Mehr Menschen auf vergünstigte Lebensmittel angewiesen
Schweizerinnen und Schweizer stehen vor einem herausfordernden Winter. Hohe Treibstoffpreise, steigende Krankenkassenprämien und Lebenshaltungskosten belasten das Budget. Von der Kostenexplosion besonders betroffen sind Familien und Alleinstehende mit geringem Einkommen. Für sie droht in den kommenden Monaten der Absturz in die Armut.
Das kirchliche Hilfswerk Caritas hat deshalb Anfang September von der Politik Massnahmen gefordert. Unter anderem müssten Direkthilfen für Menschen in akuten Notsituationen unbürokratisch bereitgestellt werden. Ausserdem brauche es Massnahmen wie höhere Prämienverbilligungen und einen Teuerungsausgleich bei Löhnen, AHV und Sozialhilfe.
Working Poor besonders gefährdet
Bereits jetzt werde die Situation für Menschen mit geringem Einkommen prekär, beobachtet Caritas-Sprecherin Lisa Fry. «In unseren Caritas-Märkten, wo wir Lebensmittel und Artikel des täglichen Bedarfs verkaufen, registrieren wir seit einiger Zeit mehr Kunden. Auch haben wir mehr Anfragen bei unseren Sozialberatungen», sagt sie. Für diese Leute seien Mehrausgaben von 100 Franken ein grosser Posten. «Meist haben sie keine Möglichkeit, diese Kosten an einem anderen Ort einzusparen, daher wirkt sich schon ein relativ kleiner Betrag drastisch aus».
Auch die Landeskirchen erwarten, dass steigenden Energiepreise und Lebenshaltungskosten mit einem wachsenden Armutsrisiko verbunden sind. In ihren Empfehlungen an die Kirchgemeinden für den kommenden Winter warnt die reformierte Zürcher Landeskirche davor, dass der Bedarf an seelsorgerlicher Begleitung steigen könnte. Die Kirche stehe in dieser Situation in der Pflicht, den Menschen zu helfen. Eine vorsorgliche Massnahme könnte sein, gefährdete Personen in den Gemeinden zu evaluieren sowie zusätzliche Angebote wie Begegnungsmöglichkeiten oder die Abgabe von warmen Mahlzeiten zu schaffen, heisst es. (no)
Besonders gefährdet sind laut Fry sogenannte Working Poor oder Menschen ohne festen Job. Das könne zum Beispiel eine Person sein, die Schicht arbeitet und nachts zum Betrieb fahren muss. Sie sei für ihre Arbeit auf ein Auto angewiesen. «Die höheren Benzinpreise für eine solche Person sind eine erhebliche Belastung», sagt Fry.
Fry vergleicht die Situation mit der Corona-Krise. Auch da sei es nötig gewesen, dass die Politik schnell reagiere. «Wenn die Menschen ihre Miete oder die Krankenkassenprämien nicht bezahlen können, braucht es rasche und unbürokratische Hilfe».
Mehr Sozialberatungen
Ähnliche Erfahrungen macht man auch bei der Heilsarmee Schweiz. Das christliche Hilfswerk unterhält schweizweit zehn Sozialberatungsstellen. Bereits in der Corona-Krise seien die Anfragen angestiegen, das habe sich jetzt noch einmal verschärft, sagt Sprecherin Christine Volet auf Anfrage von ref.ch. «Für die Menschen, die wir beraten, sind insbesondere die steigenden Strom- und Lebensmittelpreise ein Problem.»
Auch bei der Heilsarmee ist man sich bewusst, dass das Problem auch politisch angegangen werden muss. «Derzeit überlegen wir uns noch, welche Forderungen wir an die Politik stellen wollen», sagt Volet.