«Unser ‹Speed› hilft auch der Landeskirche»

Im Eiltempo müssen 33 Kirchgemeinden der Stadt Zürich bis 2019 fusioniert werden. Andreas Hurter, Projektleiter und Präsident des reformierten Stadtverbandes, erläutert den Stand der Dinge. Geplant sind unter anderem eine Miliz-Kirchenpflege und ein Stadtparlament mit 45 Mitgliedern.

«Man kann einen Marathon nicht während des Rennens verlängern»: Andreas Hurter.
«Man kann einen Marathon nicht während des Rennens verlängern»: Andreas Hurter, Präsident des reformierten Stadtverbandes Zürich. (Bild: zvg)

Herr Hurter, was ist das Schöne an Ihrer Aufgabe?
Eine hohe Sinnhaftigkeit. Ich engagiere mich gerne für eine Kirche, die wieder stärkere gesellschaftliche Relevanz hat. Schön ist auch: Es ist eine ausgesprochene Teamarbeit mit vielen Gesprächen, die geführt werden müssen.

 

Daran könnte man ja auch verzweifeln.
(lacht) Nun ja, verzweifeln würde ich dem nicht sagen. Aber zum Teil ist es ärgerlich, die Leute immer wieder zu motivieren. Es müssen sehr viele Einzelpersonen abgeholt werden. Und manchmal ist ein Verharren in alten Denkmustern festzustellen.

 

Wie involvieren Sie beispielsweise die Sozialdiakone in den Prozess?
Wir haben sogenannte Berufsdialoge eingeführt und uns je dreimal mit den Diakonen, Musikern, Pfarrern, Sigristen und weiteren Berufsgruppen getroffen. Unterdessen haben übrigens die Musiker auch ihr eigenes Kapitel gegründet – eine positive Folge des Reformprozesses.

 

Betreiben die Pfarrer ein besseres Lobbying als die Diakone?
Nein. Ich kenne unterdessen die Sicht der Diakone sehr gut. Aber die Pfarrpersonen haben eine bessere Voraussetzung, weil sie von der Landeskirche angestellt sind und sich deswegen nicht als Mitarbeitende wie die anderen sehen. Sie sind besser organisiert, kommen im städtischen Konvent und im Kapitel zusammen und haben das Dekanat, das für die ganze Stadt zuständig ist. Sie können sich dadurch besser artikulieren, treten unabhängiger auf und beanspruchen beim Gemeindeaufbau eine Führungsrolle. Gleichzeitig vermisste ich bis jetzt aber konkrete Umsetzungsideen. In den zwischenzeitlich erfolgten und intensiven Gesprächen zeichnen sich langsam nun doch gute Wege ab.

 

Warum mangelte es den Pfarrerinnen an Umsetzungsideen?
Pfarrer sind sich eher an die Gemeindetätigkeit in einer eher kleineren bis mittleren Kirchgemeinde gewohnt. Hier haben wir es aber bald mit einer Kirchgemeinde von 90‘000 Mitgliedern zu tun, was für uns alle Neuland ist. Das ist keine «Gemeinde» mehr im klassischen Sinn. Pfarrpersonen verstehen den Begriff theologisch, ich verstehe ihn als Organisationsgrösse. Dort gibt es immer wieder Reibungspunkte.

 

Wie wird die neue Kirchgemeinde Zürich organisiert sein?
Wir haben ein Modell mit zehn Kirchenkreisen basisdemokratisch in verschiedenen Konferenzen erarbeitet. Dazu kommen ein gesamtstädtisches Parlament und eine gesamtstädtische Kirchenpflege. Das Parlament soll 45 Mitglieder haben, die vom Volk gewählt werden. Die Kirchenpflege hat sieben Mitglieder mit Ressortverantwortung.

 

Arbeiten die Kirchenpfleger im Vollpensum?
Nein, es sind Milizler mit Teilzeitpensen. Das Präsidium könnte mit dreissig bis fünfzig Prozent dotiert sein, die anderen Mitglieder der Kirchenpflege mit je zehn bis dreissig Prozent. Diese Tätigkeit soll entschädigt werden.

 

Sind Theologen in der Kirchenpflege zugelassen?
Die Pfarrpersonen sind nicht Mitglied der Kirchenpflege. Wir diskutieren momentan aber intensiv das Prinzip der Zuordnung. Wir sehen dabei vor, dass eine Delegation von Pfarrpersonen und eine von den Mitarbeitenden an den Sitzungen der Kirchenpflege teilnehmen – mit beratender Stimme und mit Antragsrecht.

 

Wie werden die 45 Parlamentssitze den Kirchenkreisen zugeordnet?
Die Zahl der reformierten Mitglieder pro Kirchenkreis bestimmt die Anzahl Sitze. Mir ist aber wichtig, dass die Parlamentarier nicht Interessensvertreter der Kirchenkreise sind, sondern gesamtstädtische Abgeordnete. Natürlich können sie auch einmal ein Anliegen ihres Kreises vertreten, aber im Normalfall müssen sie sich der ganzen Kirchgemeinde verpflichtet fühlen.

 

Wie werden die Kirchenkreise geführt?
Durch eine Kirchenkreiskommission, die durch eine «professionelle» Betriebsleitung unterstützt wird. Diese Person leistet vor Ort die Führungs- und Koordinationsarbeit. Damit werden die anderen Angestellten im Kirchenkreis entlastet.

