoren sehr knapp und kaum mehr zu zahlen ist. 

EKS ruft zu Spenden auf

Am frühen Morgen des 6. Februars erschütterte ein heftiges Erdbeben der Stärke 7,8 auf der Richterskala den Südosten der Türkei sowie Nordsyrien. Laut einer ersten vorläufigen Bilanz sind bereits über 11’000 Tote und 45’000 Verletzte zu beklagen, tausende Gebäude sind eingestürzt. Besonders prekär ist die Situation in Syrien, das sich nach einem fast zwölfjährigen Konflikt ohnehin in einer anhaltenden humanitären Krise befindet.

Die Evangelisch-reformierte Kirche Schweiz (EKS) ruft zum Spenden auf. «Wir bitten Einzelpersonen, Kirchgemeinden und Mitgliedkirchen, Heks jetzt mit einer Spende zu unterstützen», heisst es in einer Mitteilung.

«Das Elend, das diese Region erneut trifft, erschüttert mich sehr», sagt Rita Famos, Präsidentin der EKS, zur Notlage in Syrien. Sie ruft zur Fürbitte auf: «Ich weiss von meinen persönlichen Kontakten, dass unsere Glaubensgeschwister vor Ort sowohl die materielle Hilfe als auch die geistliche Ermutigung im Gebet unendlich wertschätzen. Deshalb schliesse ich die Menschen vor Ort, die Helfenden im Einsatz in meine persönlichen Gebete ein und lade Sie ein, es auch zu tun.» (bat)

Spendenkonto: PC 80-1115-1
IBAN: CH37 0900 0000 8000 1115 1
Vermerk: 223045 – HH Erdbeben Syrien 2023

Welche Verbindungen hat das Heks nach Syrien?
Das Heks betreibt ein Länderbüro in der syrischen Hauptstadt Damaskus. Ausserdem konnten wir mit Vertretern der Armenisch Protestantischen Kirche mit Sitz in Aleppo sprechen sowie der Nationalen Evangelischen Synode in Syrien und Libanon (NESSL). Sie berichten, dass Menschen bei ihnen Schutz gefunden haben und sie dort übernachten können. Allein die Armenisch Protestantische Kirche hat 300 Menschen aufgenommen; die NESSL-Kirche weitere 600 Menschen.

Auf welche Hilfe wird sich das Heks in den kommenden Wochen und Monaten fokussieren?
Nach der Nothilfe wird es darum gehen, die Häuser wieder aufzubauen. Dafür werden wir auf Programme setzen, bei denen wir die Menschen direkt mit Geld unterstützen, damit sie sich versorgen und die Häuser selbst renovieren können. Zudem planen wir, psychosoziale und medizinische Unterstützung bereitzustellen, da viele durch das Erdbeben körperlich und seelisch nachhaltig verwundet sind.

Seit zehn Jahren herrscht in Syrien ein Bürgerkrieg. Es gibt strenge Sanktionen gegen das Regime. Können Sie unter diesen Umständen vernünftig helfen?
Tatsächlich ist der Spielraum aller Hilfsorganisationen in Syrien aufgrund der Sanktionen sowie des fortdauernden Konflikts begrenzt. Trotzdem ist es wichtig, dass internationale Organisationen versuchen, das Leid der Menschen zu lindern. Denn eines darf man nicht vergessen: Das Erbeben hat eine bereits furchtbare Lage noch verschlimmert. Ich war im Juli selbst in Aleppo. Dort haben mir Menschen gesagt, dass es ihnen noch schlechter geht als während des Krieges.