Von Frau zu Frau – bis zur Ausschaffung

Eveline Hügli besucht Frauen, die im Gefängnis in Bern auf ihre Ausschaffung warten. Oft ist sie für die Frauen während dieser Zeit der einzige Kontakt zur Aussenwelt. Und sie ist nahe dran, wenn sich bei diesen Wut, Trauer und Verzweiflung ausbreiten. Ein Porträt.

Seit sieben Jahren setzt Eveline Hügli freiwillig ihre Zeit für Frauen im Gefängnis ein, die auf ihre Ausschaffung warten. Sie sagt: «Ich darf Recht oder Unrecht unserer Migrationspolitik während meiner Arbeit nicht hinterfragen.» (Bild: RP/Leuenberger)

«Ich betrete den Raum. Wir sitzen uns gegenüber, ich höre zu, rede, frage. Nach einer Stunde verlasse ich den Raum. Ich weiss nicht, wie es mit der Frau weitergeht.»
Eveline Hügli ist Anfang 30 und Politologin. An je einem Donnerstag im Monat begibt sich die junge Frau, die von sich selbst sagt, dass sie viel und gerne reist, in das Regionalgefängnis Bern beim Bollwerk, unweit des Hauptbahnhofes. Seit sieben Jahren besucht Hügli Frauen, die hier auf ihre Ausschaffung warten: «Ich bin als Schweizerin privilegiert. Ich möchte Anteil nehmen am Schicksal von Frauen, die es wegen ihrer Herkunft schwerer haben.»

«Es kommt vor, dass ich mit den Frauen ohne Worte kommuniziere. Dann kommen Gesten, Skizzen und das Piktogramm-Büchlein zum Einsatz.»

 

Die Besuche sind ein Angebot der Kirchlichen Anlaufstelle Zwangsmassnahmen. Eine Besucherin zu sehen ist eine der wenigen freien Entscheidungen, die die Frauen in der Ausschaffungshaft treffen können. Jeweils am Abend vorher erfährt Hügli Namen und Herkunft der Frauen, die sie besucht, und ob diese deutsch, französisch, englisch oder nur mongolisch oder amharisch sprechen. «Es kommt auch vor, dass wir ohne Worte kommunizieren. Mit Gesten, Skizzen oder Piktogramm-Büchlein. Der Austausch funktioniert immer irgendwie.» Denn zu erzählen haben die Inhaftierten viel: Wie es dazu kam, dass sie verhaftet wurden, von Kindern, die sie in ihrer Heimat zurückgelassen haben, von der Ungewissheit, die sie nach der Ausschaffung erwartet. Und von ihrem Entsetzen, hier zu sein, etwas, das doch nur Kriminellen widerfahre. Für die Frauen sei es oft unverständlich, warum sie hinter Gittern seien.

«Mich interessiert nicht, ob eine Frau mich anlügt oder nicht. Ich interessiere mich für sie.»

 

Die Frauen kommen aus unterschiedlichsten Ländern, manche gelangen als Asylsuchende aus Äthiopien oder Nigeria, andere als illegale Kindermädchen, Altenpflegerinnen oder Prostituierte aus Rumänien oder Bulgarien in die Schweiz. Viele haben keine Familie mehr, andere kommen nach Westeuropa, um für die Kinder zuhause Geld zu verdienen. Sie sei für viele die einzige Bezugsperson, die nicht Illegale in ihnen sähe, meint Hügli: «Ich trage keine Uniform. Mich interessiert nicht, ob mein Gegenüber lügt oder nicht. Ich interessiere mich für die Frau.» Die Gespräche sind emotional, die Frauen weinen, zeigen Wut und Ohnmacht. Oft gehe es aber auch um praktische Dinge im Gefängnisalltag. Hat die Frau genug Unterwäsche? Braucht sie Tampons? Geht es ihr gesundheitlich gut? «Manche ziehen sich während des Gesprächs aus und zeigen mir ihre Verletzungen.»