 

Und was passiert mit der heutigen Geschäftsstelle des Stadtverbandes?
Generell wird es zu einer Zentralisierung von Serviceleistungen kommen, die von der Geschäftsstelle erbracht werden. Das Immobilien-, Finanz- und Personalmanagement wird noch stärker bei der Geschäftsstelle sein. So kann sich die Kirchenpflege auf die strategische Führung konzentrieren.

 

Bei den Immobilien gibt es beträchtliche Ertragsmöglichkeiten.
Es ist offensichtlich, dass wir nicht mehr alle 200 Liegenschaften brauchen, um den kirchlichen Auftrag zu erfüllen. Wir werden sie in Betriebs- und Anlageimmobilien aufteilen. Die Betriebsliegenschaften dienen dem kirchlichen Auftrag, die Kirchenkreise können sie zu einer Kostenmiete bei der Kirchgemeinde mieten. Je weniger Quadratmeter sie beanspruchen, umso stärker wird ihr Budget entlastet.

 

Und die Anlageliegenschaften?
Dank ihnen können wir Erträge erwirtschaften, indem wir sie vermieten. Damit können wir mittel- bis langfristig den Ertragsverlust wegen des Mitgliederrückgangs etwas kompensieren. Vorher muss aber noch viel investiert werden. Dieser Prozess dauert zehn bis zwanzig Jahre.

 

Sie decken das Defizit mit teuren Mieten?
Nein. Es sollen sogenannte Marktmieten gelten. Das heisst nicht möglichst hoch, sondern ortsüblich. Wenn wir die Mieten unter den Marktpreisen ansetzen, entgehen uns zum einen Einnahmen, und zum anderen sind das intransparente Vorgänge. Mit diesen Einnahmen können wir dann beispielsweise diakonische Projekte unterstützen.

 

Sie könnten die Liegenschaften auch verkaufen.
Verkaufen steht nicht im Vordergrund.

 

Im Kirchenkreis 1 sollen die Kirchgemeinden Fraumünster, Grossmünster, Prediger und St. Peter zusammengelegt werden. Lassen sich die unterschiedlichen Kulturen so einfach zusammenlegen?
Wir haben zu Beginn des Prozesses den Gemeindepräsidenten von Glarus Nord eingeladen. Er hat uns erzählt: Auch nach der Fusion zu Glarus Nord seien die Leute Näfelser oder Molliser, sie behielten ihre Identität. Genau so wird es im Kirchenkreis 1 sein. Im gleichen Kreis zu sein heisst ja nicht, die eigene Identität aufzugeben. Sie soll erhalten bleiben, aber das Bewusstsein, in einem grösseren Kreis zusammengeschlossen zu sein, muss wachsen. Und die Altstadtkirchen können ihre Angebote auch innerhalb eines Kreises problemlos verschieden profilieren. Aber es gibt natürlich auch hier Auseinandersetzungen und Diskussionen.

 

Momentan experimentieren drei Pilotkirchenkreise. Wie muss man sich das vorstellen?
In den Pilotkirchenkreisen gibt es sehr unterschiedliche Kulturen der einzelnen Kirchgemeinden, die sich jetzt in der Zusammenarbeit finden müssen. Diese neuen Kulturen müssen «bottom up», von der Basis her, wachsen. Theoretische Konzepte bringen wenig, wichtig ist das Erproben des Arbeitsalltages. Wir sind aber noch nicht in der Umsetzung, sondern müssen zuerst einmal die Bedürfnisse erkennen. Und dann sieht man das Potenzial und zieht beispielsweise die Konfirmandenarbeit zusammen oder konzentriert die Jugendarbeit an einem Ort.

 

Sind Sie der Kantonalkirche nicht zu schnell? Diese will mit dem Projekt «Kirchgemeindeplus» auch Zusammenschlüsse im Kanton fördern.
Wir sind wohl tatsächlich schnell. Gleichzeitig müssen wir wegen der Vorgaben der Abstimmung von 2014 und auch wegen der Glaubwürdigkeit schnell sein, wir haben einen Volksauftrag. Unser «Speed» hilft wiederum auch der Landeskirche. Bei «Kirchgemeindeplus» gibt es enorme Widerstände. Da ist es gut, dass jemand zieht. Das sieht der Kirchenrat auch, und er bemüht sich, die Rahmenbedingungen auch für die Entwicklung der Kirchgemeinde Stadt Zürich zeitgerecht anzupassen.

 

Die Synode diskutiert am 5. Juli einen Bericht des Kirchenrats zu «Kirchgemeindeplus». Falls sie ihn zurückweist, könnte es Probleme bei Ihrem Fahrplan geben.
Das will ich nicht hoffen. Es ist ein guter und vor allem klärender Bericht. Und ich hätte schon gerne, dass man uns hilft, wenn wir vorangehen, und uns nicht behindert.

 

Und wenn die Synode den Bericht zurückweist?
Fragen Sie mich wieder nach dem 5. Juli. (lacht)

 

Im Extremfall müsste man ein Jahr anhängen.
Das möchte ich partout nicht. Man kann einen Marathon nicht während des Rennens verlängern. Dann reicht die Energie und die Motivation für diese Gewaltaufgabe nicht mehr. Und die Unsicherheit für die Mitarbeitenden ginge weiter. Das sollten wir nicht zulassen. Aber auch wenn alles klappt, ist im Januar 2019 nicht alles in Stein gemeisselt.

 

Wo werden Sie im Januar 2019 sein?
Mein Auftrag läuft bis Mitte 2018, eventuell mit einer Verlängerung bis Ende 2018. Wie die Reise dann weiter geht, werden wir sehen.