«Mein Friedensgedanke endet nicht an den Grenzen»
Frau Peterhans, wie geht das Schweizer Komitee des Weltgebetstages (WGT) mit der neusten Eskalation im Nahost-Konflikt um?
Uns war wichtig, den Anschlag der Hamas vom 7. Oktober 2023 in aller Deutlichkeit zu verurteilen. Das haben wir in einer Stellungnahme bereits wenige Tage später getan. Danach haben wir in zig Diskussionen besprochen, wie wir weiter vorgehen wollen. Und sind zum Schluss gekommen, dass wir der Region keinen Dienst erweisen, wenn wir die Grundsätze des Weltgebetstages über Bord werfen: Zuhören, nicht urteilen oder Partei ergreifen.
Am ersten Freitag im März wird in christlichen Gemeinden der Weltgebetstag (WGT) gefeiert. Dabei geht es um eine weltweite, von Frauen an der Basis getragene ökumenische Bewegung. Der erste WGT fand bereits 1927 statt.
Jedes Jahr stammt die Liturgie für den WGT aus einem anderen Land. Nationale Komitees übersetzen im Anschluss die Materialien. Welches Land wann an der Reihe ist, wird rund sieben Jahre im Voraus festgelegt, die Liturgie steht etwa zwei Jahre vor der Durchführung. Palästina hat ein eigenes WGT-Komitee, Israel dagegen nicht. Deswegen kann es – Stand jetzt – auch keinen WGT aus Israel geben.
Das Schweizer Komitee wird präsidiert von Vroni Peterhans. Sie ist Bäuerin, Katechetin und Präsidentin des Vereins oeku Kirchen für die Umwelt. (vbu)
Ist das in dieser aufgeladenen Situation überhaupt möglich?
Es ist eine grosse Herausforderung, das war uns schon klar, als wir die Liturgie vor zwei Jahren von den zuständigen Palästinenserinnen erhalten haben. Das liegt auch daran, dass der Nahe Osten eng mit unserer eigenen Religion und Geschichte verbunden ist – fast alle, die am WGT mitwirken, haben eine persönliche Verbindung zu der Region. In den vergangenen Monaten und verstärkt nach dem 7. Oktober mussten wir uns in Erinnerung rufen, worum es am WGT eigentlich geht.
Nämlich?
Um die subjektive Sicht von Christinnen aus einem bestimmten Land, in diesem Fall Palästina. Die lassen wir so stehen, genau so wie wir das bei früheren Austragungen gemacht haben. Nehmen Sie den Begriff der Nakba, der auf Arabisch «Katastrophe» bedeutet. Damit bezeichnen Palästinenser ihre Vertreibung im Zuge der Israelischen Staatsgründung. In Israel ist der Begriff in arabischsprachigen Schulbüchern verboten. Für uns gilt das hingegen nicht. Wir können uns einen Text über die Nakba anhören, ohne uns gleich auf die eine oder andere Seite zu schlagen.
Die Evangelisch-reformierte Kirche Schweiz (EKS) empfiehlt allerdings, auf den Begriff der Nakba wenn möglich zu verzichten.
Die Handreichung der EKS hat viele Frauen an der Basis verunsichert, ebenso wie die Entscheidung des deutschen Komitees, Teile der Liturgie anzupassen. Wir haben intensiv mit Deutschland und Österreich zusammengearbeitet, haben aber in den letzten Wochen erlebt, wie der Druck in unseren Nachbarländern immer grösser wurde. Ich verstehe das, da gerade Deutschland historisch eine andere Beziehung zu Israel hat als die Schweiz. Trotzdem finde ich das Vorgehen heikel. Und es hat auch nicht zu einer Beruhigung geführt: Die einen waren empört über die Änderungen, den anderen gingen sie nicht weit genug.
Das Schweizer Komitee hat sich gegen Änderungen in der Liturgie entschieden. Warum?
