«Wenn alles nur freiwillig ist, entsteht zu wenig Druck»

Gemäss einer neuen Studie tun Schweizer Unternehmen zu wenig für die Menschenrechte. Chantal Peyer von «Brot für alle» ist Autorin der Studie. Im Interview sagt sie, warum börsenkotierte Unternehmen besser abschneiden und welche Firma sich vorbildlich verhält.

Die grössten Schweizer Konzerne sind auch im Rohstoffhandel tätig, wo Menschenrechtsverletzungen besonders häufig sind.
Die grössten Schweizer Konzerne sind auch im Rohstoffhandel tätig, wo Menschenrechtsverletzungen besonders häufig sind. (Bild: Brot für alle/Meinrad Schade)

Sie haben für die Studie Websites der Konzerne analysiert. Reicht das? Vielleicht haben die Konzerne ja nicht alles auf der Website publiziert.
Chantal Peyer:
Wir haben eine quantitative und eine qualitative Studie gemacht. Bei der quantitativen suchten wir auf den Websites nach Standards zu Menschenrechten und nach den Uno-Leitlinien für Menschenrechtspolitik. Dort kann tatsächlich eine kleine Unsicherheit sein, denn nichtbörsenkotierte Unternehmen haben vielleicht nicht alles publiziert. Aber auch bei nichtbörsenkotierten Firmen wird erwartet, dass die Menschrechtspolitik veröffentlicht wird. Das ist klar internationaler Standard heute.

 

Und bei der qualitativen Studie?
Wir haben bei 14 Firmen Analysen auf den Websites gemacht und diese den Firmen geschickt. Anschliessend ist auch deren Antwort in die Studie eingeflossen. Nur acht Firmen haben übrigens geantwortet.

 

Es fällt auf, dass Sie in der Medienmitteilung und in der Zusammenfassung der Studie keine Firmennamen publiziert haben.
In der Studie selber sind die Firmennamen schon erwähnt. Wir wollten aber kein Rating machen, sondern ein Gesamtbild der Menschenrechtspolitik von Schweizer Firmen zeigen. Wir haben auch nur die guten Beispiele erwähnt. Von den 14 haben einige nicht gut abgeschnitten. Und von den 200 untersuchten Firmen machen 60 Prozent nichts bei den Menschenrechten oder kommunizieren nichts dazu.

 

Die Firma Kuoni ist gemäss Studie bei den Menschenrechten «extrem progressiv» und «maximal transparent». Hätte diese Firma nicht eine prominentere Nennung verdient?
Wir erwähnen Kuoni im der Studie mehrmals. Aber in der Pressemitteilung wollten wir nicht nur ein Unternehmen nennen. Kuoni ist vorbildlich, benennt die Probleme und macht jedes Jahr ein Update über die eingeleiteten Massnahmen. Bei Kuoni redet man über Kinderarbeit in Indien oder wie der Tourismus die Lebensgrundlagen der Fischer zerstören kann.

 

Ist diese Firma dort, wo alle Firmen sein sollten?
Wir hätten einen riesigen Schritt vorwärts gemacht, wenn alle Firmen die Menschenrechte so ernst nähmen wie Kuoni. Das schafft Vertrauen. Aber die meisten Firmen anerkennen die Probleme nicht und sagen auch nicht, wie sie sie lösen wollen.

 

Auch Nestlé, Syngenta, Crédit Suisse, UBS, ABB und Holcim schneiden recht gut ab. Nestlé ist bei vielen NGOs immer noch ein rotes Tuch. Ist es Zeit, Nestlé besser zu beurteilen?
Nestlé hat in den letzten Jahren viel gemacht bei den Menschenrechten, und das ist keine PR. Die Firma versucht tatsächlich, die Uno-Leitlinien umzusetzen. Aber es gibt immer noch Probleme. Die Firma publiziert zwar lange Berichte, zeigt aber nicht, wie sie Probleme konkret angeht.

 

Sollte das Augenmerk nicht eher auf die kleineren Firmen gelegt werden, die bei den Menschenrechen praktisch überhaupt nichts machen?
Nein. 60 Prozent der Grosskonzerne hat die Hausaufgaben bei den Menschenrechten nicht gemacht. Diese Grosskonzerne haben mehr Ressourcen und Einfluss auf andere Unternehmen. Sie sind mehr in der Verantwortung: Was sie entscheiden, hat riesige Auswirkungen auf Entwicklungsländer.

 

Aber machen die KMUs genug für die Menschenrechte?
Es kommt stark auf die Branche an und hängt auch von der Unternehmenskultur ab. Auch kleinere Textilfirmen beispielsweise sind stark unter Druck geraten nach dem Unfall in Bangladesch. Kampagnen wie «Clean Clothes» haben zusätzlichen Druck erzeugt, das bewegt auch die kleinen Unternehmen.

 

Die Studie zeigt, dass börsenkotierte Unternehmen besser abschneiden als nichtbörsenkotierte. Ist es für die Menschenrechte besser, wenn eine Firma an der Börse gehandelt wird?
Börsenkotierte Unternehmen sind sich des Reputationsrisikos bei Menschenrechtsverletzungen bewusster, weil das den Aktienkurs negativ beeinflussen kann. Diese Firmen haben das Risikomanagement früher eingeführt und waren schon im Visier von Kampagnen, so zum Beispiel Holcim, Glencore oder Nestlé.

 

Besteht ein Zusammenhang zwischen den «Panama Papers» und der Studie von Brot für alle?
Ja. Bei den «Panama Papers» sieht man: Sogar wenn es Gesetze gibt, halten sich die Firmen nicht immer an sie. Und das wiederum zeigt: Solange es keine Gesetze gibt zu Menschenrechten, werden erst recht nicht alle Firmen freiwillig das Richtige tun. Gibt es aber Gesetze, ist der Skandal umso grösser, wenn Personen oder Firmen sie verletzen – dies ist bei den «Panama Papers» der Fall. Das hat rechtliche Folgen, und ein Gericht kann es beurteilen. Deshalb möchten wir mit der Konzernverantwortungsinitiative, dass es auch bei den Menschenrechten Gesetze für Schweizer Firmen gibt. Wenn alles nur freiwillig ist, entsteht zu wenig Druck.

 

Zur Studie

 

Dieser Artikel stammt aus der Online-Kooperation von «reformiert.», «Interkantonaler Kirchenbote» und «ref.ch».

 

Matthias Böhni/ref.ch