Von der blanken Angst, wieder in die Hände von Menschenhändlern zu gelangen

 

Die Besuche sind intensiv, oft belastend. Bis zu vier Frauen sieht Hügli an einem Donnerstagnachmittag. Sie erinnert sich an eine Nigerianerin, die mit Schleppern durch die Sahara übers Mittelmeer nach Italien gelangte. Dort wurde sie von Kontaktpersonen zur Prostitution gezwungen und bedroht. Sie floh in die Schweiz und wurde hier nach kurzer Zeit als Illegale entdeckt. «Ich sitze einer Frau gegenüber, die auf ihre Rückschaffung nach Italien wartet. Und die vor nichts mehr Angst hat, als wieder in die Hände von Menschenhändlern zu gelangen.»

Hüglis Aufgabe ist klar: Sie ist hier als Zuhörerin und nicht mehr: «Ich kann die Lebenssituation dieses Menschen nicht ändern. Ich darf Recht oder Unrecht unserer Migrationspolitik in dem Moment nicht hinterfragen. Ich habe nur die Gegenwart im Blick.» So übernimmt sie mitunter eine Vermittlerrolle zwischen den Frauen und den Gefängnisbetreuerinnen. Sie kommuniziert letzteren die Bedürfnisse der Inhaftierten und informiert das Personal, wenn sie sich Sorgen um die Verfassung einer Frau macht.

«Mir ist klar: Ich kann die Lebenssituation eines Menschen nicht ändern.»

 

So war es im Fall einer jungen Syrerin, die mit ihrer Mutter inhaftiert worden war und nach Italien zurückgeschafft werden sollte. Die junge Frau hatte während der ganzen Flucht Verantwortung für sich und die kranke Mutter übernommen. Alles lag an der kaum Erwachsenen: «Sie sagte zu mir: ‹Ich kann nicht mehr. Wir haben schon einmal über Wochen auf den Strassen Roms verbracht. Noch einmal überlebt das meine Mutter nicht. Lieber bringe ich mich um.›» In einer solchen Situation alarmiert Hügli die Gefängnisleitung. «Mehr kann ich nicht tun.»

Dennoch erhoffen sich viele der Frauen Hilfe von ihrer Besucherin: «Dann muss ich ganz klar sein. Ich gebe meine Nummer nicht. Aber ich gebe ihnen die Nummer vom Anwalt der KAZ.» Die Inhaftierten haben die Möglichkeit, sich rechtlich beraten zu lassen.

Vor lauter Empathie nicht selber Schaden nehmen

 

Meist findet das Gespräch im Besucherraum statt. Es kommt aber auch vor, dass Hügli die Frauen im Gefangenentrakt besucht, wo sie leben. Es hat hier eine Dreierzelle, zwei Einzelzellen, ein Gemeinschaftszimmer mit Fernseher. Die Fensterscheiben aus Milchglas geben die Aussenwelt nur schemenhaft wieder. Viele Bewohnerinnen finden kaum Schlaf. «Wie lange sie hier auf ihre Ausschaffung warten müssen, wissen sie oft nicht.»

Um den Gesprächsituationen besser zu begegnen, hat Hügli vor zwei Jahren eine Weiterbildung zum Umgang mit traumatisierten Menschen besucht. «Ich lernte, wie ich Anteil nehmen kann, ohne selber Schaden zu nehmen.» Der trostlosen Lage zum Trotz glaubt aber Hügli an die Kraft der Frauen: «Sie haben es unter widrigsten Umständen bis in die Schweiz geschafft. Manche sind seit Jahren unterwegs, ohne irgendwo bleiben zu können. Das ist unvorstellbar, aber beweist auch den Lebenswillen und die Widerständigkeit der Frauen.»


Die Kirchliche Anlaufstelle für Zwangsmassnahmen (KAZ)

Seit 1998 gibt es im Kanton Bern die Kirchliche Anlaufstelle Zwangsmassnahmen (KAZ). Sie setzt sich für menschenwürdige Bedingungen bei Ausländerinnen und Ausländern ein, die in Haft auf ihre Ausschaffung warten. Die KAZ bietet den Inhaftierten Rechtsberatung. Daneben führt die KAZ einen Besuchsdienst für Frauen in Ausschaffungshaft. Die KAZ wird von den drei Berner Landeskirchen sowie den jüdischen Gemeinden getragen.