Zum einen, weil uns die Stimmen der Palästinenserinnen wichtig waren, die den WGT vorbereitet haben. Diese haben darum gebeten, selber Änderungen vorschlagen zu können, statt dass wir über ihre Köpfe hinweg entscheiden. Nun haben sie uns eine zusätzliche Fürbitte zur Verfügung gestellt. Zum anderen ist es ohnehin so, dass die Materialien von den teilnehmenden Kirchgemeinden und Frauengruppen nicht vollständig übernommen werden. Kleinere Anpassungen, etwa in der Sprache, hat es schon immer gegeben – ein Gebet ist etwas sehr Persönliches, damit soll man sich wohlfühlen. Wir vertrauen darauf, dass die Frauen auch dieses Jahr den WGT so umsetzen, wie es für sie und ihre Mitwirkenden richtig ist.
Reicht das?
Wir haben ausserdem im April 2023 schon eine Erklärung beigefügt, in der wir auf aktuelle Entwicklungen eingehen und den Wunsch nach Frieden bekräftigen. Das ist ein Novum, obwohl es auch schon früher Liturgien gab, die einen komplexen und heiklen Hintergrund hatten – Liturgien aus Taiwan oder Simbabwe zum Beispiel. Was dort zum Thema Kolonialismus gesagt wurde, war auch nicht für alle Länder leicht zu akzeptieren.
Dennoch: Ihr Komitee hält etwa am offiziellen WGT-Bild fest, das manche Kritiker als antisemitisch bezeichnen. Die abgebildeten Schlüssel seien ein Symbol für ein freies Palästina ohne Juden.
Wir haben die Materialien bereits im Herbst 2022 bekommen. Damals fand niemand in der Symbolik und im Text etwas Antisemitisches. Ich verstehe, dass die Situation heute anders aufgeladen ist. Aber ich kann auch verstehen, dass sich eine Palästinenserin, die seit Jahren in einem Flüchtlingslager lebt, nach Rückkehr sehnt. Für mich ist der Schlüssel ein Symbol für alle vertriebenen Menschen weltweit. Ich würde mich allerdings entschieden dagegen wehren, wenn dieses Symbol für antisemitische Hetze missbraucht würde.
Haben Sie Anzeichen dafür, dass dies im Rahmen des WGT geschieht?
Bisher zum Glück nicht. Es ist uns aber seit Oktober klar, dass wir das sehr genau beobachten müssen. Es war zu Beginn der neusten Eskalation durchaus denkbar, dass wir die Form des Gebets anpassen müssten.
In den meisten Jahren segelt der WGT unter dem Radar. Wie gehen Sie damit um, dass es dieses Jahr anders ist?
Ehrlich gesagt, bin ich etwas verwundert darüber, dass die Kirchen auch in Deutschland und Österreich den WGT so hoch hängen. In manchen Jahren müssen wir darum kämpfen, von den offiziellen Stellen der Landeskirchen überhaupt wahrgenommen zu werden. Nun gibt es plötzlich Stellungnahmen und Handreichungen. Da frage ich mich: Geht es den Kirchen wirklich um den Weltgebetstag oder doch eher um den Nahostkonflikt an sich? Und falls letzteres: Missbrauchen sie den WGT dann nicht für etwas, das eigentlich nicht in dessen Sinn und Geist ist? Vielleicht haben die Kirchen das Gefühl, sich in diesem Konflikt positionieren zu müssen. Der WGT ist aber nicht der passende Ort dafür.
Zusammengefasst: Hat es einen ähnlich heiklen WGT schon einmal gegeben?
Zumindest für den deutschsprachigen Raum ist der WGT 2024 höchstens in Teilen vergleichbar mit demjenigen von 1994, als die Liturgie ebenfalls von Palästinenserinnen verfasst worden war. Vielleicht würde uns eine Liturgie aus der Ukraine ähnlich an die Leber gehen, weil wir dort ebenfalls sehr betroffen sind von den aktuellen Ereignissen. Auch da würde ich aber an unseren Grundsätzen festhalten wollen. Für den kommenden WGT wünsche ich mir, dass wir uns über alle Grenzen hinweg miteinander verbinden und daran glauben, einen Unterschied machen zu können. Dass wir alle unsere Friedensgebete in die Region schicken – und zwar in die ganze Region. Mein Friedensgedanke jedenfalls endet nicht an den Checkpoints.